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Raumfahrt Gegen Null

Die Bonner Weltraum-Politiker sind in arge Geldnot geraten. Doch es werden weiter Milliarden ausgegeben, die Zwänge sind zu groß.
• aus DER SPIEGEL 13/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Forschungsminister Heinz Riesenhuber lief zu großer Form auf. Lässig ans Pult gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt oder gestenreich durch die Luft wirbelnd, deckte er auf der Raumfahrt-Tagung des Vereins Deutscher Ingenieure die Techniker mit wohlgesetzten Worten ein.

Des Ministers Lieblingsvokabeln »komplex« und »System« hatten Hochkonjunktur. Begeistert feierte der Mann mit der Fliege vergangene Satelliten-Erfolge bei der Erkundung der »Geschichte der Welt und der Zeit«. Es ginge im All um nichts Geringeres als »die Fähigkeit Europas, seinen Rang zu behaupten« - nicht nur am Himmel, sondern auch auf Erden.

Des Ministers Lobpreisung galt ausgewiesenen Stars am Firmament wie dem unbemannten Kometen-Kundschafter »Giotto«. Der Blick ging aber auch in die Zukunft. Riesenhuber hielt ausdrücklich an den umstrittenen, milliardenverschlingenden europäischen Großprojekten der bemannten Raumfahrt fest, der schubstarken Rakete »Ariane 5«, dem Raumgleiter »Hermes« und der zur geplanten US-Raumstation »Freedom« gehörenden europäischen Zugabe »Columbus«.

Die Botschaft des Ministers: Raumfahrt tut not. Doch sie tut dem finanziell knapp gehaltenen Ressortchef auch weh. Ganz allmählich mischten sich unter die kosmische Üppigkeit verheißenden Wortkaskaden nüchterne Töne. »Der Obertitel« bei den drei Großprojekten sei nun »Kürzen und Strecken«, lehrte Riesenhuber beiläufig. Die Vokabel »sparen« häuft sich, sie verheißt Weltraum-Enthaltsamkeit.

Die Doppeldeutigkeit seiner Botschaft übertünchte All-Förderer Riesenhuber mit Beredsamkeit. Als er nach einer Stunde verschwand, hatten die Zuhörer jener Tagung am vorvergangenen Mittwoch nicht viel mehr über das weitere Schicksal der Bonner Glitzerprojekte im Weltall erfahren.

Wie auch. Riesenhuber weiß selbst nicht, wie es weitergeht. Keines der kostspieligen Astronautengefährte, die vor vier Jahren beschlossen wurden, ist bislang finanziert. Das internationale Tauziehen um Anteile und Sparversionen ist voll im Gang.

Die vernünftigste Lösung wäre, aus der Not eine Tugend zu machen und sich aus der bemannten Raumfahrt zu verabschieden. Doch diese Variante hat keine Chance. Außenpolitische Rücksichten auf Paris, Rom und Washington werden einen Kompromiß erzwingen, der das Unsinnige rettet und dafür Sinnvolleres aus der Raumfahrt opfert.

Bereits 1973 hatten die Europäer sich prinzipiell für die bemannte Raumfahrt entschieden. In den achtziger Jahren machte die Lobby bei Wählern und Politikern Stimmung für die drei Großprojekte. 1987 schließlich beschloß der Ministerrat der europäischen Weltraumagentur Esa, Rakete, Raumgleiter und Raumstation zu entwickeln und zu bauen. Die Hauptlast tragen Frankreich, Deutschland und Italien. Paris zahlt das meiste bei Hermes und Ariane, Bonn und Rom legen bei Columbus vor.

Der Vertrag, seinerzeit in Den Haag unterschrieben, gestattet ein Entkommen nur, wenn die Kosten um mehr als 20 Prozent überschritten werden. Da diese Grenze längst erreicht ist, mühen sich Industrie und Esa um Auswege. Die Linie lautet: Die Preise werden formal gehalten, doch es wird weniger geliefert.

Hermes zum Beispiel sollte ursprünglich bis zu sechs Astronauten tragen, jetzt sind es höchstens noch drei. Die Nutzlast schwand von Jahr zu Jahr dahin, jetzt tendiert sie fast gegen Null.

Immer schwerer tun sich die Weltraum-Fans mit den Begründungen für den Transport von Menschen ins All. Noch 1982 hatte die Deutsche Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt in Hochglanzbroschüren von baldiger Produktion im Weltraum geschwärmt; Galliumarsenid von unerhörter Vollkommenheit, Turbinenschaufeln mit wundersamen Eigenschaften sollten im Raum entstehen.

Für die Politiker aller Couleur war das rasch gängige Münze. Zusätzlich schwärmten sie von technischer Nutzung der bei der Raumfahrt gewonnenen Erkenntnisse ("spin offs"), der Befruchtung ganzer irdischer Technikbereiche durch die Raumfahrt.

Nichts davon hatte Bestand. »Vor allem nichtfundierte Prognosen über die raschen Anwendungsmöglichkeiten im Weltraum«, räumte der Physiker Reimar Lüst jetzt ein, hätten sich im Verein mit »mittelmäßigen oder trivialen« Schwerelosigkeitsexperimenten negativ ausgewirkt. Lüst: »Ich selbst habe die Mikrogravitationsforschung nie als entscheidendes Argument für die bemannte Raumfahrt angesehen.«

Die physikalischen Gesellschaften der USA und der Bundesrepublik kamen in wohlbegründeten Memoranden zum gleichen Ergebnis: Mit physikalischer Forschung unter Schwerelosigkeitsbedingungen läßt sich der Milliardenaufwand nicht begründen.

Dieser Forschungsbereich sei nicht erkenntnisträchtig genug, die meisten Experimente könnten entweder auch auf der Erde oder unbemannt von Robotern erledigt werden. Die US-Physiker urteilten lakonisch: »Eine wissenschaftliche Rechtfertigung für eine ständige bemannte Raumstation in einer Erdumlaufbahn fehlt.«

Die Übertragung von Spitzentechnik auf andere Produktionsfelder erwies sich ebenfalls als Windei. Die Raumfahrt bedient sich an der Forschung auf anderen Feldern, nicht umgekehrt.

Nicht nur die Motive sind dahingeschwunden, auch das Geld. Im Zeitraum von 1990 bis 2000 wollte die Bundesrepublik sich die bemannte und unbemannte Raumfahrt etwa 30 Milliarden Mark kosten lassen. Nun gesteht Finanzminister Theo Waigel seinem Forschungskollegen aber hartnäckig nur gut 21 Milliarden zu. Bleibe es dabei, so Riesenhuber schroff, dann müsse eines oder müßten gar zwei der Großprojekte gestrichen werden.

Im Moment arbeiten die Fachleute der Deutschen Agentur für Raumfahrtangelegenheiten (Dara) mit Hochdruck an Sparmodellen. Die können nur Wirklichkeit werden, wenn Europäer und Amerikaner sich einigen.

Das aber ist schwer. Die Interessen von Bonn und Paris und Washington klaffen meilenweit auseinander. Sie zusammenzuführen, so Dara-Chef Wolfgang Wild, komme der »Quadratur des Zirkels« gleich.

Ein Ansatzpunkt ist die Sparsamkeit der Amerikaner. Die wollen ihre Weltraumstation »Freedom« bescheidener ausstatten und 30 Prozent weniger ausgeben. Das muß Folgen für Columbus als Teil des US-Projekts haben.

Columbus besteht aus drei Teilen. Ein in die Station integriertes Labor ist für die Italiener und die Amerikaner besonders wichtig. Das soll etwa wie geplant bleiben.

Als besonders zukunftsträchtiger Teil gilt der sogenannte Freiflieger, ein von Columbus losgelöster Teil der Station. Auf diesem Freiflieger sollen langfristige Experimente ablaufen, vor allem Forschung unter Schwerelosigkeit.

Den Freiflieger will Riesenhuber, so sehr er daran hängt, zunächst aufgeben, in der Hoffnung, ihn irgendwann doch noch verwirklichen zu können.

Der dritte Teil ist die unbemannte Polare Plattform, die zwecks Erderkundung auf einer polaren Bahn die Erde umkreisen soll. Diese Plattform soll verkleinert werden und zusammen mit einer Versorgungseinheit zunächst an die US-Station angedockt werden - mit der Möglichkeit, sie irgendwann nach dem Jahr 2000 zu lösen und vielleicht doch noch zu einem richtigen Freiflieger zu mausern.

Eine solche Sparversion versteht der Bonner Minister als Kompromiß zu Lasten der Bundesrepublik, der ein Entgegenkommen von Frankreich auslösen soll.

Paris ist hauptsächlich am Raumgleiter Hermes interessiert. Der aber hat nur einen Zweck: alle sechs Monate den unbemannten Freiflieger zu versorgen und zu warten. Wenn es vor 2000 keinen Freiflieger gibt, so die Bonner List, dann braucht Europa vorerst auch Hermes nicht.

Die Regierungen könnten sich auf ein verkleinertes, unbemanntes Modell einigen und erst nach 1996 entscheiden, ob jemals ein bemannter Raumgleiter gebraucht wird. Selbst dieser abgemagerte Apparat kostet aber noch einige Milliarden mehr, als Riesenhuber jetzt in der Kasse hat.

Die Bonner Logik erscheint den Franzosen als Aberwitz. Der Pariser Post- und Raumfahrtminister Paul Quiles ist ungebrochen von Hermes begeistert. Er hat nur ein Ziel: eigenständig, ohne Hilfe von Amerikanern und Russen, einen Menschen in den Raum zu befördern.

Teutonische Zweifel am Sinn solcher Operationen sind Quiles fremd. Frankreichs »gloire«, das Prestige der technikbesessenen »grande nation« steht auf dem Spiel - und Staatspräsident Mitterrand unterstützt seinen Raumfahrtminister tatkräftigst.

Beharren die Franzosen auf dem Standpunkt, das Projekt Hermes dürfe höchstens unwesentlich in der Zeit gestreckt werden, dann ist die fachlichtechnische Diskussion zu Ende. Dann sind auch Dara-Chef Wild und Riesenhuber am Ende.

»Le grand Francois« (Helmut Kohl) wird in diesem Fall seinen Freund, den Bundeskanzler, auf die Vertragslage hinweisen und um Ablieferung der Milliarden bitten. »Dann wird Hermes durchfinanziert«, prophezeit Wirtschaftsstaatssekretär Erich Riedl, und wenn Bonn noch mehr Schulden machen müßte.

Mit Forschungspolitik kann ein solches Programm endgültig nicht mehr begründet werden. Der Bonner Physiker Theo Mayer-Kuckuk hat die gängigen Motive zusammengefaßt, die für den Milliarden-Coup dann noch geltend gemacht werden könnten: *___"Die anderen tun es auch« oder das Konkurrenzmotiv. Der ____Professor: »Das schlechteste aller Motive.« *___Der Drang, Grenzen zu überschreiten, neue Dimensionen ____zu erschließen. Das sei das »Sportmotiv«, dann müsse ____das Fernsehen zahlen. *___Die Verpflichtung, als Industrienation auf der Höhe der ____Technik zu sein. Das sei das »Werbemotiv«, dann müsse ____der Wirtschaftsminister zahlen. *___Die europäische Zusammenarbeit werde gefördert, das ____Nationalbewußtsein gehoben. Dafür solle der ____Außenminister Geld bereitstellen.

Der Chemiker Riesenhuber wird die Ratschläge des Physikers Mayer-Kuckuk in der Schlacht um seinen Etat noch gut brauchen. o

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