Geräteshow Im Bett mit Microsoft
London - Eine Frau und vier Männer stehen vor einer Maschine. Die Frau macht Public Relations für Microsoft, die Männer sind Journalisten. Auf dem Bildschirm der Maschine, einem Zwitter aus mehrknöpfigem Bandit und Jukebox, zieht sich gerade eine schöne Asiatin aus.
Gespielt wird eine unfaire Variante des Strip-Pokers, denn nur die Frau auf dem Bildschirm muss sich nackt machen, wenn sie verliert. Nach drei Spielzügen steht sie schon in Höschen und BH da, in der nächsten Runde könnte ein striktes Jugendverbot notwendig werden. Aber dazu kommt es nicht, denn eine andere PR-Frau ist herbeigerauscht und fährt der eigenen Kollegin in die Parade. Schnell drückt sie auf zwei Knöpfe und die Halbnackte verschwindet wieder in den Tiefen des Gerätes.
"Einmalige Show"
Industrieroboter Kuka: Heute auf Schach programmiert
Foto: SPIEGEL ONLINE
Nähmaschine Artista: Stickmuster per Modem
Interaktiver Ergometer: Strampeln und Schießen
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Multimedia-Küchengerät: DVD schauen beim Abspülen
Foto: SPIEGEL ONLINELesen Sie im zweiten Teil, mit welchen Argumenten Microsoft versucht die Gerätehersteller auf seine Seite zu bekommen und warum ein Haus-Roboter nutzlos herumsteht.
Aufpass-Roboter Maron-1: Warnmeldung mit Bild ans Handy
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Wollte nicht richtig hören: Übersetzungscomputer Phraselator
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Ins Auge gegangen: Wearable PC Poma
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Bilderversand an der Wand: Wechsel-Rahmen Photoloom
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Dort drinnen regiert das Betriebssystem Windows XP Embedded, und das ist auch der Grund, warum die Journalisten an diesem Tag nach London geholt wurden. In einer "einmaligen Show" würde man 50 Spitzenprodukte zeigen, Besucher hätten die "exklusive Gelegenheit, sich von dieser Vielfalt zu überzeugen", hatte es in der Einladung geheißen. Das ganze nannte man "Device Alley", was wohl mit Absicht ähnlich klingt wie "Diagon Alley", die Gasse also, in der Harry Potter einmal im Jahr seine Zauber-Utensilien einkauft.
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In der realen Welt - so die Formel, die Microsoft an diesem Tag verteilt - heißt die Wunderwaffe Windows Embedded. Der Meister selbst hat die Parole ausgegeben. Bill Gates wünscht in seiner "Digital Decade Vision", dass die elektronischen Geräte der Zukunft mit entfrachteten Windows-Systemen ausgestattet werden und dann beliebig miteinander verknüpft werden können.
Das Plakat mit dem Zehnjahresplan-Zitat des übermächtigen Konzernherrn hängt wie der Satz eines großen Bruders am Ende der "Device Alley". Draußen vor der Tür steht ein Kuka-Roboter, besser bekannt als Folter-Werkzeug für James-Bond Gespielin Hale Berry. Heute soll er ganz friedlich mit sich selbst Schach spielen. Drinnen stickt die Nähmaschine Artista 2000 ohne menschliches Zutun einen Hundekopf auf ein Leintuch.
Produktmanager Hartmut Poppinga arbeitet sich derweil für das Publikum auf dem interaktiven Spiel- und Trimmrad Exertis ab. Er muss ohne virtuell zugeschalteten Gegner auskommen. Etwas kurzatmig erklärt er, dass die eigene Spielfigur umso mehr Kraft bekommt, je schneller man tritt. "Connected" könnte man also gleichzeitig seine Muskelkraft und seinen Spielwitz mit anderen Exertis-Nutzern messen.
Das Leben optimieren
Könnte. Was die Manager des Embedded-Teams an diesem Tag in London vorführen, soll irgendwann zu einem "optimierten und verbesserten täglichen Leben führen", sagt Poppinga, als er später wieder zu Atem gekommen ist. Und - das wird nicht öffentlich gesagt - zu einer nahezu unbegrenzten Ausweitung der Macht des Software-Giganten, der im Bereich der Betriebssysteme für Personal-Computer über 90 Prozent des Marktes kontrolliert.
Wäre die Nähmaschine Artista "connected", also per Modem mit der Internet-Seite des Herstellers verbunden, dann könnte der Nähfreund beliebig viele hübscher Muster aus dem Netz laden und damit alle seine Heimtextilien verzieren oder "optimieren". Aber dieser Zauber bleibt den Besuchern verwehrt, wie so manches auf der "Device Alley". Bilder aus dem interaktiven Bilderrahmen heraus zu verschicken ist nicht möglich, und auch der Browser des multimedialen Küchengerätes findet keinen Server.
Aubrey Edwards, verantwortlich für das weltweite Marketing der Embedded-Produkte, lässt sich von solchen technischen Problemen nicht aus der Ruhe bringen. "Wir haben uns vorgenommen, die Software-Plattform für alle Geräte zu bieten", sagt er. Momentan sei man noch in der Phase, dass die Produkte gut alleine funktionieren müssen. In Phase zwei würde man dann für das "better together" sorgen, also die Kommunikation der Geräte untereinander. Bei den möglichen Geräten, in denen er Windows in Zukunft sehen will, macht der Microsoft-Manager bewusst keine Einschränkungen. "Bei Waffen würden wir vielleicht zweimal nachdenken", sagt er und lächelt.
Selbst gegenüber dem vorführenden Personal geben sich die Ausstellungsstücke garstig. So gelingt es einem Microsoft-Mitarbeiter trotz akzentfreiem Amerikanisch nicht, den Phraselator, der auf Zuruf Sätze in Arabisch, Afghanisch oder Pakistanisch ausspucken soll, zu einem einfachen Satz zu bewegen. "Are you thirsty?" ("Sind Sie durstig?), sagt der Microsoft-Mann immer wieder, doch der Phraselator versteht nur "Are you in a hurry?" (Sind Sie in Eile?) oder "Are you married?" (Sind Sie verheiratet?).
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Mit den Embedded-Systemen versucht Microsoft den weltweiten Elektronik-Markt von unten her aufzurollen, frei nach der Devise: Wenn alle elektronischen Geräte erst einmal auf Windows laufen, dann sind auch alle Hersteller von unserem System abhängig. Und vielleicht gehört es irgendwann zum Allgemeinwissen, dass man ohne Windows kein Brot mehr toasten kann.
Microsoft-Manager Edwards hält solche Sorgen für übertrieben. "Wir unterstützen die Hersteller, die Nachfrage kommt von den Kunden", sagt er. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Microsoft tut einiges, um Gerätebauern die Integration von Windows-Software zu erleichtern. So wird die abgespeckte Version von Windows CE mittlerweile zum Kampfpreis von drei Dollar angeboten und Hersteller können zu Testzwecken bis zu 1000 Stück eines Gerätes mit Windows Embedded bauen, ohne Lizenzgebühren zu zahlen.
Wettlauf mit Linux Embedded
Aus dem Rennen geschlagen werden sollen mit solchen Aktionen die Anbieter von frei konfigurierbaren Versionen des Betriebssystems Linux, dessen Programmzeilen jedem Software-Entwickler kostenlos zur Verfügung stehen. Einer Studie von Evans Data Corp. aus dem Jahr 2002 zufolge liegen die beiden konkurrierenden Systeme mit einem Marktanteil von rund 30 Prozent gleichauf. Auf den beiden Websites linuxdevices.com und windowsfordevices.com , die nahezu identisch aufgebaut sind, wird munter um die Gunst der Gerätebauer gefeilscht.
Ziemlich verloren steht der Maron-1 herum. Der japanische Heim-Roboter mit Windows inside soll in Abwesenheit als Wachhund die Wohnung hüten und gleich die Bilder der Einbrecher an das Mobiltelefon schicken. Kann er aber gerade nicht, das kompatible Handy ist nicht in London.
Edwards lässt keinen Zweifel daran, dass Microsoft angreifen wird. "Wir sehen darin eine langfristige Herausforderung und wir wollen hier ähnliche Erfolge erzielen, wie auf dem Markt für PDAs", die handtellergroßen Computer, die meist mit einem Stift bedient werden.
Kuka will nicht spielen
Auch wenn er das sehr nett sagt, ist schon der Hinweis auf die Entwicklung des PDA-Marktes eine offene Drohung. Mit Palm gab es hier zunächst einen klaren Marktführer. Dann aber verbündete sich Microsoft mit den weltgrößten Hardware-Verkäufern Dell und Compaq und brachte PDAs mit Windows CE auf den Markt. Ergebnis: Der Marktanteil von Palm fiel in sich zusammen, das Unternehmen leidet mittlerweile unter Millionen-Verlusten.
Ein weiterer Grund, die Kampfansage von Microsoft ernst zu nehmen, ist die unheimliche Kraft des Software-Riesen, jeden Konkurrenten einfach vom Markt wegzukaufen. Das Unternehmen sitzt nach den letzten verfügbaren Zahlen derzeit auf Bargeldreserven von über 40 Milliarden Dollar. Der "Economist" erwartet deshalb zwischen Microsoft und dem Rest der Software-Welt einen langen und bitteren Kampf um die digitale Dominanz. Microsoft, da ist sich Manager Edwards sicher, wird dabei nicht den Kürzeren ziehen.
Der Konkurrenz bleibt angesichts solcher Kampfkraft nur die schwache Hoffnung, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis Geräte wie sie auf der "Device Alley" in London ausgestellt sind, richtig funktionieren. Kuka, der Bond-Folter-Roboter draußen vor der Tür, wollte bis zum Schluss nicht mit sich selbst Schach spielen.