Gehaltsverzicht bei Top-Managern: Die Ein-Dollar-Elite der Wall Street - DER SPIEGEL
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Gehaltsverzicht bei Top-Managern Die Ein-Dollar-Elite der Wall Street

Sie geben sich bescheiden: Angesichts von Konjunkturflaute und Kreditkrise nehmen US-Spitzenmanager nur einen symbolischen Dollar als Gehalt - wie Apple-Chef Steve Jobs. Was selbstlos aussieht, ist nichts als Kalkül: Steuergünstige Aktienoptionen lohnen sich mehr.
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New York - John Mackey hat genug. Zumindest genug Geld: "Ich habe eine Phase meines Lebens erreicht", befand der Gründer und Vorstandschef des texanischen Bio-Supermarktkonzerns Whole Foods, "in der ich nicht länger für Geld arbeiten will." Sprach's - und stutzte sein Jahresgehalt auf einen Dollar.

Mackey ist nicht der Einzige. Immer mehr US-Konzernchefs greifen zur Gehaltsschere und reduzieren ihr Salär auf einen symbolischen Dollar. Zwar konstatierte die "New York Times" in ihrer diesjährigen Bilanz amerikanischer Top-Manager-Gehälter die übliche Raffgier. Doch ein paar halten bewusst dagegen: mit einem Dollar Gehalt - oder sogar gar nichts. Darunter finden sich neben Mackey relativ unbekannte Namen wie Richard Fairbank vom Finanzriesen Capital One und James Rogers vom Energiekonzern Duke Energy aus North Carolina. Aber auch globale Branchenstars wie Apple-Boss Steve Jobs, Eric Schmidt (Google) und Terry Semel (Yahoo) sind dabei.

Sie gelten als Elite innerhalb der Elite, als wohltätige Vorreiter in einer von Gier zerfressenen Welt. Das Wirtschaftsmagazin "Portfolio" krönte das Ein-Dollar-Gehalt sogar zum "schärfsten Statussymbol" - schärfer noch als "der Privatjet, eimerweise Aktienoptionen oder viele Kleinigkeiten wie Baseball-Saisonpässe oder Gratis-Reinigung".

Keine Selbstlosigkeit, sondern Kalkül

Doch auch wenn es die Trendsetter glauben machen wollen: Hinter dem Ein-Dollar-Trend stecken nicht nur das selbstloses Verantwortungsgefühl für das eigene Unternehmen oder die Einsicht, dass viele Shareholder die Diskrepanz zwischen schrumpfenden Bilanzen und steigenden Top-Gehältern nicht mehr länger mitmachen. Dahinter steckt auch eine gehörige Portion eigenes Ego - und, wie sich bei näherem Hinsehen herausstellt, cleveres Finanzkalkül.

Zum Beispiel John Mackey. "Ich arbeite bei Whole Foods nicht wegen des Geldes, das ich verdienen kann, sondern wegen der Freude, die es mir bereitet, eine großartige Firma zu führen", hatte der sein Gehaltsopfer begründet. Und in der Tat bekam er nach Berechnung der Research-Firma Equilar 2007 nur noch ein Restsalär von 93.500 Dollar, nebst Cash-Bonus (68.363 Dollar) und innerbetriebliche Nebenleistungen (297 Dollar).

Doch der verborgene Gewinn liegt in Mackeys Whole-Foods-Aktien: Deren Wert beläuft sich auf 57,2 Millionen Dollar, die Kapitalertragssteuer darauf beträgt höchstens 15 Prozent. Die Einkommensteuer auf ein Gehalt kann dagegen 35 Prozent erreichen.

Der Apple-Chef ist der "schlecht bezahlteste CEO der Welt"

Ähnliche Gedanken treibt auch den wohl prominentesten Gehaltsverzichter, Apple-Chef Steve Jobs. Dieser begnügt sich seit 1996, als er aus dem Firmenexil zu Apple zurückkehrte, mit einem Dollar Gehalt. Das hat ihm nicht nur viel gute Presse beschert, sondern auch einen Eintrag im "Guiness Buch der Rekorde": als "schlecht bezahltester CEO der Welt". Jobs eigenes Portfolio an Apple-Aktien ist allerdings mehr als 851 Millionen Dollar wert - von wegen schlecht bezahlt.

Tatsächlich wird Jobs Privatvermögen auf 5,7 Milliarden Dollar geschätzt. Überdies bekommt er vom Verwaltungsrat oft Sonderzulagen, wie etwa einen Gulfstream-Jet, und Aktienoptionen. Die allerdings entpuppten sich zeitweise als Problem: Sie verstrickten Jobs monatelang in einen Skandal um die Rückdatierung solcher Optionen, wegen dem er beinahe vor Gericht gelandet wäre.

Trotzdem wird der Gehaltsverzicht gerne als Akt der Solidarität mit den Angestellten präsentiert. "Mit diese Geste gebärdet sich der Top-Manager als 'Chef-Angestellter', der mit dem Schicksal der Company steht und fällt", sagte der Wirtschaftspsychologe Kerry Sulkowicz der "Business Week". "Natürlich kann das ein zweischneidiges Schwert sein, denn so heben sie ihren eigenen Vermögensstatus ja nur hervor - sie sind nicht auf Gehalt angewiesen."

Auch Google-CEO Schmidt konnte sein Salär ohne Sorgen auf einen Dollar reduzieren und so dem Vorbild der Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin folgen. Alle drei sind ohnehin längst Multimilliardäre. Schmidt bekam 2007 auf dem Papier einen Bonus von 1898 Dollar und Sonderleistungen (Computer-Hardware, Freiflüge) im Wert von 480.561 Dollar. Was aber wirklich zählt, ist sein Aktienvermögen. Aktuellster Stand: 6.552.360.758 Dollar.

Gewerkschaften lassen sich heute nicht mehr beeindrucken

Capital-One-Chef Fairbank, dessen Gehalt bei null Dollar liegt, konnte sich 2007 auf ein weiches Optionspolster von 17 Millionen Dollar verlassen, James Rogers von Duke Energy auf Aktienbesitz im Wert von 31,2 Millionen Dollar. Richard Kinder, der Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns Kinder Morgan (KMI), lässt sich neben seinem Ein-Dollar-Gehalt weder Optionen noch Bonusse oder Firmenjets zahlen und lebt einzig von der Dividende aus seinen 24 Millionen KMI-Aktien: bis zu 60 Millionen Dollar im Jahr.

Tatsächlich aber ist das "one dollar salary" keine neue Idee. Pionier war Lee Iacocca, der 1978 als Chrysler-Chef den Präzedenzfall schuf. Er tat dies unter starkem Druck: Chrysler ging es miserabel, und um massive Gehaltskürzungen durch die Bank bei den Gewerkschaften durchzudrücken, ging Iacocca mit eigenem Beispiel voran.

Heute lassen sich die Gewerkschaften davon so schnell nicht mehr beeindrucken. So hat der Gewerkschaftsbund AFL-CIO gegen Steve Jobs' Mini-Gehalt und seine Maxi-Optionen Dauerprotest eingelegt: "Die Geste ist eine Fassade", erklärte AFL-CIO-Finanzexperte Dan Pedrotty. "Sie verschleiert, was das Top-Management wirklich bekommt, und beleidigt die Intelligenz der Investoren."

Bei Jobs' Ein-Dollar-Gehalt wird es womöglich sowieso nicht mehr lange bleiben. Denn in einem Bericht an die US-Börsenaufsicht SEC heißt es: "Weil Mr. Jobs' Führung für Apple kritisch ist, erwägt das Kompensationskomitee für ihn zusätzliche Entgelt-Arrangements."