Gewerkschaft "Wir brauchen zehn Milliarden Mark"
SPIEGEL ONLINE:
Angesichts der Finanzmisere der Bahn schlägt die Bundesregierung immer schärfere Töne an. Wackelt bereits der Stuhl von Bahnchef Hartmut Mehdorn?
Hansen: Nein, wir glauben nicht, dass der Stuhl wackelt. Das wäre auch sicherlich der falsche Weg. Herr Mehdorn ist noch kein Jahr im Amt, und es kann nicht sein, dass der Überbringer der schlechten Nachrichten geköpft wird. Die Missstände sind über Jahre gewachsen. Das Einzige, was man ihm vorwerfen kann: Es hätte schon etwas früher sein können. Wir haben schon vor über einem Jahr darauf hingewiesen, dass der Bund gefragt ist. Die Finanzsituation der Bahn hat sich über Jahre verschlechtert.
SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung sagt aber, dass es nicht mehr Geld für die Bahn geben wird. Reicht das momentan geplante Budget?
Hansen: Nein, wir haben gesagt, dass selbst mit den Geldern aus den UMTS-Verkäufen noch Geld fehlt. Wir schätzen diesen Betrag auf mindestens 1,3 Milliarden Mark. Wir brauchen für das jetzige Schienennetz also rund zehn Milliarden Mark und nicht nur die 8,7 Milliarden Mark, die vom Bund in Aussicht gestellt wurden. Wenn die Regierung das nicht leisten will, dann muss sie dem Bürger sagen, wo es künftig keine Bahn mehr gibt.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Plänen, Teile der Bahn an ausländische Firmen zu verkaufen?
Hansen: Wir haben grundsätzlich kein Problem damit, dass sich ausländisches Kapital an der Bahn beteiligt. Wir halten aber nichts von Schnellschüssen. So etwas löst auch nicht die Finanzierungsprobleme. Für eine dauerhafte Gesundung muss die Finanzierung langfristig gesichert werden. Durch einen Teilverkauf kann man nur kurzfristig Löcher stopfen.
SPIEGEL ONLINE: Befürchten Sie, dass nun weitere Bahn-Mitarbeiter entlassen werden?
Hansen: Ja, natürlich, das ist immer die Gefahr, dass Missmanagement durch Stellenstreichungen ausgeglichen wird. Es sind seit der Bahnreform 130.000 Stellen abgebaut worden. Die Eisenbahner haben ihren Beitrag geleistet, und wir sind es mehr als leid, dass immer die Eisenbahner ihren Rücken hinhalten für Fehler, die andere machen.
Die Fragen stellte Carsten Matthäus