Gestiegene Lebensmittelpreise: Der Kampf um die Nahrung - DER SPIEGEL
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Gestiegene Lebensmittelpreise Der Kampf um die Nahrung

Es ist ein Hilferuf, der deutlicher nicht sein könnte: Das Welternährungsprogramm der Uno kann seine Hilfslieferungen nicht mehr zahlen, weil Lebensmittel so teuer geworden sind. Dabei ist das nur der Anfang eines globalen Verteilungskampfes - der zu Lasten der Armen geht.
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Hamburg - Roggen plus 55 Prozent, Gerste plus 70 Prozent, Weizen plus 90 Prozent - es sind nackte Zahlen und doch haben sie ungeahnte Konsequenzen: In einem drastischen Hilferuf haben die Vereinten Nationen (Uno) heute auf die steigenden Preise für Getreide und Lebensmittel aufmerksam gemacht. Man könne die Hilfslieferungen im geplanten Umfang nicht mehr garantieren, sagte die Direktorin des Welternährungsprogramms (WFP), Josette Sheeran, der "Financial Times". "Wenn unsere Geldgeber uns nicht mehr Mittel zur Verfügung stellen, müssen wir entweder die Lebensmittelrationen kürzen oder weniger Menschen versorgen."

Eine Empfängerin von Lebensmittelhilfen im Irak: 90 Millionen Menschen werden vom World Food Program der Uno versorgt

Eine Empfängerin von Lebensmittelhilfen im Irak: 90 Millionen Menschen werden vom World Food Program der Uno versorgt

Foto: AP

Dass es ausgerechnet das WFP ist, das Alarm schlägt, zeigt, wie kritisch die Situation ist: Denn das Welternährungsprogramm ist die größte humanitäre Organisation der Welt. Sie versorgt rund 90 Millionen Menschen überall dort, wo die Not am größten ist: in Flüchtlingslagern, Überschwemmungsgebieten, in Bürgerkriegsregionen. Dabei arbeitet sie zum Teil mit Naturalspenden, zur anderen Hälfte lebt sie aber auch von Geldspenden - mit denen sie hauptsächlich Getreide kauft.

Wie keine andere Organisation bekommt sie deshalb zu spüren, wenn die Preise anziehen. "Nahrungsmittel sind in den letzten Monaten in einem rasanten Tempo teurer geworden", sagt Rafael Schneider, Experte der Deutschen Welthungerhilfe. "Damit reichen die vorhandenen finanziellen Mittel nicht mehr für die gleiche Menge an Hilfslieferungen, die eigentlich benötigt würde." Denn die Welthungerhilfe und andere Organisationen ordern ihre Nahrungsmittel nicht nach der Menge, sondern nach dem Geld, die sie dafür zur Verfügung haben.

Weizen so begehrt wie seit 30 Jahren nicht mehr

Das bedeutet schlicht: Je teurer zum Beispiel Getreide wird, desto weniger bekommen die Hilfsorganisationen für ihr Geld. Dabei sind die Gründe für die hohen Preise weder neu, noch besonders erstaunlich: Veränderte Konsumgewohnheiten, der Klimawandel, die Erzeugung von Biokraftstoffen und Wetterkapriolen sorgen dafür, dass etwa Weizen so begehrt ist wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Bestände der EU sind innerhalb von nur einem Jahr von 14 Millionen Tonnen auf eine Million Tonnen eingebrochen.

Während hier den Butterbergen, Milchseen und berstenden Getreidehallen der vergangenen Jahrzehnte ein Ende gemacht wurde, ist der Bedarf an Nahrungsmitteln weltweit gewachsen: Nicht nur, weil die Zahl der Menschen rund um den Globus ständig steigt, sondern auch, weil die sich inzwischen anders ernähren: "Der Konsum an höherwertigen Lebensmitteln, also Milch und vor allem Fleisch, steigt kontinuierlich an", sagt Marlies Lindecke, Nahrungsmittelexpertin der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ).

Tatsächlich hat sich der Fleischkonsum in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt - was Probleme nach sich zieht: Denn für die Produktion von einem Kilo Schweinefleisch benötigt ein Viehzüchter drei Kilo Futter, bei Rindfleisch liegt das Verhältnis sogar bei eins zu sieben. Gefüttert wird mit genau dem Getreide, das dann an anderer Stelle fehlt.

China kauft den Weltmarkt leer

"Wir verlieren dadurch immer mehr Flächen, denn neues Land kommt nicht hinzu", sagt Lindecke. Im Gegenteil: Durch Unwetter, den Klimawandel und zunehmende Industrialisierung nehmen die möglichen Anbauflächen sogar ab. Ihre Größe stagniert seit rund 30 Jahren bei weltweit etwa 1,5 Milliarden Hektar. Was in Russland oder Südamerika dazukommt, geht in Asien oder Europa verloren - allein in China sind in einem Jahrzehnt acht Millionen Hektar Ackerland verschwunden.

Weil die Volksrepublik ein Viertel der Weltbevölkerung ernähren muss, aber nur über zehn Prozent der Anbauflächen verfügt, tut sie das, was die Preise in die Höhe schnellen lässt: Sie kauft die Weltmärkte leer. So haben sich in nur zehn Jahren die Einfuhren von Sojabohnen mehr als versiebenfacht, die Maislieferungen aus dem Ausland stiegen 2006 um das 15-fache.

"Das ist keine einmalige Spitze, sondern ein lang anhaltender Trend", sagt Welthungerhilfe-Experte Schneider. Die Situation werde sich noch weiter verschärfen, wenn die Quoten für die Beimischung von Biokraftstoffen in Kraft träten. "Diese Quoten dürfen nicht zu Lasten der Armen gehen."

Denn tatsächlich verdrängen Raps und Zuckerrohr weltweit andere Kulturen. Wo früher Sojafelder, Rinderweiden und Baumwollplantagen waren, wird heute der Rohstoff für Biokraftstoffe angebaut - und das meist mit Hilfe finanzkräftiger Geldgeber. So investieren etwa der Investmentbanker George Sorros, AOL-Gründer Steve Case und der Ex-Weltbank-Präsident James Wolfensohn in Brasilien und haben sich dort in Ethanol-Fabriken eingekauft. Sie wittern das große Geschäft - und schmücken sich mit dem angeblichen Umweltschutz.

"800 Millionen Autobesitzer gegen zwei Milliarden Arme"

Dass sie damit anderen Menschen dringend notwendige Nahrungsmittel vorenthalten, dringt erst langsam ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Als neuen Nord-Süd-Konflikt zwischen "800 Millionen Autobesitzern und weltweit zwei Milliarden der Allerärmsten" hat es der Präsident des Washingtoner Earth Policy Institutes, Lester Brown, bezeichnet. Für Schneider ist es einfacher: "Das Recht auf Fahren ist kein Menschenrecht, das Recht auf Nahrung schon."

Eine andere "Prioritätensetzung" fordert auch GTZ-Expertin Lindecke ein - vor allem beim Landmanagement. Nahrungsmittelproduktion müsse Vorrang haben, wenn die armen Länder tatsächlich eine Entwicklungschance bekommen sollten. Für die momentan diskutierte Nahrungsmittelhilfekonvention (FAC) müsste das praktisch heißen: "Der Umfang der Hilfslieferungen wird an Tonnen festgemacht - und nicht an Geld. Denn sonst bekommen die Ärmsten der Armen irgendwann nur noch die Hälfte."

Ob sich das aber durchsetzen lässt, ist offen: Denn die neue FAC soll zeitgleich mit der neuen Entwicklungspolitik der Welthandelsorganisation, der sogenannten Doha-Runde, abgeschlossen werden. Die Verhandlungen aber verzögern sich - zu sehr ringen Entwicklungs- und Industrieländer um Marktzugang, Importquoten und Subventionen. Ob da ausreichend Platz für die Belange der rund 850 Millionen akut hungernden Menschen ist, bleibt abzuwarten.