General Motors: Der Standortkampf ist voll entbrannt - DER SPIEGEL
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General Motors Der Standortkampf ist voll entbrannt

Der US-Autokonzern General Motor hat nach Auffassung des Vorstands in Europa ein Werk zu viel. Der Kampf zwischen der Opel-Fabrik in Rüsselsheim und dem schwedischen Saab-Werk in Trollhättan um die Gunst der Konzern-Oberen ist voll entbrannt. Für Rüsselsheim ist das Rennen noch keineswegs gewonnen.
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Hamburg/Leverkusen/Frankfurt am Main - Von Schließung will in Rüsselsheim niemand etwas wissen. Es gehe nicht um die Aufgabe eines Werkes, fasst Opel-Sprecher Ulrich Weber die Diskussionen im Konzern zusammen.

Auch die IG Metall gibt sich gelassen. "Opel ist die Massenmarke des Konzerns, und Rüsselsheim ist das Herzstück von Opel", wird der zuständige Vize-IG-Metall-Sprecher Achim de Hair zitiert. GM werde das hochmoderne Werk in Rüsselsheim nicht ernsthaft aufs Spiel setzen wollen. De Hair vermutet vielmehr, dass das General-Motors-Management die Verunsicherung nutzen will, um den angekündigten drastischen Sparkurs durchsetzen zu können. "Es geht darum, Druck aufzubauen, nicht mehr", sagte der Gewerkschafter.

Angesichts der Zahlen, die das Forschungsinstitut B & D Forecast heute veröffentlicht hat, klingen die Äußerungen allerdings eher wie das Pfeifen im Walde. In Rüsselsheim produzieren die Opel-Werker rund 140.000 Mittelklasse-Autos - das Werk Rüsselsheim ist damit gerade einmal zu 52 Prozent ausgelastet. Ähnlich dramatisch sieht die Lage im schwedischen Trollhättan aus. Im dort ansässigen Werk der Konzernschwester Saab montieren die Werker statt der möglichen 190.000 nur 114.200 Autos, also rund 60 Prozent der möglichen Kapazität.

General Motors Europe hat also im Prinzip ein Werk zu viel. Die Frage ist nur: Schrauben die Rüsselsheimer künftig auch Saab-Autos zusammen, oder bauen die Trollhättaner die nächste Generationen des Vectra?

Das Rennen ist noch keineswegs entschieden

Zwar beteuerte ein Opel-Sprecher noch vor einer Woche, die Zusammenlegung der Fertigung bedeute nicht das Ende des jeweils anderen Standorts, doch unter Fachleuten gilt als sicher: Das Werk, das in diesem Rennen leer ausgeht, wird in Zukunft nur noch mit einem Bruchteil seiner Belegschaft arbeiten können.

Welcher der Standorte das Rennen machen wird, ist noch keineswegs entschieden. Rund zwei Monate haben die Werksleiter noch Zeit, um die Rahmenbedingungen zu schaffen, die am Ende den Ausschlag geben sollen. Einen Trumpf haben die Rüsselsheimer dabei von vorneherein in der Hand: Im Gegensatz zum abseits im Norden gelegenen Saab-Werk verfügen sie über eine nahezu ideale Lage mitten in Europa mit umfangreichen Verkehrsanbindungen.

Außerdem gilt das Werk in Rüsselsheim als eines der modernsten im GM-Verbund, das Saab-Werk in Trollhättan muss dagegen mit veralteter Technik zurechtkommen. Ein Nachteil, der nur mit umfangreichen Investitionen auszugleichen wäre.

Umgekehrt liegen die Stundenlöhne der schwedischen Arbeiter deutlich unter denen ihrer deutschen Kollegen. Auch die Flexibilität bei Entlassungen, Neueinstellungen und Arbeitszeiten je nach Auftragslage ist wesentlich größer. Insgesamt, so die Berechnung der Experten von B&D-Forecast, liegen die Arbeitskosten in Deutschland rund 45 Prozent höher. Unter Berücksichtigung aller Kosten würde ein Auto in Deutschland rund fünf Prozent teurer werden.

"Politische" Aspekte könnten den Ausschlag geben

Hinzu kommen einige "politische" Aspekte, die zu Gunsten des Standorts Rüsselsheim sprechen: Erst vor wenigen Wochen habe GM dem Opel-Entwicklungszentrum, das auch in Rüsselsheim sitzt, die weltweite Verantwortung für die Epsilon-Plattform übertragen. Auf dieser Plattform bauen die nächsten Generationen des Saab 9-3 und des Vectra auf. "Es macht durchaus Sinn, wenn am Entwicklungsstandort eines solchen Modells auch die Produktion angesiedelt ist", hatte Opel-Aufsichtsratschef Carl Peter Forster im Juli gesagt. Damit hatte der Europa-Vizechef von GM seine Präferenz für Rüsselsheim ausgesprochen. Auch dass Forster als ehemaliger Opel-Vorstandsvorsitzender und amtierender Aufsichtsratschef enge Verbindungen nach Rüsselsheim hat, gereicht den Hessen eher zum Vorteil.

Kein Wunder, dass die Schweden die Situation sehr ernst nehmen. "Es geht hier nicht um einen Länderkampf zwischen uns und Deutschland", meinte zwar Saab-Vorstandschef Peter Augustsson am Freitag in der Zeitung "Svenska Dagbladet". Trotzdem riefen Betriebsrat und Metallgewerkschaft die 6300 Saab-Beschäftigten wie für einen alles entscheidenden Länderkampf zu vereinten Anstrengungen auf, um bis Anfang nächsten Jahres von der GM-Zentrale in Detroit den Zuschlag beim Wettrennen mit den Opel-Leuten in Rüsselsheim zu bekommen.

Selbst der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Leif Pagrotsky machte sich die Sache zu Eigen. Er signalisierte der Konzernleitung von General Motors indirekt Hilfe von Seiten der Regierung: "Wir müssen jetzt sehr aufmerksam zuhören, was die GM-Konzernleitung an Wünschen vorbringt."

Für Saab selbst dürften die Tage als relativ unabhängig agierender Konzerntochter ungeachtet der GM-Entscheidung für oder gegen Rüsselsheim gezählt sein. Nur in zwei Jahren seit dem Einstieg des US-Konzerns bei der schwedischen Nobelmarke 1989 gab es überhaupt schwarze Zahlen bei geschätzten Gesamtverlusten von bisher 2,2 Milliarden Euro. "Die Geduld von GM mit Saab ist am Ende", schrieb "Svenska Dagbladet" schon im Frühsommer.