STAHL Getrennt marschieren
Thyssen-Chef Dieter Spethmann hatte es auf eine dicke Aussteuer abgesehen. Mit 1,2 Milliarden Mark Staatsgeldern sollte seine »Braut erst einmal heiratsfähig« gemacht werden.
Das Geld, das der Thyssen-Mann für eine Fusion mit Krupp Stahl kassieren wollte, sollte aus der Bonner Kasse kommen. Doch die Regierenden, Finanzminister Gerhard Stoltenberg wie Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, fanden die Mitgift-Forderung des Thyssen-Chefs arg hoch. Mehr als 500 Millionen Mark wollten sie für die Verbindung nicht rausrücken.
Wochenlang stritten sich die Stahlunternehmer aus Düsseldorf und Bochum mit den Politikern aus Bonn. Weder die Regierenden noch die Manager waren bereit nachzugeben. Vorigen Mittwoch war dann klar: Es wird nicht zu der Vereinigung der beiden großen deutschen Stahlfirmen kommen.
Wieder einmal war damit die Chance vertan, durch Zusammenlegung von Fabriken und durch die gegenseitige Abstimmung der Produktion die Kosten zu senken. Beim Verbund Thyssen und Krupp hätten durch die geplanten Rationalisierungsmaßnahmen jährlich 400 Millionen Mark eingespart werden können.
Deutschlands Stahlindustrie, mit ihren modernen Schmelzmethoden einst führend in der Welt, bleibt weiterhin in akuter Not. Viele hatten sich von der Thyssen/Krupp-Fusion eine Signalwirkung erhofft. Dann endlich würden, so die Erwartung, auch die Konkurrenten
an Rhein und Ruhr, an Saar und Zonenrand gemeinsame Sache machen.
Nun kann, so scheint's, keiner mehr mit einem anderen. Alle wollen getrennt marschieren.
Als erster verkündete vor einigen Monaten Hoesch-Chef Detlev Karsten Rohwedder, »für einen Alleingang« bestens gerüstet zu sein. Und seit letzter Woche propagiert auch der von Thyssen verprellte Krupp-Stahl-Chef Alfons Gödde, wohl notgedrungen, er könne mit seinem »Alleingang-Konzept die Zukunft von Krupp Stahl sichern«.
Das wird sich erst noch erweisen müssen. In diesem Jahr, dem voraussichtlich traurigsten der Branche, dürften die deutschen Hütten rund drei Milliarden Mark Verlust einfahren. Nach dem Vergleich des Branchen-Benjamin Willy Korf zu Jahresanfang könnte noch in diesem Jahr die erste Großpleite fällig sein.
Gefährdet sind sie - bis auf den Branchen-Ersten Thyssen - alle. Krupp Stahl in Bochum ist so knapp bei Kasse, daß die Firma das tarifvertraglich zugesicherte Weihnachtsgeld nicht voll aufbringen kann. Die Belegschaft bekommt zunächst nur die Hälfte ausgezahlt, der Rest soll im März 1984 folgen.
Bei den Duisburger Klöckner-Werken wird es zum Monatsende eng. Das Unternehmen hat seit Jahren die von der Brüsseler EG-Kommission verordneten Produktionsquoten überschritten und muß über 160 Millionen Mark an Bußgeldern zuzahlen.
Bestätigt der Europäische Gerichtshof Ende November die Bußgelder als rechtens, dann droht den Klöckner-Werken der Garaus.
Über den vorläufigen Fortbestand der Arbed Saarstahl wird diese Woche entschieden. Am Donnerstag sind, wie fast an jedem zehnten im Monat, Wechsel in zweistelliger Millionenhöhe fällig. Nur wenn sich Banken, Ministerien und Betriebsräte vorher auf ein Finanz-Konzept verständigen, kommt das Völklinger Unternehmen am Konkurs vorbei.
Die Politiker von Rhein und Saar werden wohl zahlen - wie sie es seit Anfang 1981 tun. Damals hatten die Saarhütten als erste Notsignale abgesetzt. Um Löhne und die Mittel für den Sozialplan aufbringen zu können, waren sie den Staat um Bürgschaften für Banckredite angegangen. Seither pumpten Bonn und Saarbrücken 2,8 Milliarden Mark in die Stahlfirma.
Nachdem sie an der Saar mit dem Subventionieren begonnen hatten, mußten die Politiker auch den anderen deutschen Stahlkonzernen Staatshilfen versprechen. Schließlich sind die Regierenden an dem Stahldesaster nicht ganz schuldlos.
Weltweit waren in den Siebzigern gewaltige Überkapazitäten in der Stahlindustrie aufgebaut worden. Die Stahlpreise rutschten immer tiefer, viele veraltete Stahlfirmen in Europa sind seither nicht mehr konkurrenzfähig. Doch diese Unternehmen müssen nicht aufgeben, weil sie mit irrwitzigen Milliarden-Subventionen von ihren Regierungen in Belgien oder Großbritannien, Italien oder Frankreich am Leben erhalten werden.
Der subventionierte Stahl drückte auch auf den deutschen Markt - Deutschlands vergleichsweise moderne Betriebe mußten sogar im eigenen Land ihre Ware zu Preisen abgeben, die nicht kostendeckend waren.
Viel zu spät und viel zu lasch drängte Wirtschaftsminister Lambsdorff in Brüssel darauf, daß die Partnerländer den Subventionsmißbrauch einstellen. Letztlich erklärten sich dann die Bonner auch zu Staatshilfen an die Stahlfirmen bereit.
Sozialliberale wie Christliberale in Bonn und in den Stahlländern hielten sich für besonders schlau, als sie die Auszahlung der Steuermilliarden an eine Bedingung knüpften. Die Konzerne müßten »firmenübergreifende Konzepte« mit Rationalisierungsmaßnahmen vorlegen.
Bewegung kam in die verkrustete Branche. Neben einer »Rheingruppe« Thyssen/Krupp Stahl sollte es eine »Ruhrgruppe« aus Hoesch, Salzgitter und den Klöckner-Werken geben.
Die Ruhrgruppe scheiterte schon bald. Da zerstritten sich die Landespolitiker der Stahlländer Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Sie waren uneins, ob die Hauptverwaltung in Dortmund bei Hoesch oder am Zonenrand beim bundeseigenen Stahlkonzern Peine-Salzgitter angesiedelt werden sollte.
Die Betriebsräte und die örtliche IG Metall legten sich von Anfang an gegen die Rationalisierungspläne quer. Sie befürchteten, durch eine Verlagerung von Betriebsteilen auf andere Standorte würden in ihrem Beritt zu viele Arbeitsplätze abgebaut.
Die Kritik aus den Reihen ihrer Landesregierungen und den zuständigen IG-Metall-Filialen kam den Managern nur recht. Einige von ihnen mußten bei einer Zusammenlegung der Verwaltungen
um ihre Posten bangen und waren schon deshalb gegen eine Großfusion.
Bei den 17 Monate dauernden Verhandlungen zwischen Thyssen und Krupp Stahl, so mutmaßen Branchen-Kenner jetzt nach dem Scheitern, waren zumindest beim größeren Partner vornehmlich taktische Überlegungen im Spiel. Selbst dem Wirtschaftsminister drängte sich zuletzt der Verdacht auf, Thyssen habe es mit der Fusion wohl nicht so ernst gemeint.
Mehrmals hatte Lambsdorff in den Bonner Stahlrunden dem Thyssen-Chef Spethmann »Widersprüche in der Argumentation« vorgeworfen. Unverständlich erschien, daß jedesmal, wenn Bonn höhere Subventionen für die Fusion zusagte, Spethmann seine Forderung, die als Ausgleich für die Krupp-Schulden gedacht war, heraufschraubte - von zuerst 600 Millionen Mark auf zuletzt 1,2 Milliarden.
Nun werden die Stahlfirmen alle einzeln die insgesamt drei Milliarden Mark an Bonner Hilfe kassieren. Und sie werden wohl noch schneller, als es sonst nötig gewesen wäre, Personal entlassen.
Thyssen will rund 10 000 Stahlwerkern die Kündigung schicken. Krupp Stahl kündigte den Abbau von rund 4000 Arbeitsplätzen an. Etliche tausend Arbeiter müssen auch bei Hoesch und Salzgitter aufhören.
Krupp-Stahl-Chef Alfons Gödde: »Bei Großfusionen hätte das alles Jahre länger gedauert.«