Argentinien Gepflegte Illusion
»Das Volk ist der hochtönenden Pläne, die nie verwirklicht werden, überdrüssig«, beteuerte Argentiniens Wirtschaftsminister Celestino Rodrigo am 30. Juni, als er in einer Ansprache an die Nation ein hartes Sparprogramm zur Sanierung der maroden Wirtschaft erläuterte.
Acht Tage später waren Argentiniens Lohnempfänger ihres Wirtschaftsministers überdrüssig. Die mächtigen Bosse der Gewerkschaftszentrale Confederación General del Trabajo, traditionell wichtigste Stützen des Peronismus, zwangen Rodrigo zum Rücktritt.
Der Minister scheiterte, weil er seinen Landsleuten den alten peronistischen Glaubenssatz hatte ausreden wollen, ihr Land besitze unermeßliche Reichtümer, die nur darauf warten, verteilt zu werden.
Daß diese These nicht mehr so recht zieht, können freilich selbst die Mutigsten unter den Argentiniern nicht länger leugnen: Zu deutlich und dramatisch fiel der rapide Niedergang der Wirtschaft aus. Galoppierende Inflation und monströse Defizite im Staatshaushalt treiben den zweitgrößten Staat des Subkontinents in den Ruin. Hatten die Finanzexperten der Regierung noch zu Beginn des Jahres den Fehlbetrag im Etat auf 17,9 Milliarden Pesos (1,6 Milliarden Mark) veranschlagt, so lassen die jüngsten Lohnerhöhungen das Defizit voraussichtlich auf das Sechsfache hochschnellen. Denn viele Firmen können den immensen Lohnschub nicht mehr aus eigener Kasse bezahlen: Sie sind auf Staatskredite angewiesen. Allein für die im Juni und Juli ausgezahlten Löhne mußte Argentiniens Zentralbank einen Zuschuß von 12,6 Milliarden Peso (1,1 Milliarden Mark) herausrücken.
Um den vor allem durch Lohnerhöhungen um bis zu 130 Prozent entstandenen riesigen Finanzbedarf zu decken, müßte die Regierung, so errechneten Experten in Buenos Aires, dreimal soviel Geld auf der Notenpresse drucken, wie derzeit im Umlauf ist. Dabei hatte sich der Geldumlauf ohnehin schon innerhalb nur eines Jahres bis Ende letzten Juni fast verdoppelt -- mit Treibsatzwirkung auf die Inflation. Ende Juni war die Teuerung bei einer Jahresrate von über 110 Prozent angelangt. Jetzt treibt das Land auf eine Hyper-Inflation von 200 bis 300 Prozent zu.
Die Inflation wiederum frißt immer schneller die Löhne auf. Dennoch pflegen die Gewerkschaften bei den Arbeitnehmern die Illusion wachsenden Wohlstands -- obwohl die Produktivität in der Industrie rapide sinkt. 1973 wurde im Durchschnitt, beklagte Ex. Wirtschaftsminister Rodrigo den Produktivitätsverlust. mit 60 Arbeitsstunden pro Mann das produziert, wofür heute 80 Stunden erforderlich sind. Die verminderte Produktivität kaschierte nur eine sich rasch ausbreitende Arbeitslosigkeit. Da die Privatunternehmer, häufig überaus reiche Industrie-Clans, praktisch nichts mehr in neue Anlagen und Maschinen investieren, wurden im öffentlichen Sektor in den letzten eineinhalb Jahren 100 000 neue Arbeitsplätze eingerichtet, für die in Wirklichkeit kaum Bedarf bestand.
Seit Mai 1973 übernahm die Regierung eine Vielzahl konkursreifer Privatunternehmen, die mit Milliardenspritzen subventioniert werden. Zugleich aber »standen die ausländischen und multinationalen Unternehmen vor der Überlegung«, so gestand Rodrigo, »ihre Tätigkeit aufzugeben, und haben zum Teil um Rückführung ihrer Kapitalien gebeten«.
In einigen Provinzverwaltungen fließen längst die Gelder doppelt so schnell aus den Kassen, wie sie hereinkommen. Die Einnahmen reichen zur Bezahlung der Beamten nicht mehr aus.
Schon Anfang Juni wußte die Regierung in Buenos Aires nicht mehr, wie sie die laufenden Verpflichtungen des Monats erfüllen sollte. Und seither geht es immer hektischer bergab. Die Reserven der Zentralbank waren damals bereits von zwei Milliarden Dollar mi August 1974 auf ein Drittel geschmolzen. Einen Monat später verfügte das Land lediglich noch über magere 40 Millionen Dollar. Bis Ende des Jahres aber muß Argentinien 3,4 Milliarden Dollar für Zinsen und Tilgung seiner Auslandsschulden in Höhe von insgesamt zehn Milliarden aufbringen.
Mit der näher rückenden Zahlungsunfähigkeit drohen Produktionsausfälle und Arbeitslosigkeit, wie sie Argentinien bislang nicht erlebt hat. Denn nahezu die gesamte Industrie ist von Importen aus dem Ausland abhängig. Bereits jetzt bricht häufig die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern, mit Nahrungsmitteln wie Brot, Obst und Olivenöl. zusammen.
Der in Wirtschaftsfragen unerfahrene Rodrigo-Nachfolger Pedro Bonnani -- vierter Wirtschaftsminister innerhalb von zehn Monaten -- freilich will sein Land mit jenen Mitteln retten, mit denen zuvor schon die Peronisten Argentinien an den Rand des Staatsbankrotts geführt hatten: Preisstopp ohne Rücksicht auf die Kosten und Verstaatlichungen.
»Die Argentinier«, urteilte ein ausländischer Manager in Buenos Aires, »sind sich ihrer wirklichen Lage noch gar nicht bewußt geworden. Sie halten sich noch immer an einer Scheinwelt fest.«
An die Realitäten erinnerten jetzt die Amerikaner: Regierungskredite werden. wenn überhaupt. nur gegeben, falls Argentinien dafür seine Deviseneinnahmen aus Exporten verpfändet.