Gestürzte US-Bosse Das Ende der Potentaten
New York - Carly Fiorina bei Hewlett-Packard, Michael Eisner bei Disney, Harry Stonecipher bei Boeing, Maurice Greenberg bei AIG: Selten sind so viele US-Konzernbosse in so kurzer Zeit vom Sockel gestürzt.
Die schlagzeilenträchtigen Fälle haben eines gemein. Etwas, was erst auf den zweiten Blick auffällt - doch worin Arthur Levitt, der frühere Vorsitzende der Börsenaufsicht SEC, nichts Geringeres sieht als einen "gigantischen Kulturwandel in Amerikas Chefetagen": Sie alle wurden in einer Art landesweiten Revolution von ihren eigenen Aktionären und Kontrolleuren entthront.
Vorbei die Zeit der "imperialistischen CEO's", wie sie das "Wall Street Journal" nennt. Jene autokratischen, knorrigen, überheblichen Charakterdarsteller, die die US-Wirtschaft Jahrzehnte lang mit eisernen Faust regierten, gehören der Vergangenheit an. Er sei Opfer einer "neuen Weltordnung", klagte Wall-Street-Legende Greenberg, kurz bevor er auf Druck seines Boards den Posten als CEO des wegen Betrugsvorwürfen in Misskredit geratenen Versicherungskonzerns AIG räumte.
Greenberg, Eisner & Co. erlagen ihrer eigenen Hybris, der Illusion der Unverwundbarkeit, dem Irrglaube der Prominenz. "Wie moderne Sonnenkönige dachten sie, sie allein seien die Firma", sagt Levitt. Lange Zeit war das auch so: Die CEO's waren die Stars, ihre Namen hatten Kurswert, ihre Konterfeis auf den Covers der Wirtschaftsblätter waren die besten Werbeflächen des Konzerns, und ihre Gehälter waren deshalb exorbitant. Sie konnten mal hier einen Rivalen schlucken, mal dort ein paar Tausend Angestellte feuern, und wenn sie Lust hatten, verkauften sie den ganzen Laden ganz, doch nicht bevor sie sich selbst eine siebenstellige Abfindung bewilligen ließen.
"Wie tragische Helden"
Doch plötzlich ist es, als hätten sich die "kaiserlichen Potentaten", so Hedgefonds-Manager Bill Fleckenstein, übernommen. "Wie bei tragischen Helden", sagt lan Murray, ein leitender Redakteur beim "Wall Street Journal", "wurde ihnen ihre eigene Anmaßung zum Verhängnis." Die Aktionäre und deren Bevollmächtigte, die Boards, mucken auf, nehmen Fehltritte, schlechte Performance oder auch nur dumme Ausreden nicht mehr hin: AIG International feuerte Greenberg im Prinzip wegen schlechter Presse, Walt Disney kippte Eisner wegen seines absolutistischen Führungsstils und seines Monarchensalärs, Hewlett-Packard schickte Fiorina wegen der Folgen eines missratenen Joint Ventures in die Wüste, Boeing gab Stonecipher wegen einer Büro-Affäre den Laufpass - eine Woche später tat seine Gattin das Gleiche und reichte die Scheidung ein.
"Der König hat jetzt ein Parlament", resümiert Ian Murray. "Und das Parlament schuldet einer mächtigen Wählerschaft Rechenschaft." Immer mehr Boards sehen sich als unabhängige Kontrollorgane der Konzernchefs und nicht mehr einfach nur als Jasager und Duckmäuser. So ergab eine Umfrage der US-Wirtschaftsvereinigung Business Roundtable unter ihren Mitgliedern jetzt, dass inzwischen 71 Prozent der Boards regelmäßig "executive sessions" abhalten, also Sitzungen, von denen die Manager ausgeschlossen sind - ein Zeichen größerer Autonomie und Kritikfreiheit. Vor einem Jahr noch waren es nur 68 Prozent, vor zwei Jahren 55 Prozent. 83 Prozent der Boards haben demnach auch einen unabhängigen Vorsitzenden - zwölf Prozent mehr als 2004.
Jahreshauptversammlungen werden - siehe Disneys öffentliche Abkanzelung von Eisner - zu Gerichtsverhandlungen über die CEO's, die Aktionäre zu Geschworenen. "Investoren sind engagierter und haben mehr Macht als je zuvor", sagt Levitt. Hinzu kommen forsche Politiker und Juristen, die den "Imperialisten" in den Chefetagen Stirn bieten, etwa der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer. Und eine Presse, die das alles genüsslich protokolliert. "Eine große amerikanische Company zu führen", seufzt das "Wall Street Journal", "ist nicht mehr, was es mal war."
Von Kampfjets und Playboys
Wer ist als Nächster dran? Das "Wall Street Journal" führt neuerdings eine "Watchlist für imperialistische Firmentitanen". Darauf findet sich erlauchte Prominenz wie Oracle-CEO Larry Ellison ("der Bombast, die Jachten, die Kampfjets, die Anwesen, der Playboy-Charakter, die feindlichen Übernahmen"), Viacom-Chef Sumner Redstone ("keiner stürmt Fort Sumner") und Medienzar Rupert Murdoch ("neigt dazu, Familienmitglieder anzustellen").
An ihre Stelle tritt eine neue CEO-Generation. Wer dieser Tage überleben will, muss, wie Levitt beobachtet hat, "zu allererst sein Board respektieren und ihm gehorchen, seine Ratschläge beherzigen und sich fürsorglich um die öffentlichen Verpflichtungen des privaten Sektors kümmern". Gewünscht sind Teamarbeiter, die "unter dem Radar fliegen" und ihre eigene Person hinten anstellen. "Sie müssen aus ihren Privatjets aussteigen und mit den anderen mitfliegen", fordert PR-Berater Robert Dilenschneider. "Sie müssen Zeit mit den Arbeitern in der Fabrik verbringen, hinter den Verkaufstheken oder in den Bürowaben."
Charles Prince will zum Beispiel so ein CEO sein. Der Vorstandschef von Citigroup hat geschworen, eine neue Unternehmenskultur einzuführen. Er redet viel von "Werten", "Ethik" und "gemeinsamer Verantwortung" und hat angekündigt, "mindestens die Hälfte" seiner Arbeitszeit auf derlei Gedankengut zu verwenden. "Dies ist die allererste Aufgabe", sagt er. "Wenn ich mir das nicht zu Eigen mache, dann werde ich keinen Erfolg haben."
Der König ist tot. Lang lebe der König.