Gesundheitsreform Glückliches Deutschland
Schweden - Sparsam und Gesund
Stockholm - In Schweden ist der Reformdruck zur Reduzierung der Kosten im Gesundheitswesen sehr viel geringer als in Deutschland: In den neunziger Jahren stiegen die Gesundheitsausgaben der Schweden je Einwohner, deren System staatlich organisiert und steuerfinanziert ist, im Schnitt nur um jährlich 1,9 Prozent. In Deutschland waren es fünf Prozent. Absolut gerechnet geben die Schweden pro Kopf nur 70 Prozent dessen aus, was deutsche Bürger für Medikamente und Arztbesuche aufwenden. Deutsche Bürger gehen im Durchschnitt mehr als sechsmal im Jahr zum Arzt, schwedische nur knapp dreimal.
Experten führen das im Wesentlichen auf die Selbstbeteiligung zurück, die in Schweden bereits seit langem etabliert ist. "Sie senkt Behandlungszahlen und somit Kosten", erklärt der Bayreuther Gesundheitsökonom Peter Oberender. Für einen Arztbesuch sind in Schweden elf bis 15 Euro, für den Termin beim Facharzt 13 bis 28 Euro fällig. Medikamente gibt es nur mit Zuzahlung.
Auf der anderen Seite gönnen sich die Schweden aber auch Luxus. Kinder und Jugendliche bis zu einem Alter von 19 Jahren erhalten kostenlose Zahnbehandlungen. Danach erstattet die Kasse die Kosten nur noch zum Teil. "Das System fördert die Vorsorge, was spätere akute Behandlungen reduziert", sagt Oberender. Gleichwohl gilt das schwedische Gesundheitssystem als hervorragend. Zum einen, weil es von staatlichen Stellen regelmäßig überprüft wird, zum anderen wegen der ausgeruhten Ärzte. Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen genießen sie feste Arbeitszeiten.
Schweiz - Zähne sind Privatsache
Genf - Über die Belastungen, die mit der Gesundheitsreform auf die Deutschen zukommen, können die Schweizer nur lächeln. Die hohen Kosten für Zahnbehandlungen oder Zahnersatz beispielsweise zahlt jeder Eidgenosse schon seit langem aus eigener Tasche.
"Mit Zuzahlungen für Zahnbehandlungen gehen die Versicherer in der Schweiz sehr sparsam um", sagt Pressesprecher Urs Keller vom Bundesamt für Sozialversicherung. Eine Ausnahme: Die Zähne sind wegen einer schweren Krankheit oder als Folge beispielsweise einer Chemotherapie in Mitleidenschaft gezogen worden. Eine Privatversicherung für die Zahnbehandlungen ist möglich. Füllungen werden aber generell nicht bezahlt.
Eine Krankenversicherung ist in der Schweiz obligatorisch, aber je nach Kanton und Kasse unterschiedlich geregelt. Es ist zum Beispiel möglich, eine Selbstbeteiligung zu vereinbaren, um dadurch seine Pflichtbeiträge zu reduzieren. Die Krankenkasse springt dann erst ein, wenn die Selbstbeteiligung ausgeschöpft wurde. Eine Grundprämie deckt viele Leistungen ab. Ein Versicherter muss aber zum Beispiel die Hälfte für notwendige Krankentransporte zahlen. Alleinstehende müssen sich künftig mit umgerechnet 6,50 Euro pro Tag am Krankenhausaufenthalt beteiligen.
Zusätzlich muss jeder Versicherte zehn Prozent der Kosten für einen Arztbesuch, für Medikamente oder Behandlungen und Therapien selbst bezahlen. "Ausgenommen sind hier etwa die Kosten für Mutterschaft", sagt Keller. Die Vorsorge und Untersuchungen müssten nicht selbst bezahlt werden. Zuschüsse gibt es in der Schweiz auch für Einkommensschwache wie Studenten und Sozialhilfeempfänger.
Frankreich - Umfangreiche Negativliste
Paris - Auch in Frankreich werden die Kosten für medizinische Behandlung zunehmend auf die Patienten abgewälzt. Hier ist der Reformdruck ähnlich groß wie in Deutschland, denn die Sozial- und Krankenversicherung steckt tief in den roten Zahlen. Und im Herbst kommt es noch dicker - dann stellt die französische Regierung neue Reformpläne vor.
Doch bereits werden Medikamente, ärztliche Leistungen und Prothesen nur in geringem Umfang erstattet: der Preis für den Besuch beim praktischen Arzt wurde um knapp zwei Euro auf 20 Euro heraufgesetzt. Für Hörhilfen, Brillen oder Zahn-Implantate gibt es nur geringe Zuschüsse - wenn überhaupt. Grundsätzlich gilt: nur mit einer Zusatz-Versicherung kann man damit rechnen, die Kosten seiner Krankheit vollständig erstattet zu bekommen.
Als besonders hart empfinden die Franzosen, die europaweit zu den größten Konsumenten von Medikamenten gehören, die neue Negativliste von Gesundheitsminister Jean-François Mattei. Zum 1. August hat der Minister die Liste mit 84 Arzneien veröffentlicht, die zu 100 Prozent selbst zu bezahlen sind. "Es gibt Medikamente, die keinen Heilungseffekt haben oder manchmal sogar schädlich sind", sagte Mattei zur Begründung.
Doch auch in diesem Bereich ist der Katalog der Grausamkeiten noch nicht ausgeschöpft: im Juli kommenden Jahres wird die Liste unter anderem auf Vitamine und Mineralstoffe ausgeweitet - und 2005 nochmals. Die Tendenz geht dahin, den Verkauf kostengünstigerer Generika zu fördern. Von der Reform geschützt ist bislang der Krankenhaus-Aufenthalt: die Tagessätze werden da ohne Abzüge erstattet.
Holland - Grundversorgung zum Niedrigpreis
Amsterdam - In den Niederlanden folgen interessierte Bürger eher erstaunt dem Tauziehen um die Gesundheitsreform in Deutschland. Obwohl es im Reich von Königin Beatrix eine Volksversicherung für jeden gibt, weiß man lange, dass das Krankheitsrisiko ausreichend nur durch Zusatzversicherungen und Eigenanteil zu begegnen ist.
"Man muss viel herumfragen, wenn man optimal versichert sein will", sagt Annabelle, eine 29 Jahre alte, ledige und von Gesundheit strotzende Amsterdamerin. Sie verdient mehr als 30.700 Euro im Jahr und muss sich individuell privat versichern. Monatlich zahlt sie einer Versicherung 108 Euro und ist damit für die meisten Kosten ärztlicher und zahnärztlicher Betreuung versichert. Was ihr in jedem Krankheitsfall erstattet wird, ist festgelegt. Mehrkosten muss sie selbst zahlen. Zudem hat sie einen Eigenanteil von 80 Euro im Jahr selbst zu tragen. Wie alle Bewohner der Niederlande muss Annabelle mit ihren Steuern auch noch 34,72 Euro pro Monat als "Grundbetrag für den Zugang zur Krankenkostenversicherung" entrichten.
Ihr Freund Kees liegt mit seinem Einkommen unter dem Grenzwert von 30.700 Euro. Er zahlt den Grundbetrag von 34,72 Euro und erhält dafür einen Basisschutz gegen Krankheitskosten. Weil ihm der Schutz nicht reicht, hat auch er sich zusätzlich privat versichert, vor allem gegen hohe Zusatzkosten bei der Zahnbehandlung. Wenn beide einmal eine Familie gründen wollen, werden ihre Versicherungsgesellschaften neue Angebote machen müssen.
Österreich - Deutsche Verhältnisse sind längst Tagesordnung
Wien - Auch in Österreich werden die Patienten schon lange mit beachtlichen Beträgen zur Kasse gebeten. "Die Gesundheitsreform in Deutschland vollzieht das, was bei uns schon lange üblich ist", sagt der Sprecher der Wiener Gebietskrankenkasse, Jan Pazourek. Mehr noch. Nach allen internationalen Vergleichsstudien dürften die deutschen Kranken auch nach der Reform immer noch nicht an die Höhe der österreichischen Selbstbehalte herankommen.
So beträgt die Apothekengebühr in Österreich 4,25 Euro - aber je Medikament, nicht pro Rezept. Im Gegenzug werden allerdings von den Krankenkassen praktisch alle Arzneimittel gezahlt. Im Krankenhaus muss der Versicherte im Schnitt acht Euro pro Tag berappen. Damit soll die so genannte Hotelleistung wie das Essen abgegolten werden, das der Patient ja auch zu Hause zahlen müsste. Für mitversicherte Kinder oder Ehepartner sind pro Tag sogar bis zu 17,70 Euro fällig.
Der Krankenschein kostet einmal im Quartal 3,63 Euro, wobei jede weitere Zahlung beim Arztbesuch entfällt. Allerdings gibt es für den Zahnarzt einen eigenen Krankenschein, der ebenfalls 3,63 Euro kostet. Was in Deutschland kommen soll, ist in Österreich in diesem Bereich längst an der Tagesordnung.
Zahnersatz wie Kronen, Brücken oder Implantate werden von den Kassen nicht übernommen. Nur bei Erneuerung altmodischer Ersatzgebisse wird zur Hälfte gezahlt. Fahrtkosten zum Arzt und Heilmittel können Krankenkassen in Österreich erstatten. Die Selbstbeteiligung beträgt zehn Prozent oder mindestens 22,40 Euro.
Großbritannien - Krankenhäuser wie ein Museum
London - Im Vereinigten Königreich kostet die Behandlung den Patienten gar nichts. Krankenkassen-Beiträge gibt es nicht. Damit hören die Vorteile für Leidende aber oftmals auch schon auf.
Der Preis, den ein englischer Patient für seine Krankheit bezahlen muss, ist trotzdem hoch. Denn oft bekommen sie nicht einmal die Chance auf eine Behandlung. "Vor zwei Jahren musste ich 77 Stunden auf einer provisorischen Pritsche warten, bis ein richtiges Krankenbett frei war. Dieses Jahr waren es nur 60 - manche nennen das eine Verbesserung", sagt der 40 Jahre alte Diabetes-Patient Tony Collins aus Swindon. Kritiker finden, es habe sich in den Jahren der Regierung von Tony Blair kaum etwas getan. Auch die geplante Teilprivatisierung im Gesundheitswesen werde an den Zuständen wenig ändern.
Erst kürzlich verkündete die Regierung in London stolz, dass erstmals seit 1993 weniger als eine Million Patienten länger auf ihre Operation warten mussten. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden einige hundert Kranke sogar zur Behandlung nach Frankreich und Deutschland geschickt - zur kurzfristigen Überbrückung von Engpässen, wie es hieß.
Auch der Zustand der Heileinrichtungen ist erschreckend. Eine am Mittwoch in der Zeitung "Sun" veröffentlichte Befragung ausländischer Krankenschwestern in Großbritannien kam zu dem Schluss, dass der Standard in den Krankenhäusern auf der Insel schlimmer ist als in Ländern der Dritten Welt. "Selbst die Missionshospitäler in Simbabwe sind sauberer und besser geführt", sagt eine 55-jährige Krankenschwester aus dem afrikanischen Land über die Zustände in den Krankenhäusern Großbritanniens. Eine namentlich nicht genannte 32-Jährige Schwester aus der Ukraine sagte: "Als ich ein britisches Krankenhaus betrat, hatte ich den Eindruck, ich sei in einem Museum."