Gefärbte Vision - DER SPIEGEL
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KONJUNKTUR Gefärbte Vision

Die munteren Aufschwung-Parolen der Bonner Regierenden haben mit der Lage der deutschen Wirtschaft wenig zu tun. *
• aus DER SPIEGEL 33/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Helmut Kohl war wieder mal sehr zufrieden mit sich. Die wirtschaftliche Erholung, verkündete der Kanzler im Juni, sei »in Gang gekommen«. Seine »Strategie gegen die Arbeitslosigkeit und für die Genesung der Wirtschaft«, so der oberste Christdemokrat, sei bereits »voll bestätigt«.

Kohls tönende Wirtschaftsschau steht auch heute noch, zwei Monate später, in bemerkenswertem Widerspruch zur Wirklichkeit. Die Arbeitslosigkeit ist ungebrochen, die Masseneinkommen sinken real, der private Verbrauch stagniert. Die Produktion der Industrie fällt gegenüber dem Vorjahr (siehe Graphik). Investitionen und Exporte schrumpfen.

Aussicht auf baldige Besserung besteht nicht. Letzte Woche stieg der Kurs des Dollar auf 2,73 Mark, der höchste Kurs seit neun Jahren. Der unaufhaltsame Höhenflug der US-Valuta wird, soviel ist absehbar, die heimischen Zinsen weiter in die Höhe reißen.

Es sind, vor allem, verführerisch hohe Zinsen in Amerika, die Kapital aus der Bundesrepublik abziehen und den Dollar so attraktiv machen. Nur wenn auch in der Bundesrepublik die Zinsen hoch bleiben, kann verhindert werden, daß noch mehr Kapital entschwindet.

Die hohen Zinsen - für Hypotheken werden schon wieder bis zu 9,5 Prozent verlangt - gefährden die ohnedies flaue Konjunktur zusätzlich: Der Bau von Fabriken wird unrentabel, der Bau von Eigenheimen unbezahlbar.

Für einen »nachhaltigen Konjunkturaufschwung«, verkündete Anfang August das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung, gäbe es bislang »noch keine Grundlage«. Die Forscher des Münchner Ifo-Instituts sagten vorige Woche voraus, daß sich die Produktion im nächsten Jahr verlangsamen werde.

Doch je trister die Aussichten sind, desto lauter werden die Anfeuerungs-Reden der Kohl-Mannschaft.

Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff schönt die Konjunktur besonders oft und gern. Den drastischen Kursverfall der Mark verkauft der Minister dem Volk jetzt sogar als Balsam für die Wirtschaft: »Das ist für unser exportorientiertes Land ein wesentlicher Konjunktur-Motor.« Deutsche Produzenten, so Lambsdorff, könnten ihre Ware im Ausland nun entsprechend billiger anbieten.

Auf einmal. Jahrelang war es anders von Lambsdorff zu hören - daß eine schwächere Mark weniger die Exporte fördere, als vielmehr die Importe verteuere und damit zusätzlich Inflation ins Land brächte.

Der Bundesverband des Groß- und Außenhandels bestritt denn auch sogleich die frohgemuten Lambsdorff-Thesen: Von dem hohen Dollar-Kurs profitieren nur jene Exporteure, so der Verband, die in Dollar abrechnen. Benachteiligt aber seien alle Produzenten - durch stark verteuerte Rohstoff-Einkäufe. Öl, beispielsweise, wird grundsätzlich in der US-Währung abgerechnet.

Lambsdorffs Aufschwung-Parolen sind nahezu deckungsgleich mit den Konjunktur-Analysen der Frankfurter Bundesbank. In ihren »Monatsberichten« beschwören die Staatsbankiers ständig die Wende zum Besseren. Seit Jahresbeginn hätten »die konjunkturellen Auftriebskräfte wieder die Oberhand gewonnen«, heißt es da.

»Die Investitionsbereitschaft der gewerblichen Wirtschaft«, möchten die Bundesbanker glauben machen, sei größer geworden. Und auch die privaten Verbrauchsausgaben erwiesen sich als »Stütze«. Der Boom im Wohnungsbau und der Autoabsatz sollen den Beweis liefern.

Um solche und ähnliche Trends belegen zu können, müssen sich die Statistiker und Volkswirte in Frankfurt und Bonn schon etwas anstrengen. Da wird ein windiges »Saisonbereinigungsverfahren« eingesetzt, angeblich um Schwankungen im Jahresverlauf zu tilgen. Zusätzlich gibt es einen »Zweimonatsvergleich« und einen »gleitenden Dreimonatsdurchschnitt«.

Wenn diese Methoden nichts bringen, findet Lambsdorff immer noch einen Dreh. Als das Statistische Bundesamt berechnete, die Bestellungen seien im April im Vergleich zum Vorjahresmonat um fünf Prozent gesunken, und der unpassende Wert mit allen gängigen Verfahren nicht mehr wegzubügeln war, zauberten Lambsdorffs Beamte gleichwohl einen »Zuwachs« hervor.

Die Minuszahlen würden »kein zutreffendes Bild« vermitteln, ließ der Minister

erklären. Viel »aussagefähiger« sei ein Vergleich der Monate März/April 1983 mit den Monaten September/Oktober 1982. Das Ergebnis überrascht kaum: Das ursprüngliche Minus von fünf Prozent wurde in ein »saisonbereinigtes« Plus von vier Prozent gedreht.

Ähnlich locker geht Bauminister Oscar Schneider mit Zahlen um. Im ersten Halbjahr 1983 seien die Baugenehmigungen um satte 24 Prozent gestiegen, verkündete der CSU-Mann. Sein Sofortprogramm würde den Bau von 100 000 zusätzlichen Wohnungen auslösen. Schneider: »Eine durch und durch positive Bilanz.«

Wohl kaum. »Die Zunahme der Baugenehmigungen im Wohnungsbau darf nicht mit Baufertigstellungen verwechselt werden«, korrigiert sofort der Bauindustrieverband aus Hamburg. So ist es wohl: Mancher, der die Reden vom Aufschwung ernst nahm und eine Baugenehmigung beantragte, zögert nun. Denn trotz tüchtiger Subventionen dämpfen steigende Zinsen und sinkende Einkommen die Baulust vieler Bundesbürger wieder.

In Schneiders gefärbte Vision paßt auch nicht so recht der Rückgang beim öffentlichen Bau, im Tiefbau und im Auslandsbau. Insgesamt lag die Produktion der Beton-Branche in den ersten sechs Monaten noch unter dem dürftigen Niveau vom Vorjahr. Die Zahl der arbeitslosen Bauarbeiter stieg um 13 Prozent auf 126 000.

Als ähnlich lasch erweisen sich die »kräftigen Anregungen« (Bundesbank), die angeblich von kauffreudigen Verbrauchern ausgehen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes fiel der private Verbrauch im ersten Quartal 1983 real um einen halben Prozentpunkt unter den Stand des Vorjahres. Im ersten Halbjahr setzten die Einzelhändler lediglich 0,4 Prozent mehr Ware ab.

Diesen winzigen Zuwachs konnte der Handel nur deshalb verbuchen, weil eine Branche echt floriert - das Geschäft mit neuen Autos. Von Januar bis Juni wurden 1,4 Millionen neue Personenwagen in den Verkehr geschleust, 13 Prozent mehr als im Jahr davor.

Doch so schön diese Pluszahlen für den Autohandel sind, über die Beschäftigung der Autoindustrie sagen sie wenig aus. Die Automobilfabrikanten sind zwar prächtig mit der Inlandskundschaft im Geschäft. Wie viele andere Industriezweige leidet aber auch die Autobranche darunter, daß die Verkäufe im Ausland seit Monaten zurückgehen.

Die allgemeine Export-Schwäche sorgte dafür, daß die Produktion der Autobauer im ersten Halbjahr um drei Prozent abrutschte. Die Zahl der Beschäfugten im gesamten Fahrzeugbau hat in Jahresfrist um fast 17 000 abgenommen.

Die schöne heile Welt der Bonner und ihrer Helfer im Lande ist durch derartige Fakten kaum zu beschädigen. Selbst Josef Stingl, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, ermunterte die Regierenden jetzt ganz überraschend mit einem »gedämpften Optimismus«.

Auf dem Arbeitsmarkt habe sich die »Abwärtsbewegung verlangsamt«, so Stingl, die Zahl der Arbeitslosen habe »saisonbereinigt nur wenig zugenommen«. Über 2,2 Millionen nicht saisonbereinigte Arbeitslose, fast eine halbe Million mehr als vor einem Jahr, dürfen sich über solche Worte wundern.

Gewiß, irgendwann wird wohl auch diesem Abschwung wieder ein Aufschwung folgen. Doch solange Käufern und Investoren von den USA ein abenteuerlich hohes Zinsniveau aufgezwungen wird, solange in vielen Abnehmerländern der Deutschen die Konjunktur gedrückt bleibt und solange die Einkommen der heimischen Endverbraucher schrumpfen - solange wird die wundersame Wende ausbleiben.

Die Bonner Koalitionäre können derweil noch viele schöne Reden halten und geschönte Zahlen ausstreuen. Das macht schließlich auch Sinn. »Niemand«, sagt Finanzminister Gerhard Stoltenberg, »darf Wirtschaft und Bürger entmutigen.«

[Grafiktext]

PRODUKTION PURZELT Veränderung der Produktion gegenüber dem Vorjahr in Prozent (von Kalender-Unregelmäßigkeiten bereinigt) Industrie plus minus Bergbau plus minus Baugewerbe plus minus 1. Halbjahr

[GrafiktextEnde]

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