Gegen den Trend: Welche Krankenkassen billiger wurden - DER SPIEGEL
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Gegen den Trend Welche Krankenkassen billiger wurden

Beitragsschub für 30 Millionen Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung: Mehr als hundert Krankenkassen sind zur Jahreswende teils deutlich teurer geworden, noch mehr als bisher angenommen. Vier Kassen aber wurden billiger - und zwei beließen ihre Beiträge vorerst unter 11,9 Prozent.
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Berlin - Der Kostendruck im Gesundheitswesen treibt immer mehr Versicherer in die Zweckehe. Gab es vor zehn Jahren noch über 1200 gesetzliche Krankenkassen in Deutschland, waren es zuletzt weniger als 350. Vor allem die Betriebskrankenkassen (BKK) fusionieren.

Zum 1. Januar 2003 sind abermals 22 BKK durch Fusionen aufgelöst worden. Ein besonders prägnantes Beispiel: Die Volkswagen BKK ist - dem Namen nach - verschwunden und in der Deutschen BKK aufgegangen. Schon der Name suggeriert: Hier ist eine Kasse, die Großes plant. Immerhin vereint sie die BKK-Versicherten von Telekom, Postbank, Post - und neuerdings eben VW.

Gute Zeiten am Bodensee

Vielleicht ist es unter anderem die Fusionitis, die den BKK erlaubt hat, ihr Beitragsniveau unter dem Normalsatz zu halten. Im Schnitt verlangen die BKK nämlich einen Beitragssatz von 13,6 Prozent, die anderen Kassentypen gemeinsam nehmen durchschnittlich 14,5 Prozent. Der Satz der Deutsche BKK übrigens ist mit 14,3 Prozent, verglichen mit dem kleinerer Konkurrenten, nicht allzu attraktiv.

In einigen Fällen führte eine Fusion zur Jahreswende 2002/03 zu spürbaren finanziellen Vorteilen für die Versicherten. Allerdings waren davon meist die Mitglieder kleinerer Kassen betroffen: So sanken zur Jahreswende die Beiträge der bisherigen BKK DuMont, mit 15,9 Prozent früher rekordverdächtig hoch, auf 13,8 Prozent, weil die Kasse in der günstigeren BKK Rhein-Sieg aufging. Die BKK Bodensee & Südwest, mit 14,9 Prozent ebenfalls nicht eben billig, firmiert nun unter dem Dach der BKK Zollern-Alb. Die erhöhte ihren Satz zum Jahreswechsel zwar von 13,2 auf 13,7 Prozent - aber immerhin für die früheren Bodensee-Versicherten bedeutetet das eine markante Verbesserung. Glück hatten auch die Mitglieder der BKK Busch Bestwig, die in der BKK Westfalen-Lippe aufging. Sie verlangt 13,7 Prozent.

Über 30 Millionen Betroffene

Für einen großen Teil der gesetzlich Versicherten werden die Krankenkassen-Abzüge indes abermals steigen - denn noch mehr Kassen als angenommen haben an der Beitragsschraube gedreht. Nach Zahlen des Bundesversicherungsamtes in Bonn, das die überregionalen Kassen kontrolliert, haben 108 Kassen ihre Sätze hochgeschraubt - und das, obwohl Bundessozialministerin Ulla Schmidt die Beiträge mit einem kontroversen Eilgesetz einfrieren wollte. Rein regionale Kassen, darunter sind die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), sind in dieser Zahl noch nicht einmal eingerechnet.

Ingesamt sind nach Angaben des Branchenblattes "Dienst für Gesellschaftspolitik" rund 26 Millionen Kassenmitglieder von der Beitragsinflation betroffen. Zu den Kassen, die erhöhten, gehören die großen Ersatzkassen wie Barmer und KKH (von 14,5 auf 14,9 bzw. 14,8) und die Deutsche Angestelltenkrankenkasse (DAK, von 14,5 auf 15,2). Aber auch mehrere AOK verteuerten sich. Die Ortskrankenkasse Baden-Württemberg etwa, die immerhin 4,2 Millionen Menschen versichert, steigerte ihren allgemeinen Satz um 0,7 Punkte auf 14,9 Prozent.

Die Negativ-Meister

Die "Völkerwanderung" im deutschen Kassenwesen dürfte sich damit weiter fortsetzen. Weil der Wechsel zu den Privaten erschwert wurde, dürften nun vor allem die BKK vom Wunsch nach Sparsamkeit profitieren. Die DAK, zweitgrößte Ersatzkasse Deutschlands, hat nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung infolge der Beitragserhöhung bereits 50.000 Mitglieder verloren, viele dürften zu einer Betriebskrankenkasse abgewandert sein. Allerdings: Nicht jede BKK ist billig. So verlangt die BKK Berlin einen Rekordsatz von 15,7 Prozent.

Zu den vier Kassen, die billiger wurden, gehört auch die BKK Mobil Oil, mit über 700.000 Versicherten nach eigenen Angaben die zweitgrößte Betriebskrankenkasse. Lange hielt sie den Meistertitel als billigste Krankenkasse Deutschlands. Im Oktober aber wurde sie von den Aufsehern des Bonner Bundesversicherungsamtes (BVA), das auch die Liquidität der Kassen kontrolliert, zu einer drastischen Beitragserhöhung gezwungen - von 11,2 auf 12,8 Prozent.

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Der Konflikt wurde von Fachleuten viel beachtet, die BKK MobilOil versuchte, ihn zum Politikum zu erklären. Sozialministerin Schmidt, suggerierten Vertreter der Kasse, habe das BVA wohl persönlich darauf hingewiesen, dass sie Beitragssätze unterhalb von zwölf Prozent für unangemessen hält. Die BKK MobilOil zog vors Gericht - und gewann. Das niedersächsische Landessozialgericht gab kurz vor Weihnachten einem Eilantrag der Kasse statt, die ihren Satz daraufhin wieder auf 12,2 Prozent senken konnte.

Ihren Ehrentitel als billigste der Billigen freilich haben die MobilOiler eingebüßt. Von den überregional aktiven Krankenkassen haben noch zwei ihren Satz unter zwölf Prozent belassen: Die junge BKK Essanelle aus Düsseldorf, Ableger der Essanelle Hair Group, und die Taunus BKK aus Hessen verlangen jeweils 11,9 Prozent - weitere Steigerungen nicht ausgeschlossen.

Matthias Streitz