Generationswechsel: Reform-Duo übernimmt die IG Metall - DER SPIEGEL
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Generationswechsel Reform-Duo übernimmt die IG Metall

Die IG Metall verabschiedet sich von der Fundamental-Opposition: Der Pragmatiker Berthold Huber rückt im zweiten Anlauf an die Spitze vor - und macht einen Vertrauten zum Vize. Für die größte Industrie-Gewerkschaft der Welt ist es eine stille Revolution.
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Frankfurt am Main - Es ist ein Wechsel, den die weltgrößte Industriegewerkschaft schon vor vier Jahren hätte haben können - damals aber setzten sich die Traditionalisten durch. Jetzt steht die IG Metall vor einer programmatischen Neuausrichtung: Berthold Huber soll der Nachfolger des scheidenden Vorsitzenden Jürgen Peters an der Spitze der Gewerkschaft werden.

Außerdem hat der als reformorientiert geltende, bisherige zweite Vorsitzende Huber einen seiner wichtigsten Vertrauten als Kandidaten für den Stellvertreterposten durchgeboxt: den bisherigen nordrhein-westfälische Bezirksleiter Detlef Wetzel.

Auch der 54-jährige Wetzel wird dem reformorientierten Lager innerhalb der IG Metall zugerechnet. Sollten die beiden wie geplant im November von den Delegierten des Gewerkschaftstages in Leipzig gewählt werden, würde das die unheilvolle Allianz der vergangenen vier Jahre beenden, die der IG Metall mehr geschadet als genützt hat. Denn in der Vergangenheit hatten sich der Traditionalist Peters und der Reformer Huber hauptsächlich gegenseitig belauert und blockiert, von gemeinsamen Strategien für die Gewerkschaft keine Spur.

Dabei hätte die IG Metall genau das bitter nötig gehabt. Innerhalb der vergangenen 15 Jahre verlor die Organisation rund eine Million Mitglieder, die Tarifbindung geht kontinuierlich zurück. Immer mehr Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie treten aus den Arbeitgeberverbänden aus oder wechseln in sogenannte OT-Bereiche, also Bereiche ohne Tarifbindung. Bislang schaute die IG-Metall-Spitze dieser Entwicklung eher ohnmächtig zu.

IG Metall will wieder ernst genommen werden

Mit der neuen Personalspitze erhoffen sich die Modernisierer der Gewerkschaft jetzt, dass die bisherige, sehr einseitige politische Ausrichtung ein Ende hat. Ihnen schwebt eine modernere, offenere, weniger ideologische Gewerkschaft vor, die vor allem wieder ernst genommen werden soll. "Wer sagt denn, dass wir uns immer am sozialdemokratischen Milieu und an der Linkspartei orientieren müssen?", fragt ein Vorstandsmitglied. Die neue IG Metall müsse offen sein für alle Gruppen und dürfe sich nicht immer mit Leuten weiterentwickeln, "die dem Laden ohnehin wohlgesinnt sind", so der Funktionär.

Denn tatsächlich hat die Gewerkschaft gerade in der Politik wegen ihrer oft extremen Positionen mächtig an Reputation verloren. Egal, ob es um die Hartz-Gesetze ging, die Gesundheitsreform, die Rente mit 67, Mitarbeiterbeteiligung, Leiharbeit oder Mindestlohn: Bei fast allen Themen gerierte sich die IG Metall als eine Art außerparlamentarische Opposition, immer übte sie Fundamentalkritik, statt um Kompromisse zum Nutzen ihrer Klientel zu kämpfen.

Das könnte sich mit dem Tandem Huber-Wetzel ändern. Denn im Gegensatz zum bisherigen IG-Metall-Chef Peters ist Huber eher der Mann der leisen Töne und liebt die Analyse. Er wird als realistisch, pragmatisch und reformoffen beschrieben. Der Vater von drei Kindern hat sich selbst einmal als "Ausgeburt des Modernismus" bezeichnet. Er gilt als begabter Strippenzieher im Hintergrund und zeigte dies unter anderem, als es um den "Pforzheimer Abschluss" ging, der Öffnungsklauseln zulässt, wenn Stellen oder die Wettbewerbsfähigkeit eines Betriebs auf dem Spiel stehen.

Aus Debakel von 2003 gelernt

Der 1950 in Ulm geborene Schwabe stand seit November 1998 an der Spitze des zweitgrößten IG-Metall-Tarifbezirks Baden-Württemberg. Mit dem Tarifabschluss 2002 gelang ihm bereits der zweite große Wurf. Schon 1999 hatte er in Böblingen in einer festgefahrenen Tarifrunde ein ordentliches Schlichtungsergebnis mit den Arbeitgebern ausgehandelt.

Auch sein designierter Stellvertreter Wetzel wird gerne als Modernisierer und Reformer bezeichnet, kommentiert solche Einschätzungen aber nur selten. Allerdings gilt er als Freund von klaren Worten: "Die Arbeitnehmer sind nicht die Melkkuh der Nation und der Arbeitgeber", sagte der Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen einmal - und es ist zu spüren, dass er solche Sätze auch so meint. Dennoch will Wetzel nicht immer mit dem Kopf durch die Wand, sondern hat sich einen Namen als flexibler Denker gemacht.

Insgesamt gilt die heutige Personalentscheidung der IG Metall als stille Revolution: Wochenlang drang nichts über die Kandidatensuche an die Öffentlichkeit, auch die Entscheidung des Vorstands wurde heute nur in einer dürren Mitteilung verkündet. Damit scheint das Trauma von 2003 überwunden, als der Machtkampf zwischen dem damaligen IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und dem zweiten Vorsitzenden Peters fast zu einer Spaltung und dann zu der wenig erfolgreichen Allianz von Peters und Huber geführt hatte. Das immerhin könnte ein Hinweis darauf sein, dass die IG Metall aus dem Debakel von 2003 gelernt hat.

sam/dpa/AP/ddp