General Electric Die hungrigste Firma der Welt
New York - Das Erstaunlichste an General Electric ist das Wachstum. Über zwei Jahrzehnte hinweg wurde die Firma jedes Jahr um zehn Prozent größer (am Umsatz gemessen). Das ist nicht das Tempo einer über Hundertjährigen. Das ist Start-up-Tempo.
Wie schafft GE das? Ganz einfach, die Firma kauft und kauft und kauft, jedes Jahr hundert Firmen oder mehr. Die Zukäufe allein tragen vier Prozent Wachstum jährlich bei, schätzt die Investmentbank Merrill Lynch. Meistens sind es keine Aufsehen erregenden Mega-Deals wie die geplante 45-Milliarden-Dollar-Übernahme von Honeywell, sondern "nur" Millionenkäufe.
Und angesichts der Cash-Reserven in Höhe von acht Milliarden Dollar ist ein Ende der Einkaufstour nicht in Sicht. Der neue Chef Jeffrey Immelt, der bisher die Medizintechnik-Sparte geleitet hat, will das Wachstum sogar noch beschleunigen. Er weist den Einwand zurück, dass GE allein auf Grund der Größe irgendwann langsamer werden müsse. GE werde nicht geführt wie eine 130-Milliarden-Dollar-Firma, sondern wie viele kleine Firmen, sagt er. Deshalb gebe es keine Grenzen.
Jack Welch hat bewiesen, dass ein Konglomerat entgegen der vorherrschenden Meinung überdurchschnittlich wachsen kann. Unter ihm hat GE sich den Ruf erarbeitet, das Beste aus aufgekauften Firmen herauszuholen und sie gekonnt zu integrieren.
Immelt kann es daher ruhig angehen lassen. Bisher hat GE auch die Wirtschaftskrise besser überstanden als andere. Während fast alle US-Unternehmen im zweiten Quartal unter Gewinneinbrüchen litten, meldete GE erneut Rekordzahlen: 3,9 Milliarden Dollar Gewinn bei 32 Milliarden Dollar Umsatz.
Als breit aufgestellter Mischkonzern spürt GE die Abschwünge in einzelnen Branchen nicht so stark. So gab es zwar einen Umsatzeinbruch beim Geschäft mit Glühbirnen und Haushaltsgeräten, und auch der unternehmenseigene Fernsehsender NBC schwächelt.
Aber diese Einbrüche werden mehr als ausgeglichen durch die Aktivitäten in weniger zyklischen Branchen. Die Sparten Flugzeugturbinen, medizinische Geräte und Finanzdienstleistungen haben jeweils zweistellige Gewinnzuwächse. Die Energiesparte GE Power Systems profitiert in außergewöhnlichem Maß von der Energiekrise im Land: Hier war der Gewinn im zweiten Quartal 63 Prozent höher als im gleichen Vorjahreszeitraum.
"Die breite Produktpalette ist unsere Stärke", sagt Immelt. Darauf baut er auch in der Zukunft. Am Portfolio will er zunächst nichts ändern. Die Problembereiche werde man allerdings genau beobachten, sagte er dem "Wall Street Journal". Weitere Entlassungen seien wahrscheinlich. NBC hat dieses Jahr bereits die Internet-Abteilung iNBC geschlossen. Insgesamt erwarten Beobachter, dass von den 313.000 GE-Mitarbeitern dieses Jahr 20.000 gehen müssen.
Immelt wird das Portfolio wahrscheinlich weiter in Richtung Dienstleistungen umbauen. Die größten Wachstumshoffnungen liegen auf GE Power Systems und GE Capital Services. Insbesondere die Finanzsparte wird immer bedeutender: Schon jetzt sorgt GE Capital Services für 51 Prozent des Konzernumsatzes. Die Sparte konnte ihren Gewinn in 64 aufeinander folgenden Quartalen steigern.
Eins von Immelts Hauptzielen ist die Expansion in Europa. Vor allem wolle er die GE-Marke bekannter machen, sagte er dem "Wall Street Journal". Die 85.000 GE-Mitarbeiter in Europa würden nicht genug wahrgenommen.
GE wird schnell über Jack Welch hinwegkommen. Das zeigt schon die reibungslose Amtsübergabe. Immelt hat in den vergangenen sechs Monaten das Unternehmen zunehmend allein geleitet. "Die Übergabe ist bereits abgeschlossen", sagt er. Das dürfte ganz im Sinn seines großen Vorgängers sein. Der hatte schließlich gesagt: "Mein Erfolg soll daran gemessen werden, wie GE in fünf Jahren dasteht."