Volkswagen Geht auch
Am vergangenen Freitag gastierte das Trio in Hamburg, zuvor hatten sich die drei in Augsburg, Bochum und Mainz feiern lassen. Auf vier Großveranstaltungen kündeten VW-Chef Toni Schmücker, Verkaufsvorstand Horst Münzner und sein Inlandsdirektor Harald Wischenbart den Händlern des VW-Konzerns von besseren Zeiten. »Die Kollegen waren«, erinnert sich Hans Turnwald, Sprecher des VW-Händlerbeirates, »erstaunlicherweise einhellig begeistert.«
So erbittert sich Händler und Zentrale mit Prozeßdrohungen und Vertragskündigungen, Gutachten und Schadenersatzforderungen bekriegt hatten, so rasch vergaßen sie den monatelangen Streit, als der neue Mann aus Wolfsburg seine erste wichtige Entscheidung vortrug: Das 79 Generalvertreter starke VW-Großhandelsnetz soll nicht -- wie noch vor Wochen geplant
total zerschlagen, sondern mit den konzerneigenen acht Audi-NSU-Niederlassungen zusammengelegt und auf 22 Verteilerzentren eingedampft werden. Die Fusion der Einzelhandelsnetze der beiden Konzernfirmen soll später die Neuorganisation des Vertriebs abrunden »Nach Ostern«, versprach Verkaufschef Münzner, »geht es mit Vehemenz los.«
Schon vor der Rundreise hatten die Wolfsburger ihren alten Plan aufgegeben, die lukrative Großhandelsspanne von 3,25 Prozent für Autos und 17 Prozent für Ersatzteile selbst zu kassieren. Chef Schmücker entschied, daß der Konzern sich mit einer Kapitalbeteiligung von 26 Prozent an den neuen Verteilerzentren zu bescheiden habe. Die Sperrminorität soll garantieren, daß Wolfsburg direkten Einfluß auf Handel und Wandel der Großhändler gewinnt.
Zusammen mit der Neuorganisation präsentierten die drei aus Wolfsburg den Verkäuferscharen die Modelle des Jahres -- den Polo und den neuen Transporter.
Von den zwei Varianten des neuen Mittelklasse-VW (fünf Zylinder, 75 bis 110 PS), der im Frühjahr 1976 als Audi-Version (mit Fließheck) und als VW (mit Stufenheck) erscheinen sollte. mochten die Konzernstrategen nichts verraten. Schon strich Schmücker den Stufenheck-Typ. Und auch das Schwestermodell hat nicht die besten Chancen. Branchenkenner vermissen ein untrügliches Startsignal: Aufträge an die Maschinenbauhersteller für die Produktion der notwendigen neuen Pressen und Spezialwerkzeuge.
Die fällige Investition von etwa 500 Millionen Mark für Werkzeug und Pressen scheint einigen Wolfsburgern zu riskant, weil, so Insider. »in dieser Klasse der gute Audi 100 schon nicht geht, und man mit dem neuen doch nur ein weiteres Modell. das auch nicht geht. danebenstellen wurde«.
Besiegelt scheint auch das Schicksal des bislang überaus zähen Käfer. Weil der vor 41 Jahren konzipierte, nur mit hohen Arbeitskosten zu produzierende VW 1303 nicht mehr rentabel zusammengebaut werden kann, soll er nur noch als Cabriolet überleben. Als billigstes Auto des Konzerns soll dagegen der VW 1200 weiter angeboten werden.
Selbst diese Abstriche im Konzern-Programm werden die Wolfsburger freilich kaum von einer Hauptsorge befreien. Noch immer steckt der Volksaktienkonzern tief in den roten Zahlen, noch immer ist nicht abzusehen. wie die notleidenden Exporterlöse aufgebessert werden können.
Ein rentablerer Kapazitätsschnitt mit Massenentlassungen und Werksschließungen kommt kaum noch in Frage. Obgleich das Unternehmen nur noch zu 60 Prozent ausgelastet ist, verhindern erbitterte Proteste der badenwürttembergischen Landesregierung. der Gewerkschaften und der Stadt Neckarsulm die von Schmückers Vorgänger Leiding angepeilte Stillegung des Werkes in Neckarsulm.
Zwar tüftelt Produktionschef Günter Hartwich noch an einer Studie, in der die möglichen Alternativen zu einer Schließung ganzer Werke untersucht werden sollen. Doch in der für den 14. April einberufenen Aufsichtsratssitzung wird das Papier kaum den Ausschlag geben. Weder die beiden Großaktionäre. der Bund und das Land Niedersachsen. noch die Gewerkschaftsvertreter im VW-Aufsichtsrat können bei Konzernentschlüssen mitmachen, die, wie im Fall Neckarsulm, eine ganze Region in den Ruin treiben.
Zumindest einen hochbezahlten Angestellten freilich wird Audi NSU los: Vorstandschef Werner P. Schmidt hat beste Chancen, als Toni Schmückers rechte Hand zum neuen Wolfsburger Verkaufschef aufzusteigen. Chef-Verkäufer Münzner, dem Schmücker den langen Krach mit dem einst für die Branche vorbildlichen Händlernetz vorwarf, müßte dann in sein altes Ressort, den Einkauf. zurück.
Von einer Degradierung weiß selbst Münzner noch nichts Genaues: »Darüber wird viel geredet, mit mir gesprochen hat man noch nicht.«