Forstwirtschaft Genug zu tun
Die schlechte Nachricht bekam Erwin Böther, 52, per Post zugestellt. In nüchternen Zeilen und »mit freundlichem Gruß« wurde dem Arbeiter beschieden, daß eine Weiterbeschäftigung beim Forstwirtschaftsbetrieb Crivitz »aus rechtlichen Gründen« unmöglich sei.
Der Kündigungsbrief an Böther gehört zu einer Aktion des Schweriner Landwirtschaftsministers Martin Brick. Tausende von Waldarbeitern, Förstern und Forstgehilfen in Mecklenburg-Vorpommern erhielten in den vergangenen Monaten gleichlautende Schreiben, Tausende mußten bereits vorher gehen.
Mit der Massenentlassung will Brick, wie er sagt, »Schaden von der Landesregierung abwenden«. Der Christdemokrat weigert sich, die zwölf Forstwirtschaftsbetriebe der einstigen DDR-Bezirke Schwerin, Rostock und Neubrandenburg mit ihren rund 10 000 Beschäftigten zu übernehmen. »Das waren vor der Wende volkseigene Betriebe«, sagt Brick, »also gehören sie der Treuhand und nicht uns.«
Doch die Berliner Anstalt denkt gar nicht daran, die Forstfirmen als ihr Eigen anzuerkennen. Die Landesregierung, so ein Treuhand-Manager, sei schließlich Besitzer eines Großteils der einst volkseigenen 578 000 Hektar Wald in Mecklenburg und Vorpommern. Also müsse sie auch für die dazugehörigen Forstbetriebe Verantwortung tragen.
Seit Monaten schon streiten Land und Treuhand intern um die Rechtsnachfolge der DDR-Forstwirtschaftsbetriebe. Jeder will sie loswerden, keiner will sie haben.
Sicher, die riesigen Wälder Mecklenburg-Vorpommerns, die schon vor der einheitssozialistischen Machtübernahme im Landesbesitz waren, werden vom zuständigen Landwirtschaftsminister dankend zurückgenommen. Die dazugehörigen Waldarbeiter gelten Brick als zu teure DDR-Altlast.
Durch die Waldarbeiter würde der Etat des Landwirtschaftsministers, so haben Ministerialbeamte ausgerechnet, allein bis 1995 mit mehr als 70 Millionen Mark an Löhnen und Gehältern belastet werden. Hinzu kämen weitere rund 80 Millionen Mark Altschulden der Forstbetriebe aus unseligen DDR-Zeiten.
»Solche Summen sind für ein armes Land wie Mecklenburg-Vorpommern nicht finanzierbar«, sagt Brick. Darum müßten sich andere kümmern.
Der Trick, mit dem der Minister die Waldarbeiter loszuwerden versucht, ist nicht ganz fein. Zunächst wurde sämtlichen Mitarbeitern der einstigen Waldwirtschaftsbetriebe vorsorglich gekündigt. Danach bekamen rund 3000 der einst 10 000 Beschäftigten neue Arbeitsverträge bei den jetzt aufgebauten landeseigenen Forstdirektionen.
Mecklenburg-Vorpommern ist nicht das einzige der neuen Bundesländer, das Schwierigkeiten mit seinen Förstern und Waldarbeitern hat. Doch so forsch wie Brick geht kaum einer seiner Ministerkollegen vor. In Sachsen etwa bekommen ausscheidende Mitarbeiter der Forstbetriebe bis zu 10 000 Mark an Abfindungen, an der Küste wird kein Pfennig extra gezahlt.
So einfach wie gedacht allerdings kann Brick seine Sparmaßnahmen nicht durchziehen. Die Waldarbeiter und ihre Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft wehren sich mit Mahnwachen vor dem Brick-Ministerium und mit Prozessen.
Gleich nach der Entlassung zog Waldarbeiter Böther vor das Schweriner Arbeitsgericht. Jetzt wurde in erster Instanz Recht gesprochen: Im Namen des Volkes muß der Landwirtschaftsminister die Kündigung zurücknehmen. Auch in zwei weiteren Prozessen siegten die Gefeuerten und ihre Gewerkschaft.
Der Sieg macht mutig. Nun muß sich die Schweriner Landesregierung auf eine Flut von Arbeitsgerichtsverfahren gefaßt machen.
Gestärkt fühlt sich die Gewerkschaft auch durch ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten. Danach gilt das Land und nicht die Treuhand als Rechtsnachfolger der alten DDR-Forstbetriebe. Bricks Bürokraten arbeiten bereits an einer Studie, die genau das Gegenteil beweisen soll.
Ein absurder Streit. Denn Arbeit gäbe es genug in den Wäldern Mecklenburg-Vorpommerns. Die sind, verglichen mit den Forsten in den alten Bundesländern, in einem zum Teil beklagenswerten Zustand. »Da werden Kollegen gefeuert und mit Kurzarbeit null nach Hause geschickt«, sagt ein Förster, »dabei wäre hier für alle auf Jahre hinaus genug zu tun.«
Doch selbst für Waldarbeiter wie Erwin Böther, die vor dem Arbeitsgericht bereits gewonnen zu haben glauben, gibt es vorerst keine Rückkehr in den Forst. Ressortchef Brick will Berufung gegen das Urteil einlegen und notfalls bis zum Bundesarbeitsgericht nach Kassel gehen. Das kann drei Jahre dauern.
»Der Herr Minister macht das doch nicht aus Menschenverachtung«, sagt ein Schweriner Beamter, »sondern um den finanziellen Schaden für sein Haus zu begrenzen.« Nur leider sei das den Betroffenen sehr schwer zu vermitteln.