General Motors: Kaum mehr wert als die Postbank - DER SPIEGEL
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General Motors Kaum mehr wert als die Postbank

General Motors schockt die Finanzwelt: Mehr als zehn Milliarden Dollar beträgt der Verlust des US-Autokonzerns. Das entspricht fast 85 Prozent des Unternehmenswertes – und besiegelt den Niedergang des Traditionskonzerns.
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Detroit - Hiobsbotschaften und kein Ende. Der bislang nach Umsatz weltgrößte Autokonzern General Motors   erlebt einen beispiellosen Abstieg. Erst Ende Januar hatte der krisengeschüttelte Riese mitgeteilt, im vergangenen Jahr einen Verlust von 8,6 Milliarden Dollar angehäuft zu haben - was einer Vervielfachung des Fehlbetrags um gewaltige 4600 Prozent entspricht. Doch jetzt musste sich der Konzern korrigieren: Alles ist noch viel schlimmer.

General Motors revidierte seinen Verlust für 2005 um weitere zwei Milliarden Dollar auf eine Gesamtsumme von nunmehr knapp 10,6 Milliarden Dollar. Grund sei unter anderem der Konkurs der früheren Tochter Delphi, hieß es. Zudem werde die Jahresbilanz mit Verspätung vorgelegt, weil es zu Fehlbuchungen bei der Finanztochter GMAC gekommen sei. Deshalb würden auch die Ergebnisse für die Jahre 2000 bis 2004 neu berechnet.

Die Verluste entsprechen fast 85 Prozent des Unternehmenswertes von 12,7 Milliarden Dollar. Umgerechnet in Euro ist General Motors an der Börse derzeit rund 10,5 Milliarden Euro wert - und droht, im Vergleich mit anderen Börsenkonzernen in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Allein 20 der 30 im Deutschen Aktienindex notierten Unternehmen haben mittlerweile eine höhere Marktkapitalisierung.

Mit fast 68 Milliarden Euro ist beispielsweise der Siemens-Konzern   mehr als sechs Mal so teuer wie GM. Der Autokonzern bewegt sich in etwa auf dem Niveau des MDax-Werts   Heidelberger Cement  , der rund 10,5 Milliarden Euro wert ist. Die Postbank   ist mit 9,7 Milliarden Euro nur unwesentlich billiger. Selbst Übernahmekandidat T-Online kommt derzeit noch auf eine Marktkapitalisierung von 9,7 Milliarden Euro. Die HypoVereinsbank  , längst übernommen vom italienischen Wettbewerber Unicredit   ist gar doppelt so viel Wert wie der Autokonzern. Und noch ein Größenvergleich: Der Solar-Erfolgswert Q-Cells hat ein Marktgewicht von derzeit rund 3,1 Milliarden Euro.

Toyota mehr als das Zehnfache wert

Auch im Vergleich zu anderen Autowerten ist GM regelrecht abgestürzt: Der Sportwagenbauer Porsche   hat eine Börsenkapitalisierung von rund 6,7 Milliarden Euro, BMW   kommt immerhin auf 27,2 Milliarden Euro - und mehr als das Zweieinhalbfache des GM-Werts. General Motors schärfster Konkurrent um die Marktführerschaft in der Autobranche, der japanische Toyota-Konzern  , kommt auf einen gewaltigen Börsenwert von 161 Milliarden Euro.

Allerdings: Trotz 10,6 Milliarden Dollar Jahresverlust ist General Motors immer noch weit davon entfernt, an die Negativrekorde der jüngeren Wirtschaftsgeschichte heranzureichen. Mit ihrem Rekordfehlbetrag von 4,7 Milliarden Euro hat die Deutsche Telekom im Jahr 2001 zwar deutlich weniger Geld verloren als GM heute. Doch die Verlust-Könige der vergangenen Jahre stoßen in vollkommen andere Dimensionen vor.

So verbuchte der Medienkonzern AOL Time Warner   im Jahr 2002 ein Minus von sage und schreibe 98,7 Milliarden Dollar infolge von Wertberichtigungen beim Internetdienst AOL. Der Jahresumsatz betrug im selben Zeitraum gerade einmal 39,6 Milliarden Dollar. Allein auf das erste Quartal entfiel ein Minus von beispiellosen 54,2 Milliarden Dollar.

Bis dahin hatte der Absturz des kanadischen Konzerns JDS Uniphase   als größter Verlust der US-Wirtschaftsgeschichte gegolten. Das Unternehmen hatte im Sommer 2001 ein Minus von 50,6 Milliarden Dollar für das im zuvor abgelaufenen Geschäftsjahr vermeldet. Auch hier waren Sonderabschreibungen verantwortlich für den Absturz.

Delphi-Pleite reißt GM in die Tiefe

Trotz dieser Vergleichszahlen: Der Fehlbetrag, den GM im vergangenen Jahr angehäuft hat, ist dramatisch - zumal er einen Konzern immer tiefer in die Krise reißt, der jahrzehntelang als unangefochtener Primus in der Autobranche galt.

Die nun vermeldeten zusätzlichen Verluste resultierten unter anderem aus dem Konkurs der früheren GM-Tochter Delphi. Doch auch Abfindungskosten nach Werksschließungen lasteten schwerer auf der Bilanz des vergangenen Jahres als zunächst angenommen. GM hat in den USA Marktanteile an asiatische Konkurrenten verloren und hat im Rahmen umfassender Umstrukturierung seine Kapazitäten gedrosselt und Mitarbeiter entlassen.

Delphi hatte sich im Jahr 1999 von GM abgespalten. Damals hatte GM zugestimmt, Pensionszahlungen für den Zulieferer zu übernehmen, falls dieser vor 2007 zusammenbricht. Nach der Delphi-Insolvenzankündigung im Oktober hatten Branchenkenner nicht ausgeschlossen, dass auch GM Konkurs muss.

Die Kosten für die Delphi-Pleite beliefen sich nun auf 5,5 Milliarden Dollar vor Steuern, teilte GM mit. Zunächst war von 3,6 Milliarden Dollar ausgegangen. Die Kosten nach GM-Werksschließungen und Massenentlassungen betrügen 1,7 Milliarden Dollar statt 1,4 Milliarden Dollar wie zunächst angenommen.

Schätzungen von Gewerkschaften und Analysten zufolge erhalten noch mehr als 7000 ehemalige GM-Arbeiter ihren Lohn, wie in einer Vereinbarung mit den Gewerkschaften nach den Schließungen vereinbart worden war. GM will bis 2008 im Zuge einer umfassenden Restrukturierung ein Dutzend nordamerikanischer Auto- und Zubehörwerke schließen und 30.000 Stellen abbauen.

mm.de/dpa/Reuters