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ÖLMULTIS Geschäft an der Quelle

Die Konzerne verdienen so prächtig wie noch nie - nicht an der Tankstelle, dafür direkt bei der Förderung.
• aus DER SPIEGEL 24/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die deutschen Filialen der Ölgiganten Exxon Mobil, BP Amoco und Shell haben alle ihren Sitz in der City Nord, einer tristen Trabantenstadt nahe dem Hamburger Flughafen. Derzeit ist die Stimmung dort noch etwas trüber als sonst.

»Zeitweilig haben wir bei jedem Liter draufgelegt«, stöhnt der Shell-Tankstellen-Chef Oswald Brockerhoff. »Wir schreiben da jeden Tag kräftig Verlust«, klagt auch Karl-Heinz Schult-Bornemann von Esso.

Seit Wochen zermürbt der Preiskampf an der Zapfsäule die Ölfirmen. Würden sie ihre gesamten Kosten auf Grund des höheren Dollars, des teureren Rohöls und gestiegener Steuern auf den Verbraucher überwälzen, müsste der Sprit 15 Pfennig teurer sein, rechnet der Mineralölwirtschaftsverband vor. Doch der harte Wettbewerb auf dem Benzinmarkt lasse das nicht zu.

Vom Tief im Norden ist ein paar tausend Kilometer westlich, in der Zentrale von Exxon Mobil im texanischen Irving, nichts zu spüren. Dort legte der Gesamtkonzernchef Lee R. Raymond gerade eine blendende Bilanz vor: Der Gewinn im ersten Quartal hat sich gegenüber dem Vorjahr auf 3,35 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Seine Kollegen von BP Amoco in London und Shell in Den Haag verdienen ähnlich prächtig: Beide verkündeten Rekordergebnisse.

Das Publikum ist verwirrt: Was gilt denn nun? Ist die Öl- und Gaswirtschaft ein Zuschussbetrieb der Old Economy oder doch ein glänzendes Geschäft?

Beides stimmt - es kommt nur darauf an, an welchem Ende der Wertschöpfungskette man gerade steht: an der Rohstoffquelle oder an der Zapfsäule.

Die Förderung von Öl und Gas ist zur Zeit ausgesprochen lukrativ. BP Amoco erzielte im ersten Quartal im so genannten Upstream-Bereich 3,2 Milliarden Dollar Gewinn. Mit dem Geschäft aus Raffinerie und Marketing - dem Downstream-Bereich, der bis zur Tankstelle geht - wurden dagegen nur 674 Millionen Dollar erwirtschaftet. Abzüglich anderer Betriebsverluste und Steuern bleibt ein Gewinn von 2,68 Milliarden Dollar.

Bei Exxon sieht es ähnlich aus. Das Upstream-Geschäft macht 2,7 Milliarden Dollar des Ertrags aus, Raffinerie und Vertrieb steuern nur 369 Millionen Dollar zum Gewinn bei. Und bei Shell hat sich der Ertrag aus dem Fördergeschäft auf 2,3 Milliarden Dollar verdreifacht, während der Konzern im Downstream-Bereich nur 517 Millionen Dollar Gewinn erzielt.

Das Schöne für die Konzerne: Sie halten sämtliche Glieder der Wertschöpfungskette in der Hand: Sie fördern den Rohstoff, veredeln ihn in Raffinerien, verkaufen die Produkte an die chemische Industrie und vertreiben Benzin an der Tankstelle - die Konzerne gleichen Gemischtwarenläden. An jedem Glied der Kette rechnen sie ab, und derzeit lässt sich eben am Anfang, bei der Exploration, am besten verdienen.

Dabei sind es nicht die westlichen Ölriesen, die dieses Geschäft bestimmen. Die großen Spieler sitzen in den Opec-Staaten, der weltgrößte Förderer ist Aramco in Saudi-Arabien. In diesen Gegenden sprudelt der Rohstoff praktisch aus der Erde; dort betragen die Förderkosten an vielen Quellen nur ein bis zwei Dollar pro Barrel.

Jetzt aber ist der Ölpreis zeitweise über die 30-Dollar-Marke geschossen. Nun lohnt es sich für die Ölkonzerne wieder, auch die eigenen Vorkommen selbst in schwierigen Regionen wie der Nordsee oder vor der Küste Westafrikas zu bewirtschaften. Sie haben die Felder nach der ersten Ölkrise 1973/74 erschlossen, um sich aus der Abhängigkeit des Opec-Öls zu befreien.

Zudem hat der technische Fortschritt die Gewinnung erheblich verbilligt. Mit Hilfe von dreidimensionaler Bodenanalyse lassen sich Ölfelder viel exakter bestimmen. Früher war nur jede zehnte Bohrung ein Treffer, heute ist es jede zweite. Auch die Personalkosten sind gesunken: Inzwischen genügen zwei Dutzend Leute, um eine Plattform zu betreiben, früher tummelten sich dort oft mehr als hundert Arbeiter.

Das alles hat die Exploration verbilligt und die Margen vergrößert, vor allem der Gasverkauf floriert. Und so fährt die Ölwirtschaft hier Milliardengewinne ein, während das Geschäft an der deutschen Tankstelle derzeit flau läuft; in der Gesamtbilanz jedoch fällt das kaum ins Gewicht.

Natürlich würden die Konzerne auch am Ende der Wertschöpfungskette, also beim Verbraucher, gern verdienen. Also wird gejammert und ein Preiskampf inszeniert, der vor allem die Kleinen der Branche, die keine Ölförderung im Rücken haben, treffen soll - wenn es geht, tödlich.

Schon in den vergangenen Jahren musste, statistisch gesehen, fast jeden Tag eine Station aufgeben. Der Trend wird anhalten, erwartet Peter Schlüter, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes: »In 15 Jahren wird es 30 Prozent weniger Tankstellen geben.« ALEXANDER JUNG

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