Gesundheitsreport 2005: Mehrheit will Bürgerversicherung - DER SPIEGEL
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Gesundheitsreport 2005 Mehrheit will Bürgerversicherung

Das Ergebnis der Untersuchung kommt einem Weihnachtsgeschenk für Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmid gleich: Die große Mehrheit befürwortet die Kernpunkte ihrer Gesundheitsreform, das von der Union favorisierte Modell der Kopfpauschale fällt durch. Sogar die Wirkung der Praxisgebühr wird überwiegend positiv bewertet.
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Berlin - Als Parteigänger der Regierung wollen die Wissenschaftler der Bertelsmann-Stiftung nicht eingeordnet werden, das war deutlich erkennbar. "Die Ergebnisse zeigen, dass viele Elemente der Reformen von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen werden", druckste Jan Böcker, und versuchte gleich wieder, die notwendige Distanz herzustellen. Ein genauerer Blick auf die Details zeige jedoch, das einige Details noch nachjustiert werden müssten.

Trotzdem darf Schmid die Tagung von Bertelsmann-Stiftung und Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv), auf der die Ergebnisse des diesjährigen "Gesundheitsmonitors" vorgestellt wurden als klare Bestätigung ihrer Politik werten. Ein klareres Votum für ihre Reformvorschläge hätte sich die Bundesgesundheitsministerin nicht wünschen können.

Unabhängig von ihrer parteipolitischen Präferenz spricht sich danach die überwiegende Mehrheit der Befragten für zentrale Elemente der Bürgerversicherung aus - Einbeziehung weiterer Einkommensarten in die Beitragsbemessung und Ausweitung der gesetzlichen Krankenversicherung auf Selbständige, Beamte und Gutverdiener.

Im einzelnen wollen insgesamt 84 Prozent das Solidaritätsprinzip in der Krankenversicherung beibehalten, von den Beziehern hoher Einkommen sind es immerhin noch 55 Prozent. "Die Politik muss respektieren, dass eine große Mehrheit der Verbraucher auch weiter einkommensabhängige Finanzierung der Krankenversicherung will und einen einheitlichen Pauschalbeitrag klar ablehnt", sagte vzbv-Chefin Edda Müller.

Die mit großem Aufwand betriebene Diskussion um die Kopfpauschale gehe dagegen an den Wünschen der Verbraucher vorbei. "Den Gesundheitspolitikern ist zu empfehlen, mehr auf das zu hören, was die Versicherten und Patienten selber wollen", erklärte Müller.

Überraschend ist auch, wie viele Befragte bereit sind, zur Sanierung des Gesundheitssystems beizutragen. Das belegen nach Überzeugung der Wissenschaftler die Verhaltensänderungen nach in Kraft treten der Gesundheitsreform zu Beginn dieses Jahres. Praxisgebühren, Zuzahlungen zu Arzneimitteln oder der Wegfall der Erstattung bei zahlreichen Medikamenten zeigten offenbar Wirkung. "Bei sinnvollen Anreizen sind die Verbraucherinnen und Verbraucher auch bereit, durch ihr Verhalten Systemverantwortung zu übernehmen", so Edda Müller. Dies zeige der deutliche Rückgang von Facharztbesuchen ohne Überweisung durch den Hausarzt von 60 Prozent in den Vorjahren auf 37 Prozent im zweiten Quartal 2004. Viele Versicherte hätten sich inzwischen an die umstrittene Praxisgebühr gewöhnt und kalkulierten sie in ihr Verhalten ein.

Allerdings kommen viele Betroffene durch die Zuzahlungen an finanzielle Grenzen. So gaben zwei Drittel der kranken Versicherten mit geringem Einkommen an, dass es schwierig sei, die zusätzlichen Kosten aufzubringen. Zwar gibt es eine Begrenzung der Zuzahlungen auf zwei Prozent des Jahreseinkommens und auf ein Prozent bei chronisch Kranken. Probleme bereitet aber die praktische Umsetzung. So müssen viele Patienten den Zwei-Prozent-Anteil des Jahreseinkommens aus ihrem schmalen Monatseinkommen im Januar bestreiten. "Hierfür müssen wir schnell eine Lösung finden, damit sich die unguten Erfahrungen von 2004 nicht wiederholen", so Edda Müller. Die Aufteilung des Zwei-Prozent-Anteils auf zwölf Monatsraten könnte dafür eine denkbarer Lösung sein.

Auch in einem anderen Bereich stellt der "Gesundheitsmonitor 2005" den Reformen von Ulla Schmidt ein schlechtes Zeugnis aus. Nach wie vor sind die Patienten unzufrieden mit den Möglichkeiten, sich über die Qualität von Ärzten und Krankenhäusern zu informieren. So wünschen sich drei Viertel der Versicherten mehr Informationen. "Daten über Qualitätsunterschiede bei Krankenhäusern sind zwar längst vorhanden, werden aber immer noch unter Verschluss gehalten", kritisierte Müller. Sie forderte, dass die Daten des neu gegründeten Bundesinstituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen aufbereitet und öffentlich zugänglich gemacht werden. "Es ist schwer verständlich, warum sich Verbraucher über die Qualität von Verhütungsmitteln oder Bestattungsunternehmen heute besser informieren können als über die Qualitätsstandards bei Hüftoperationen oder Entbindungen", sagte Edda Müller.