POST Gelb-Fieber an der Börse
München, Nymphenburger Straße 112, Punkt 18.45 Uhr: Hastig stürmt Klaus Zumwinkel die weißen Treppen in der Allianz-Vermögensverwaltung hinunter. Das Gespräch mit den beiden Fondsverwaltern hat deutlich länger gedauert als geplant. Trotzdem ist Zumwinkel, 56, bestens gelaunt: »Ganz gut gelaufen«, ruft er einem seiner Begleiter zu und eilt auf die Straße zum wartenden Auto.
Nur knapp eine drei viertel Stunde später startet der Post-Chef mit einem kleinen Lear-Jet Richtung London. Dort geht es, mit fünf Mercedes im Konvoi durch die nächtliche City, zu einem Abendessen mit mächtigen Bankern.
»Ein wenig aufwendig«, sagt Zumwinkel, sei das schon, mit den ganzen »Bankern und Fondsmanagern«. Immer die gleichen Fragen. Immer die gleichen, penibel vorbereiteten Antworten.
Die Nacht des Post-Chefs ist kurz: 6.30 Uhr Frühstück mit wissbegierigen Journalisten; 8.15 Uhr Gespräch bei den Investmentbankern von Morgan Stanley.
Der Terminplan Zumwinkels ist in diesen Tagen prall gefüllt: Von England geht's erst einmal zurück nach Frankfurt, danach stehen New York, Boston, Mailand, Zürich und Amsterdam auf dem Programm. Die hektischen Reiseaktivitäten dienen einem ehrgeizigen Ziel: Nächsten Montag geht die Deutsche Post AG an die Börse.
Über 300 Millionen Aktien will Zumwinkel bis zum 20. November verkaufen, an institutionelle Anleger wie Morgan Stanley, die er auf seiner Tour quer über den Globus persönlich besucht, und an Hunderttausende Kleinanleger in Deutschland und ganz Europa. Bei einem geplanten Ausgabekurs zwischen 18 und 23 Euro entspricht das der gewaltigen Summe von rund 9 bis 16 Milliarden Mark.
Der Börsengang der Post ist die zweitgrößte Emission in der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Nur Telekom-Chef Ron Sommer verkaufte bei seinem ersten Going Public 1996 noch mehr Papiere.
Doch warum sollen internationale Fondsmanager große Summen in eine ehemalige Postbehörde investieren, die auch künftig, zumindest für einige Jahre, vom Staat als Mehrheitsaktionär kontrolliert wird? Und wie werden die Kleinanleger in diesen unruhigen Börsenzeiten reagieren, zumal vermeintliche Volksaktien wie die Telekom in den vergangenen Monaten geradezu abgestürzt sind?
Profis wie Klaus Nieding von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) mahnen zur Vorsicht. Eine Volksaktie, im Sinne eines Rundum-sorglos-Paketes, so der DSW-Geschäftsführer, sei die Post-Aktie nicht. Rahmenbedingungen wie das künftige Wettbewerbsumfeld sind noch völlig unklar. Vielleicht, kritisieren einige unabhängige Analysten, hätte das Unternehmen mit dem großen Coup besser noch ein bis zwei Jahre gewartet.
Für Post-Finanzvorstand Edgar Ernst sind solche Warnungen »völlig überzogen«. Der Zeitpunkt für den Börsengang, sagt der Finanzmann, sei »goldrichtig gewählt«. Das Unternehmen stehe jetzt vor den entscheidenden Durchbrüchen, das bringe die notwendige Phantasie in das Papier. Außerdem habe man mit dem Going Public die »einmalige Chance, das verstaubte Beamtenimage ein für alle Mal abzustreifen«.
Zumwinkel und seine Mannen wollen sich diese Chance nicht entgehen lassen - koste es, was es wolle: Sie überziehen das Land mit einer gewaltigen Werbekampagne. Schon im Vorfeld heuerte die Post für einen zweistelligen Millionenbetrag gleich einen ganzen Formel-1-Rennstall an. Jetzt, in der Endphase, soll Deutschlands beliebtester Entertainer Thomas Gottschalk mitsamt Bruder Christoph in unzähligen Werbespots die Deutschen von den Vorzügen des gelben Logistikriesen überzeugen.
Offenbar mit Erfolg: Zum Ende der Frühzeichnungsfrist am Freitag vergangener Woche hatten die Banken bereits dreimal mehr Zeichnungsaufträge vorliegen, als Aktien vorhanden sind.
Zumwinkel scheint seinem Ziel zum Greifen nah. Als der ehemalige McKinsey-Mann und Quelle-Chef vor elf Jahren den Job als Post-Chef antrat, schien ein Börsengang der verstaubten Mammutbehörde genauso unvorstellbar wie heute bei der Bahn.
Brief- und Paketlaufzeiten waren unendlich lang, und die Jahr für Jahr eingefahrenen Milliardendefizite wurden - einem Naturgesetz gleich - als unabänderbare Schicksalsschläge hingenommen. Der Neue verordnete dem Unternehmen eine Radikalkur. Die antiquierten Brief- und Paketverteilerzentren ersetzte er durch vollautomatische Sortieranlagen auf der grünen Wiese. Auch das Filialnetz krempelte er vollständig um, Tausende von Poststellen auf dem Land wurden geschlossen.
Zusätzlich aber entwickelte Zumwinkel eine Vorwärtsstrategie: Er wollte die Post zu einem globalen Logistikkonzern ausbauen. Ausgestattet mit den hohen Gewinnen aus dem Briefmonopol und aus Grundstücks- und Immobilienverkäufen, ging Zumwinkel auf eine beispiellose Einkaufstour, über zwölf Milliarden Mark investierte er in ein weltweites Verteilnetz, angefangen vom kleinen Paketdienst in Polen über die renommierte Spedition Danzas bis hin zu einem Mehrheitsanteil am internationalen Expressdienst DHL.
Hohe Wachstumsraten verspricht Zumwinkel deshalb den Anlegern, die in die Aktie Gelb investieren. Zwar seien nicht so exorbitante Gewinne zu erwarten wie in der Vergangenheit bei einigen Telekommunikationspapieren. Aber dafür, so Zumwinkel süffisant, sei auch das Verlustrisiko deutlich geringer.
Vorausgesetzt die Prognosen der Post gehen auf. Denn ganz so risikolos, wie es der Konzern in seinen Hochglanzbroschüren darstellt, ist eine Investition in die P-Aktie nicht: Das beeindruckende Ergebniswachstum von über 140 Prozent und die Umsatzsteigerung, mit denen die Post wirbt, stammen hauptsächlich aus Unternehmenszukäufen der vergangenen Monate und weniger aus den Verbesserungen des eigenen Geschäftes. Außerdem erwirtschaftet die Post immer noch gut 80 Prozent des Gewinns aus dem durch das Monopol geschützte Briefgeschäft.
Nach derzeitigem Stand aber fällt das Monopol Ende 2002 endgültig weg. Zahlreiche Unternehmen, die jetzt schon mit Sonderlizenzen Briefe in Ballungszentren befördern, könnten dann in großem Stil in das lukrative Briefgeschäft einsteigen.
Zumwinkel glaubt das nicht. Viele europäische Nachbarländer, sagt der Manager, seien zurzeit nicht bereit, ihre Postmärkte ähnlich schnell freizugeben wie Deutschland. Insofern werde die Bundesregierung das Monopol wohl noch einmal verlängern.
Oft schon hat die Regierung der Post solche Milliardengeschenke zugeschanzt - zu Lasten der Verbraucher und der Wettbewerber. So verzichtete der Bund - anders als bei der Telekom - auf die Mehrwertsteuer, verlängerte Exklusivlizenzen und ordnete mit Blick auf den Börsengang sogar eine Festschreibung der eigentlich viel zu hohen Portopreise an.
Ganz so einfach dürfte es beim Monopol nicht werden. Immerhin gibt es ein klares Ausstiegsgesetz, auf das Hunderte von Konkurrenzunternehmen ihre Investitionspläne aufgebaut haben. Eine Flut von Klagen wäre der Bundesregierung bei einer Verlängerung über das Jahr 2002 hinaus so gut wie sicher.
Das Ende des Briefmonopols ist nicht der einzige Stolperstein. Auch aus Brüssel droht der Post Gefahr. Insgesamt drei Verfahren wegen Quersubventionierung, Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung und unerlaubter Beihilfe sind bei der EU-Wettbewerbskommission zurzeit gegen das Unternehmen anhängig.
Auch diese Gefahr spielt die Post herunter: Maximal, verkünden die Manager unisono, sei aus Brüssel mit einer Strafe von 400 Millionen Mark zu rechnen. Das sei, so Zumwinkel, gemessen am Unternehmenswert von über 40 Milliarden Mark, nicht dramatisch.
Das mag sein - wenn die Kommission es wirklich bei einer reinen Geldstrafe bewenden lässt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass mit einer Strafe auch entsprechende Auflagen für die Zukunft verbunden werden. So könnten die Brüsseler Bürokraten beispielsweise versuchen, die als viel zu niedrig eingeschätzten Paketpreise der Post per Anordnung anzuheben - oder das hohe Briefporto zu senken.
Beides könnte für Zumwinkels Logistikkonzern schlimme Folgen haben. Wenn die Paketpreise steigen, könnten Großkunden wie Quelle und Neckermann dem Beispiel des Versandhändlers Otto nacheifern und einen bereits geplanten eigenen Paketversand aufbauen. Und wenn das Briefporto sinkt, schmelzen die üppigen Gewinne der Post dahin.
Zumwinkel hält all diese Szenarien für »ziemlich unrealistisch«. Teils handele es sich um normales »Geklapper von Kunden«, um bei den anstehenden Preisverhandlungen bessere Konditionen auszuhandeln, teils »um gezielte Störmanöver der Konkurrenz, um uns den Börsengang in letzter Minute noch zu vermiesen«.
Das wird, davon ist der Post-Chef überzeugt, nicht gelingen. Er will am ersten Handelstag in insgesamt acht deutschen Großstädten zusammen mit Zigtausenden Mitarbeitern, dem Formel-1-Team, den Gottschalks und anderen Showstars die größte Börsenparty feiern, die das Land je gesehen hat: Ganz Deutschland soll in ein wahres Gelb-Fieber versetzt werden.
Ob auch die Anleger Grund zu feiern haben, muss sich erst noch zeigen.
FRANK DOHMEN