Gesundheitsreform Fielmann erwartet Hamsterkäufe
Hamburg - Der Optik-Konzern rechne durch die Gesundheitsreform im Jahr 2004 mit einem Rückgang des Geschäfts um 20 Prozent, meldete die "Financial Times Deutschland" unter Berufung auf ein unternehmensinternes Szenario. Grund für die Aufregung sei ein Passus im Eckpunktepapier zur Gesundheitsreform, das Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt zusammen mit Horst Seehofer von der Union ausgehandelt hat. Danach sollen ab dem nächsten Jahr nur noch Kinder und Jugendliche sowie Menschen mit starken Sehschwächen finanziell unterstützt werden, wenn sie eine Brille brauchen.
Unternehmenssprecher Matthias Branahl wollte die Meldung zum drohenden Umsatzrückgang um 20 Prozent gegenüber SPIEGEL ONLINE weder bestätigen noch dementieren. Das Unternehmen mache sich wegen der geplanten Reformen aber keine Sorgen: "Wir erwarten auch nach der Reform einen Ausbau der Marktposition in Hinblick auf Marktanteil, Gewinn und Umsatz", sagte er. Branahl wollte sich nicht weiter zu den Zahlen des Brillenmultis äußern, der in 511 Filialen mit 807 Millionen Euro 23 Prozent des deutschen Brillenumsatzes erwirtschaftet. Er wies darauf hin, dass Fielmann seine Halbjahreszahlen am Donnerstag bekannt geben werde.
Im Juli hatte Konzernchef Günther Fielmann noch Optimismus verbreitet: "Wir werden Gewinner der Gesundheitsreform sein", hatte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gesagt. Sprecher Branahl erwartet für das laufende Geschäftsjahr ein kräftiges Umsatzplus im Vergleich zum Vorjahr. Das Plus wird sich seinen Angaben zufolge vor allem zum Jahresende anhäufen: Das Unternehmen erwartet dann Brillenhamsterkäufe von Leuten, die sich noch Kassenzuschüsse sichern wollen, bevor die Reform in Kraft tritt.
Für kleine Optikerbetriebe könnte es mit der Reform nach Einschätzung des Zentralverbandes der Augenoptiker (ZVA) noch schlimmer kommen als für die Branchenriesen. "1500 der 10.000 Optikergeschäfte könnten schließen müssen, wenn sich die Reform durchsetzt", sagt Stephan Diepenbrock vom ZVA. Außerdem rechnet er mit einem Umsatzrückgang von bis zu einer Milliarde Euro. Besonders den Osten Deutschlands könne es hart treffen: "Dort entfallen bis zu 40 Prozent der Gelder, die für Brillen ausgegeben werden, auf Kassenzuschüsse", sagt Diepenbrock. Für die Großen der Branche befürchtet Diepenbrock mittelfristig weniger Probleme, zumal diese von dem durch die Reform verstärkten Konzentrationsprozess profitieren würden.
Ob und wie sich die neue Regelung nun auswirken könnte, will Tanja Schilling von der AOK Hamburg nicht beurteilen. Dies sei "Kaffeesatzleserei". Auch das Bundesgesundheitsministerium hält sich zurück. Zu Eckpunktepapieren nehme man ohnehin keine Stellung, sagte eine Sprecherin.
Roman Pletter