Chemie-Industrie Geschäft ist Geschäft
Ein Traumkandidat war Jürgen Strube für die Aufsichtsräte des Chemiekonzerns BASF gerade nicht. Die Arbeitnehmer äußerten schwerste Bedenken, und auch Ulrich Weiss von der Deutschen Bank hatte erhebliche Zweifel. Kein leichtes Rennen.
Strube, 50, wurde dennoch gewählt - ohne Kampfabstimmung, einstimmig. Am vergangenen Freitag beriefen ihn die Ludwigshafener Räte auf den Chefposten der BASF. Im Juni 1990 soll der Jurist den gegenwärtigen Vorstandsvorsitzenden Hans Albers, 64, ablösen.
Den Aufstieg an die Spitze verdankt der weitgehend unbekannte Strube zwei mächtigen Schutzherren. Albers und Aufsichtsratchef Matthias Seefelder, 69, haben den Kollegen gegen den anfänglichen Widerstand der Ratsmehrheit durchgesetzt.
Strubes ärgster Rivale war Finanzchef Ronaldo Schmitz, 51. Bankier Weiss, aber auch Gewerkschafter und Betriebsräte hätten den promovierten Kaufmann lieber ganz oben gesehen.
Schmitz gilt als Mann des Ausgleichs, der auch abweichende Meinungen gelten läßt und Verständnis für die Kritik der Öffentlichkeit an dem Gebaren der Chemie-Trusts erkennen läßt. »Es muß eine Atmosphäre herrschen«, sagte er, »in der die Leute mit neuen Ideen kommen.«
Solche Einstellungen haben Ronaldo Schmitz wohl aus dem Rennen geworfen. Der unerbittliche Albers schätzt diese Denkweisen nicht sonderlich.
Die Ernennung Strubes ist ein Signal, daß auch künftig bei der BASF eine Wende nicht auf der Tagesordnung steht; daß die Firma ihrem Ruf treu bleibt, uneinsichtig wie kein anderer Chemiekonzern auf die Einwände Umweltbesorgter zu reagieren. Der seit 20 Jahren in Diensten des Chemie-Riesen stehende Strube gilt intern als ein wenig kompromißbereiter Manager, ein Hardliner wie seine beiden Gönner.
Vorgänger Albers hat Maßstäbe gesetzt. Mit harter Hand hat er in seinen sechs Amtsjahren die BASF (1988: 44 Milliarden Mark Umsatz, 135 000 Beschäftigte) ganz nach vorn gebracht. Die meisten Geschäftsjahre schlossen mit Rekordergebnissen. Heute ist die einstige Anilin- und Sodafabrik hinter dem US-Giganten DuPont die Nummer zwei in der Welt.
Albers kaufte Unternehmen wie andere Leute Briefmarken. Gleich in Serie aquirierte der Konzern in der amerikanischen High-Chem-Szene. Einverleibt wurden die Verbundwerkstoffsparte von Celanese, der Lack- und Farbenhersteller Inmont und der Faserproduzent American Enka. Allein 1985 gab die BASF für den Kauf von Firmen und Beteiligungen vier Milliarden Mark aus.
Der geschäftliche Erfolg ging in der Ära Albers einher mit einer selbst für die Chemiebranche ungewöhnlichen Verbissenheit im Umgang mit Kritikern der Chemie im allgemeinen und der BASF im besonderen.
So hielt Albers nach der Einleitung von zwei Tonnen Pflanzengift in den Rhein im November 1986 die Abschaltung von Brunnen für »ungerechtfertigt«. Seinen rauhen Umgang mit den Sorgen der Bürger entschuldigte er schlicht mit seinem »naturwissenschaftlichen Verständnis«. Dem Nichtfachmann seien die Mengenverhältnisse bei Abwassereinleitungen eben nicht klar.
Allein in diesem Jahr hat es die BASF auf 14 sogenannte gewässerrelevante Schadstoff-Einleitungen in den Rhein gebracht. Der vorläufg letzte Störfall ereignete sich Mitte Dezember.
Während die Spitzenmanager anderer Chemiekonzerne mittlerweile Verständnis für Bürgerängste äußern, während ein Mann wie Bayer-Chef Hermann-Josef Strenger das »Umgehen mit der Ökologie genauso hoch bewerten wie die Ökonomie«, fährt die BASF weiter auf dem alten Unverständniskurs. Der »Hang zu politischer Überreaktion auf dem Gebiet der Umweltgesetzgebung«, meint Albers, »stranguliert die Forschung«.
Die Betonriege aus dem Anilinkonzern lieferte den Falken im Management anderer Chemiefirmen oft ein Alibi. Als bei Hoechst eine wirkungsvollere Methode zur Abwasserreinigung eingesetzt werden sollte, meldeten die Hardliner der Firma Bedenken an und verwiesen auf BASF. Dort würde gerade nur soviel getan, wie es das Gesetz verlange.
Entsprechend ist es um das Image des fünftgrößten deutschen Konzerns bestellt. Die BASF, gab jeder fünfte bei einer Umfrage des Düsseldorfer Instituts für angewandte Marketing-Wissenschaften an, sei »besonders verantwortungslos, unmoralisch und unethisch«.
Der neue Mann an der Spitze liefert keinen Anlaß für die Vermutung, daß die Befragten ihre Einschätzung bald ändern müssen.
Strube fiel nie durch zweiflerische Gedanken auf. Für ihn steht außer Zweifel, daß die Chemie der Menschheit nichts als Segen bringt. Die nach wie vor schnell wachsende Branche erscheint dem neuen Chef, wie dem alten, als Synonym für Wachstum und Wohlstand.
Geschäft ist Geschäft, politisches Feingefühl mehrt nicht den Gewinn. Als sich US-Konkurrenten aus Südafrika zurückzogen, füllte die deutsche BASF mit ihren Computern die Angebotslücken im Apartheidstaat. Verantwortliches Vorstandsmitglied für diesen Geschäftsbereich war Jürgen Strube.
Wer erfolgreich sein will, das hat Albers seinem Strube vorgemacht, muß Härte zeigen. 370 Belegschaftsmitglieder aus der US-Fabrik in Geismar/Louisiana hatten 1984 nach einer Tarifauseinandersetzung Auskünfte über die Giftigkeit von Produkten und die Einhaltung von Sicherheitsbestimmungen gefordert.
Die BASF lehnte sämtliche Forderungen ab, die Arbeiter traten daraufhin in den Streik und wurden zum großen Teil ausgesperrt, bis heute. Billigere Leihkräfte machen nun die Arbeit.
Zuständig für den Markt Nordamerika war von Mitte 1985 bis Mitte 1988 Vorstandsmitglied Strube. Der lehnt jede Verantwortung ab. Für die Aussperrung seien die Manager drüben zuständig, »da mischen wir uns nicht ein«.
Auch nicht seinerzeit in Südamerika? In Peru, Paraguay, Brasilien und der Dominikanischen Republik setzte der Konzern noch 1988 als Pflanzenschutzmittel den hierzulande längst verbotenen Wirkstoff Carbaryl ein.
Nach der Entdeckung ließ die BASF nicht etwa ein sofortiges Verkaufsverbot verkünden. Geschäft ist Geschäft, was noch auf Lager war, durfte verkauft werden. Das Vorstandsmitglied, das im vorigen Jahr die Verantwortung für Lateinamerika übernahm: Jürgen Strube.