Gehaltsdiskussion: Manager in der Neid-Falle - DER SPIEGEL
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Gehaltsdiskussion Manager in der Neid-Falle

Derzeit dominieren in der Debatte um üppige Managerlöhne in erster Linie die Aspekte Moral und Anstand. Doch die Chefs sollten auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen mehr Bescheidenheit üben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Pater Anselm Bilgri ist ein nüchtern denkender Mensch. Nach Einschätzung des ehemaligen Cellerars des Klosters Andechs greift die moralinsaure Kritik an der Raffgier der Manager zu kurz.

Die Moral des Chefs ist laut Bilgri vor allem deshalb wichtig, weil sie einen entscheidenden Anteil daran hat, ob es einer Firma gut geht oder nicht. Wer moralische Werte mit Füßen trete - etwa durch eine ungenierte Selbstbedienungsmentalität - der zerstöre damit gleichzeitig die Glaubwürdigkeit der Marke, so der Pater. Und "wo man solche Werte zerstört, ist die Vernichtung von Kapitalwerten nicht weit".

260 Milliarden Euro gehen verloren

Überzogene Managergehälter als Ursache für den Wertverlust eines Unternehmens - die These dürfte streng wissenschaftlich nur schwer zu belegen sein. Doch die hitzige Diskussion zeigt, dass ein zu steiles Lohngefälle als extrem ungerecht empfunden wird. "Es entsteht das Gefühl, zu schlecht wegzukommen", sagt Edgar Piel, Forscher am Institut für Demoskopie Allensbach. Zwar habe man derzeit noch keine konkreten Zahlen zur Hand, aber der Gedanke liege nahe, dass sich eine solche Stimmung negativ auf die Motivation auswirken werde. "Bereits jetzt engagiert sich nur rund die Hälfte der Berufstätigen in Deutschland im Job oder tut mehr als verlangt wird", sagt Piel.

Im Prinzip lässt sich der Effekt auch in bare Münze umrechnen, auch wenn dabei viele Faktoren eine Rolle spielen. Laut einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts Gallup gehen den Firmen jedes Jahr 260 Milliarden Euro durch mangelndes Engagement, hohe Fehlzeiten und niedrigere Produktivität verloren. In konkreten Einzelfall werden jeweils ganz andere Gründe für eine Krankmeldung den Ausschlag geben als die hohe Bezahlung von Jürgen Schrempp oder die Millionen-Abfindung für den Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser. Doch die in aller Öffentlichkeit geführte Debatte trägt ihren Teil dazu bei, die Stimmung zu verderben.

Rache an unersättlichen Managern

Nach Einschätzung von Ökonomen ist diese Entwicklung fatal - umso mehr, als die Beispiele extremer Überbezahlung in Deutschland die Ausnahme sind. Wenn das Thema zur Sprache kommt, fallen regelmäßig die Namen Esser, Ackermann, Schrempp oder der des Eon-Vorstandschefs Ulf Bernotat. "Das sind Einzelfälle", schränkt Alexander von Preen, Partner beim Gehaltsspezialisten Kienbaum zwar ein, "aber die bringen die gesamte Managerkaste in Misskredit und führen zu Misstrauen auch gegenüber denjenigen, die sich korrekt verhalten."

Dabei seien die Weichen längst gestellt. "In Zukunft werden sich die Gehälter der Manager viel stärker an der Entwicklung des Unternehmens orientieren", sagt Preen. So sei zum Beispiel die Zuteilung von Aktienoptionen, die in der Boomphase der New Economy zu exorbitanten Gehaltszuschlägen geführt hätten, weitgehend abgestellt worden. Mit den neuen Systemen zur Gehaltsberechnung würden schlechte Ergebnisse nun viel häufiger auch zu spürbaren Gehaltsabschlägen führen, so der Kienbaum-Berater.

Ob diese Maßnahmen ausreichen, ist jedoch noch keineswegs sicher, denn längst hat sich die Diskussion verselbständigt. Einkommensmillionäre, die zehn Prozent ihres Gehalts verlieren, erwecken nicht das gleiche Mitleid wie ein Arbeiter, der auf den gleichen Anteil verzichten muss. Das Gefühl, dass "die da oben" sich Jahre lang rücksichtslos bedient haben, schreit nach Rache.

Außerdem erfährt kaum jemand, wie groß die Abschläge tatsächlich sind. Denn die von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries geforderte Transparenz der Vorstandsbezüge erfüllen nur die wenigsten Konzerne. Zwei Drittel der Dax-Unternehmen geben keine Auskunft über indivuelle Entlohnungen. Zusatzleistungen wie Limousine, Dienstvilla oder Bonuszahlungen tauchen auch bei den anderen nicht auf. Das nährt Misstrauen: Die Bosse werden schon Wege finden, sich trotz vordergründigen Verzichts schadlos zu halten.

Tricksen mit Pensionsansprüchen

Einer dieser Wege ist eine Änderung bei den Pensionsansprüchen. Sie kann den Wegfall der Aktienoptionen bei weitem übertreffen. Etwa 70 Prozent des letzten Grundgehalts erhalten Vorstände nach grober Schätzung von Experten im Schnitt, wenn sie sich zur Ruhe gesetzt haben. Häufig wird diese Regelung bereits nach dem ersten Dienstjahr gültig. Wie hoch diese Hypothek für die Zukunft ist, ist nicht einmal zu schätzen. Eine Verpflichtung zur Offenlegung der Pensionsansprüche aktiver Vorstände sieht das Aktienrecht nämlich nicht vor.

Fachleute lästern ohnehin bereits öffentlich, dass die Optionen lediglich aus bilanztechnischen Gründe gestrichen worden sind. Auf Grund der geänderten Vorschriften gingen die Kosten für die Optionsprogramme in Zukunft voll in die Gewinn- und Verlustrechnung der Konzerne ein, erläutert Reinhild Keitel, Pressesprecherin der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. "Was bislang mit äußerster Diskretion behandelt wurde, wäre plötzlich für alle sichtbar."

Um langfristig das Vertrauen in die Top-Manager wieder herzustellen und die Debatte wieder zu beruhigen, müssten Manager Hintertürchen dieser Art so schnell wie möglich wieder schließen, sagt auch Barbara Hartmann, Partnerin bei der Personalberatung Heidrick & Struggles, die Unternehmen in Gehaltsfragen berät. Den Aufsichtsräten käme als Kontrollinstanz dabei eine besondere Verantwortung zu. Ohnehin besteht ihrer Meinung nach in den Aufsichträten der größte Reformbedarf: "Die Verflechtung mit den Vorständen ist in vielen Fällen viel zu eng. Interessenkollisionen sind damit programmiert."