Geschäfte mit "Deep Throat" Ausplaudern und Abkassieren
New York - Die letzten Zeilen sind noch nicht geschrieben, doch das Cover ist längst fertig. Leitmotiv: schlicht-unaufdringlich. Über dem Dienstsiegel der US-Bundespolizei FBI, samt ihres Wahlspruchs "Treue, Mut, Integrität", findet sich da nur der lakonische Buchtitel, mehr nicht: "The Secret Man - The Story of Watergate's Deep Throat". Dieses Werk braucht kein reißerisches Foto. Es will sich mit seinem Inhalt allein verkaufen.
Bob Woodward, Starreporter der "Washington Post", ist ein Schnellschreiber. Gerade mal drei Wochen sind vergangen, seit sich "Deep Throat", Woodwards legendäre Insider-Quelle bei der Enthüllung des Watergate-Skandals, nach drei Jahrzehnten des Schweigens selbst offenbarte. Und schon ist Woodward kurz davor, die Affäre zwischen Buchdeckel zu pressen - 256 Seiten, unverbindliche Preisempfehlung bei 23 Dollar, ISBN-Nr. 0743287150, erhältlich auch als fünfstündiges Hörbuch, im Set von fünf CDs. Erscheinungstermin: übernächsten Mittwoch.
Ein programmierter Instant-Bestseller: Das "heißeste Buch dieses Sommers", wie die "New York Times" neidvoll prophezeit, schoss auf der Vorbestell-Liste des größten US-Buchhändlers Barnes & Noble bereits diese Woche, unveröffentlicht und unrezensiert, von Platz 522 auf Platz 89. Zwischenzeitlich war es gar auf Platz 4 vorgerückt.
Ein Stückchen vom Tantiemenkuchen
Der New Yorker Verlag Simon & Schuster, eine Tochter des Mediengiganten Viacom, plant eine ziemlich ambitionierte Erstauflage von 800.000 Exemplaren. Unter Berücksichtigung des üblichen Preisabschlags für Neuerscheinungen wäre das ein Gesamtumsatz von mindestens 13 Millionen Dollar. Dagegen verblasst der Hollywood-Deal, den "Deep Throat" selbst - alias Mark Felt, seinerzeit die Nummer zwei im FBI - gerade erst mit der Viacom-Rivalin NBC Universal eingetütet hat: Ihn schätzen Branchenkenner auf rund eine Million Dollar.
Legenden: Watergate und "Deep Throat"
Alles eine Frage des Geldes: Das Wettrennen um den größten Gewinn aus Washingtons letztem, Ende Mai gelüftetem Politgeheimnis begann lange, bevor Mark Felt, 91, beschloss, seine Identität als "Deep Throat" in den Seiten des Glamourblatts "Vanity Fair" preiszugeben. Und der Gewinner dieses Wettrennens ist jetzt nicht Felt selbst, der Mann, der Richard Nixon stürzen half. Sondern sein damaliger Protégé Bob Woodward - inzwischen ein gewiefter Bestseller-Fabrikant, der seine Watergate-Fortune zum Millionengeschäft veredelt hat.
So rentabel schien Felts Geschichte, dass das Gehechel nach dessen maximalem Profit in den letzten Wochen nach Worten eines Medienmanns so gnadenlos-hektisch verlief "wie eine Futures-Börse". Agenten buhlten, Verleger schacherten, Filmstudios lockten. Am Ende standen sich zwei einstige Komplizen, Felt und Woodward, plötzlich als Business-Rivalen gegenüber, derweil der Dritte im Bunde, Woodwards Ex-Reporterkollege Carl Bernstein, Mühe hatte, sich auch ein Stückchen vom Tantiemenkuchen abzuschneiden.
Geschäft mit den Sensationen
Dabei sah es erst aus, als hätte Felt die besten Chancen, sein Doppelleben meistbietend abzusetzen. Seit Jahren hatte er mit Anwalt und Familienfreund John O'Connor über die Modalitäten eines Denouements verhandelt. Anfangs war sogar eine "gemeinsame Enthüllung" mit Woodward im Gespräch, "in Form eines Buches oder eines Artikels", so O'Connor. Doch Woodward winkte ab.
Also machte sich O'Connor auf eigene Faust auf die Suche nach einem Abnehmer. 2003 rief er Graydon Carter an, den Chefredakteur von "Vanity Fair". Als sich der aus journalistischem Anstand weigerte, für Informationen zu zahlen, soll O'Connor gedroht haben, sich anderswo umzutun. Doch nachdem auch "People" seine Offerte abgelehnt hatte, einigte man sich darauf, dass O'Connor den Artikel selbst schreibe, gegen ein reguläres Autorenhonorar von 10.000 Dollar. Bis zuletzt hielt sich O'Connor alle Optionen offen: Noch zwei Tage vor der Veröffentlichung schrieb er ein E-Mail an Woodward, in dem er ihm - ohne "Vanity Fair" zu erwähnen - erneut eine Buch-Kooperation anbot: "Ich bin ein großer Fan."
Teil zwei: Bernsteins Geldsorgen, Nicole Kidmans Agentur - und ein konkurrierendes Buchprojekt
Dann überschlugen sich die Ereignisse. Das Medienecho auf die Enthüllung war so groß, dass alle Beteiligten sofort weitere Zahltage witterten. Die Felts heuerten einen Mittelsmann an: den literarischen "Überagenten" David Kuhn aus Manhattan, der sich als Ex-Redakteur bei "Vanity Fair" und dem "New Yorker" gut auskennt im Geschäft mit Sensationen. Kuhns Standard-Kommission: 15 Prozent. Zugleich läuteten aus Hollywood die Filmagenturen bei O'Connor an, um Felts Story cineastisch zu verhökern. Den Zuschlag bekam CAA, die größte der US-Talentbörsen, die außerdem Julia Roberts und Nicole Kidman vertritt.
Aber auch Woodward blieb nicht untätig. Seit langem hatte er das Rohmanuskript eines Buches über "Deep Throat" in der Schublade und war nun natürlich nicht länger an den Eid gebunden, seine Quelle erst posthum zu identifizieren. Während er sich für drei Wochen mit seinem Computer verkroch, überlegte sein Hausverlag Simon & Schuster, wie man den alten Recherchepartner Bernstein - die andere Hälfte des Reporterduos "Woodstein" - schnell noch an dem Millionen-Unternehmen beteiligen könnte, das der "New York Observer" mit treffender Ironie "Deep Throat, Inc." nannte.
Woodward war immer schon der bessere Geschäftsmann. Er versilberte seinen Watergate-Ruhm und den Pulitzerpreis - der 1973 an die gesamte Redaktion ging, nicht nur ihn - mit Dutzenden Bestsellern, kassiert heute Redehonorare von 50.000 Dollar und ist weiter leitender Redakteur der "Washington Post".
Bernstein dagegen irrte nach Watergate von einem Verlag zum anderen und machte mehr mit seinem Privatleben Schlagzeilen. Im April 2003 verkauften die beiden die meisten ihrer Recherchen und Papiere über Watergate für fünf Millionen Dollar an die University of Texas. Es heißt, Bernstein habe das Geld gebraucht.
Lebensgeschichte verscherbelt
Für "The Secret Man", ihre wohl letzte Kooperation, einigten sie sich jetzt auf einen Kompromiss. Woodward tritt als Hauptautor auf. Bernstein - der Felt nie kennenlernte - bekommt eine prominente Fußnote auf dem Cover: "Mit einer journalistischen Einschätzung von Carl Bernstein." Auch die Tantiemen dürften sich entsprechend ungleich verteilen.
Mit diesem Schnellschuss schlug Woodward seinen Ex-Mentor Felt leicht aus dem Rennen. Dessen Familie verhandelte via Kuhn und CAA wochenlang um die Buch- und Filmrechte an Felts eigenen Memoiren. "Woodward wird den ganzen Ruhm einheimsen", ließ sich Joan Felt zitieren. "Wir könnten wenigstens genug Geld verdienen, um unsere Rechnungen zu zahlen."
Es war allerdings schwieriger als erwartet, Felts eigene Geschichte zu verscherbeln. Die meisten Verlage die Agent Kuhn ansprach, verzichteten: Felts Erinnerungsvermögen sei nicht mehr verlässlich genug, schließlich habe der Mann 2001 einen Schlaganfall erlitten.
Journalistischer Mythos
Der unabhängige New Yorker Kleinverlag PublicAffairs griff schließlich zu. Als Co-Autoren wurden John O'Connor und der frühere "Newsweek"-Redakteur Steve Strasser verpflichtet. Erscheinungstermin: Februar 2006. Ob sich das Interesse so lange hält? Kuhn steckt die Erwartungen bewusst niedrig: "Dies wird ein etwas anderes Buch", sagt er. "Ich glaube nicht, dass es Schlagzeilen produzieren wird, die die Watergate-Geschichte noch ändern." Trotzdem stellt auch Kuhn "unglaublich dramatische Storys" in Aussicht - inklusive Gastauftritten der Mafia und der PLO.
Um die Filmrechte an Felts Leben, der Rolle O'Connors und dem "Vanity-Fair"-Artikel bewarben sich mehrere Studios. Universal Pictures, das zum Medienkonzern NBC Universal gehört, schnappte sich den Vertrag - nach Insider-Berichten für eine schlappe Millionen Dollar. Produziert würde ein "Deep-Throat"-Film von der Firma Playtone, die dem Schauspieler Tom Hanks und seinem Partner Gary Goetzman gehört. Hanks, so wird gemunkelt, könnte Felt vielleicht selbst spielen.
Ob sich dabei das letzte verliebene Watergate-Mysterium aus der Welt schaffen lässt, bleibt abzuwarten. "Follow the money" soll Felt den Reportern geraten haben: Folgt dem Geld - ein Rat, der zu journalistischem Mythos mutierte. Doch der Ausspruch stammt weder von Felt noch von Woodward. Sein wahrer Urheber: Bill Goldman, der das Drehbuch des Watergate-Films "All the President's Men" schrieb.
Besser hätte aber auch er das letzte Kapitel dieser langen Saga kaum beschreiben können.