COMPUTER Geile Ware
An der Tür der alten Backsteinvilla in Hamburg-Stellingen ist nirgendwo ein Firmenschild zu sehen. Nur einem Zettel für den »lieben Postboten« können etwaige Kunden entnehmen, daß hier neben den Mitgliedern einer Wohngemeinschaft auch die Firma System Partner GmbH zu finden ist.
Der Büroraum ist ein kahles Ex-Wohnzimmer. Auf einer Obstkiste steht ein Computer-Bildschirm, aus einem Kasten unter einem Tapeziertisch quillen Kabelgewirr und die Eingeweide eines Kleinrechners, eine der ersten Entwicklungen der Winzigfirma.
»Gott sei Dank haben wir den nie produziert«, sagt Klaus Schleisiek, einer der System-Partner. Der von der mächtigen IBM auf den Markt gebrachte Personal-Computer hätte dem Produkt der Hamburger Elektronik-Bastler längst den Garaus gemacht.
Die drei studierten Informatiker haben inzwischen eine Nische im Computer-Geschäft entdeckt, wo sie der gigantische Marktführer nicht so schnell erdrücken kann. Sie entwickelten ein Programm, mit dem Kleinrechner am Datenverbundnetz der Hamburger Hafen- und Lagerhaus-AG teilnehmen können. Interesse zeigen besonders kleinere Spediteure oder Makler, die am Informationspool partizipieren möchten, ohne ihre Geschäfte über den zentralen Großrechner der IBM laufen zu lassen.
»Die haben Angst, daß die großen Konkurrenten ihnen sonst über den Zentralrechner in die Karten gucken könnten«, erläutert Schleisiek den Erfolg der Idee.
So wie die Hamburger versuchen rund 3000 Firmen in der Bundesrepublik ein kleines Stück vom großen Geschäft mit Computern zu erobern. Bei der sogenannten Hardware, also den Rechnern nebst Zubehör, haben selbst deutsche Großfirmen wie Siemens oder Triumph-Adler Schwierigkeiten, gegen die US-Konkurrenten anzukommen. Doch mit Software, den Programmen, die Computer zur Lösung bestimmter Aufgaben befähigen, können selbst Mini-Unternehmen erstaunliche Erfolge erzielen.
»Hardware? Das stehen wir nie durch«, sagte sich zum Beispiel Hans-Frieder Jung, als er 1981 beschloß, selbständig zu arbeiten. Seine Firma nova data entwickelte mit fünf Leuten ein auf Elektroinstallateure und Fernsehhändler zugeschnittenes Programm für Kleinrechner. Inzwischen sind 130 Stück der deutschen Fassung verkauft.
Das Programm ist ins Französische und Italienische übersetzt, und Jung baut gerade eine Filiale in den USA auf. »Mit dem gleichen Aufwand«, sagt er, »mit dem wir hier ein System verkaufen, verkaufen wir dort hundert.«
In dem kleinen, noch kaum von den Computer-Firmen erschlossenen Marktsegment der Elektrofachhändler brachte es Jung in knapp drei Jahren mit seinem Software-Paket »nova-elektro« auf den dritten Platz nach den Computer-Herstellern Nixdorf und Olivetti.
Seit diesem Jahr vertreibt auch die große IBM die Software der Kleinfirma als Programm für den Personal-Computer. Die drei Buchstaben IBM auf der Verpackung gelten in der Branche als eine Art Ritterschlag.
Diese Ehre widerfuhr auch der HS-Hamburger Software GmbH, einem Zehn-Mann-Unternehmen mit 1,5 Millionen Mark Umsatz. Dort erwarb IBM die Exklusiv-Lizenz für drei Buchhaltungs-, Gehalts- und Fakturierungsprogramme. »Das ist die geilste Software, die ich kenne«, lobt der Hamburger IBM-Händler Michael Poliza die Kleinfirma.
Im lockeren Klima der Mini-Unternehmen können die oft etwas exzentrischen Computer-Programmierer ihre Kreativität häufig besser entfalten als in der Flanell-Welt der etablierten Unternehmen. Der beste Mann einer Münchner Software-Firma hackt zum Beispiel in seinem meist verdunkelten Schwabinger Ein-Zimmer-Appartement zwischen Hunderten von Kakteen in die Computer-Tasten. »Meinem Bank-Leiter dürfte ich den Typ nie zeigen«, sagt sein Chef. Der Kredit wäre wohl sofort weg.
Die meisten kleinen Software-Firmen sind allerdings überfordert, wenn es darum geht, ihre Werke in großen Stückzahlen zu verkaufen. Sie schließen deswegen nicht ungern Lizenz-Verträge mit Computer-Größen wie IBM ab. So gelangte
etwa ein Graphik-Programm der oberfränkischen Mini-Firma SEPP aus Röttenbach über das Vertriebsnetz des nach der IBM zweitgrößten Computer-Herstellers, der Firma Digital Equipment, in ganz Europa zum Verkauf. Seit dem Frühjahr wurden 200 Stück abgesetzt. Nun will die US-Firma das Programm auch in den Staaten anbieten; es ist das erste Mal, daß die Amerikaner in Europa entwickelte Software in den USA verkaufen.
Die beiden ehemaligen Gießener Universitätsdozenten Renate Albat und Bernd Wirsam machten sich ohne die Unterstützung einer Großfirma nach Amerika auf. In wenigen Monaten setzten sie dort 30 Exemplare ihres rund 25 000 Mark teuren Software-Pakets für die Glasindustrie ab. Mit dem Rechner-Programm kann der Verschnitt beim Zuschneiden von Glas von bisher etwa 15 auf 5 Prozent verringert werden.
Besonders bei dem teuren mehrschichtigen Isolierglas schlägt das zu Buch. Eine mittlere Firma spart mit dem »Traopt«-Programm etwa 100 Quadratmeter Glas am Tag ein. Das bringt eine Ersparnis von 1000 Mark und mehr. Die gelernten Physiker haben über 300 Exemplare ihres Programms verkauft und praktisch ein Monopol auf diesem Gebiet.
»Deutschland hat eine wirklich große Chance, bei der Software in Führung zu gehen«, meinen selbst amerikanische Experten wie Steve Jobs. Der Mitbegründer der Mikrocomputer-Firma Apple sieht in der Bundesrepublik »viele talentierte und fleißige junge Leute« am Werk. Freilich hindere eine konservative Einstellung gegenüber der Computer-Kultur die Entfaltung der hoffnungsvollen Kleinindustrie.
Das allein ist es wohl nicht. Auch die Software-Branche stellt um auf Massenproduktion. Über ein Drittel des deutschen Software-Markts ist schon von sogenannten Standard-Paketen besetzt - Fertigware wie Textverarbeitung, Geschäftsgraphik oder Kalkulation wird verkauft.
Dieser Bereich, der am stärksten wachsen soll, wird nach den Zahlen des Marktforschungsinstituts IDC zu 70 Prozent von US-Firmen beherrscht. Die größeren Unternehmen - Software-Publishing, Lotus oder Microsoft - machen mit ihrer Standard-Ware für Personal-Computer weltweit jeweils dreistellige Millionen-Umsätze in Dollar.
Die deutschen Software-Zwerge, vor allem im Vertrieb und im Marketing unterlegen, haben dagegen, trotz ihres beachtlichen Einfallsreichtums, einen schweren Stand. Rund 40 Prozent der deutschen Programmierfirmen kommen nicht über eine Million Mark Umsatz. Und selbst Unternehmen mit erfolgreichen Produkten wie Albat + Wirsam oder Jungs nova data bleiben bei bescheidenen zwei bis vier Millionen Mark.
Doch die deutschen Software-Schaffer geben sich selbstbewußt: »Ich habe keine Angst vor den Amerikanern«, versichert Claus Müller von der Münchner InterFace GmbH. Der ehemalige Siemens-Mitarbeiter steht mit einem Text-Programm vor einem besonderen Erfolg. Er hat die US-Firma Microsoft ausgestochen und soll einen Auftrag der Bundesanstalt für Arbeit erhalten.
Die Münchner Firma ist das Ergebnis einer ungewöhnlichen Paarung. Die Gründer sind ein quirliger Ex-Journalist vom »Stern«, Max Schulze Vorberg jr., und eine nachdenkliche Forschernatur, Peter Schnupp, zuvor Mitgesellschafter eines der größten deutschen Software-Häuser. Kaum vier Jahre nach der Gründung ist InterFace ein Kleinkonzern aus einem halben Dutzend Gesellschaften mit zusammen 40 Mitarbeitern und fünf Millionen Mark Umsatz.
Das Geschäft mit der Software sehen die InterFace-Leute nicht so eng. Die Firma liefert ein Programm, das für die künftigen Computer mit »künstlicher Intelligenz« gebraucht wird, ebenso wie eine Propaganda-Postille für das Münchner Kabelpilot-Projekt.
Jeweils im Herbst tun die InterFace-Manager auch etwas für die Fitness ihrer Kollegen. In alljährlichen Etappen veranstalten die Firmen-Gründer eine Radtour zum Wohnort des deutschen Computer-Pioniers Konrad Zuse, 74. Er baute den ersten Computer der Welt. Auf dem Weltmarkt hat Zuses Maschine nie Erfolg gehabt.