Gesundheitsreform Ärzte warnen vor Pillen-Rationierung
Berlin - Die Sparpotenziale bei den Ärzten sind aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) weitgehend ausgereizt. Die Mediziner verschrieben bereits zu 70 Prozent Generika, also günstige Nachahmerprodukte, die aber im internationalen Vergleich immer noch zu teuer sein. Sollten die Ärzte hier weiter sparen müssen, so würde dies "voll zu Lasten der Patienten gehen", sagte KBV-Vizepräsident Leonhard Hansen.
Tatsächlich bräuchten nach Berechnungen der Kassenärzte bereits heute viele Patienten mehr Arzneien, um ihre Krankheiten optimal zu behandeln. Nach Modellrechnungen für sieben Krankheitsbilder - darunter Volkskrankheiten wie koronare Herzkrankheiten, Osteoporose, Depressionen und Asthma - würde die von Fachleuten empfohlene Arzneitherapie aller behandlungsfähigen Patienten allein rund 2,24 Milliarden Euro an Mehrkosten verursachen.
Hansen zufolge ist dies noch eine konservative Berechnung des Mehrbedarfs. Derzeit profitiere das System zynischerweise davon, dass nicht alle Patienten zum Arzt gingen oder aus anderen Gründen nicht optimal versorgt würden. Der KBV-Vize forderte die Bundesregierung deshalb auf, die Pharmaindustrie zu Preissenkungen zu zwingen. Nur so sei es möglich, den Patienten weiter alle benötigten Medikamente zu verschreiben.
Hintergrund ist der Streit um Festbeträge, die nach der Gesundheitsreform künftig auch für einige patentgeschützte Arzneien gelten sollen. Diese Festbeträge wirken praktisch wie eine erzwungene Preissenkung für sehr teure Medikamente und sollen ab 2005 eine Milliarde Euro Einsparungen pro Jahr bringen. Die Pharmaindustrie hatte bei einem "Pillengipfel" bei Bundeskanzler Gerhard Schröder erwirkt, dass die neuen Preisregeln noch einmal überprüft werden. Die Frist, bis zu der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eine Korrektur zu Gunsten der Pharmabranche erwirken könnte, läuft am 15. August aus.
Nach Informationen der KBV ist es noch völlig unklar, wie die Ministerin entscheiden wird. "Ich hoffe, dass der Bundeskanzler und das Ministerium dem Druck standhalten und die Richtlinie passieren lassen", sagte Hansen. "Nur wenn wir so verfahren, sind wir in der Lage, ohne Rationierungen auszukommen."