Gesichter des Streiks: Der Kamera-Mann - DER SPIEGEL
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Gesichter des Streiks Der Kamera-Mann

Von Jens Tönnesmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um kurz nach acht, als im Kölner Hauptbahnhof der große Streik beginnt, beißt Alberto Montani erstmal genüsslich in sein Salamibrot. Während verstörte Bahnreisende auf die große Anzeigetafel in der Eingangshalle starren und vor den Service-Countern Schlange stehen, lässt der 62-Jährige sich sein Lunchpaket schmecken: Belegte Brote, Birne, Apfel und einen Orangensaft zieht er aus einer weißen Papiertüte. "Da ist einiges drin", sagt er und grinst. Alberto Montani ist Kameramann beim ZDF. Seit sieben Uhr früh steht er auf dem Bahnhofsvorplatz – wie viele andere Journalisten, Korrespondenten und Kameraleute, die die Eingangshalle belagern, Reisende interviewen, fotografieren, filmen.

Für Montani ist der Streik in erster Linie ein lukrativer Job. Bis 17 Uhr wird er hier stehen, macht eine normale Schicht plus eineinhalb bezahlte Überstunden. Dass er dafür schon um fünf Uhr aufstehen musste, stört ihn nicht. "Ich freu mich, wenn ich Arbeit habe", sagt Montani, "auch wenn wir dabei von dem Leid anderer profitieren – und in diesem Fall eben von den Unannehmlichkeiten der Bahn-Reisenden." Am Abend vorher hatte Montani bis nachts um zehn in Bonn zu tun, wo der Prozess gegen die Foltermörder von Siegburg stattfand. Was auch in NRW passiert: Montani filmt es.

Für die Gehaltsforderungen der GDL hat Montani wenig Verständnis: "30 Prozent – das finde ich ein bisschen happig". Er selbst habe solche Gehaltssprünge jedenfalls noch nicht erlebt: "Ich arbeite ja beim ZDF", sagt er und macht eine andächtige Pause, "da gibt es dann alle Jubeljahre mal 2,1 oder 1,4 Prozent mehr Lohn."

Während Montani sein Brot zu Ende kaut, kommt ein Kollege von einem anderen Sender herüber. "In deinem Alter sollte man doch in Spanien sein, wo es warm ist", sagt der Kollege. Spanien ist Montanis Leidenschaft – er selbst bezeichnet sich übrigens als "Peruaner italienischer Abstimmung." Zweimal im Jahr ist er für mehrere Wochen in Andalusien. In Almería hat Montani auch schon mal einen Streik der Gemüsebauern erlebt, die die Durchfahrtsstraße blockiert haben. Das sorgte für ein größeres Chaos als heute morgen am Kölner Hauptbahnhof – die meisten Reisenden, so scheint es, haben sich rechtzeitig nach Alternativen zur Bahn umgesehen.

Neben dem Übertragungswagen rattert der Generator, die Kameras liegen bereit, Montani trinkt den letzten Schluck Orangensaft. Um 9 Uhr ist Schalte – das Frühstück ist beendet.