Gewerkschaften-Fehde: Zank um die Lufthansa-Piloten - DER SPIEGEL
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Gewerkschaften-Fehde Zank um die Lufthansa-Piloten

Gewerkschaftsgerangel bei der Lufthansa: Beim Flugkonzern buhlen ein halbes Dutzend Organisationen um die Gunst der Mitarbeiter. Das führt inzwischen zu bizarren Szenen - wie jetzt bei einer Demonstration, als Mitglieder der einen Arbeitnehmergruppe gegen die andere demonstrierten.
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Hamburg - Auf den ersten Blick sah es nach einer der üblichen Ver.di-Demonstrationen aus, einer ziemlich mickrigen noch dazu: Neun Busse rollten aus ganz Deutschland nach Frankfurt vor die Deutsche Nationalbibliothek, ein paar hundert Menschen stiegen aus, entrollten Transparente und machten ihrer Wut Luft.

Testpilot (in einem A380): Große Gehaltsunterschiede zwischen Hauptkonzern und Tochter CityLine

Testpilot (in einem A380): Große Gehaltsunterschiede zwischen Hauptkonzern und Tochter CityLine

Foto: DPA

Doch der Protest war nicht gegen irgendeinen Arbeitgeber gerichtet, der in Tarifverhandlungen Sturheit beweist. Vielmehr wüteten die Versammelten gegen Ihresgleichen: Im Innern des Gebäudes hielt gerade die Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ihre Jahresversammlung ab.

Der Hintergrund des bizarren Aufmarsches ist für Außenstehende reichlich verworren. Die Lufthansa hat 30 Regionaljets des brasilianischen Herstellers Embraer bestellt, die eigentlich zum Großteil die Flotte der Regionaltochter CityLine verjüngen sollten. Der Haken an der Sache: Dem geltenden Konzerntarifvertrag zufolge müssen alle Piloten, die Flugzeuge mit über 70 Sitzen fliegen, nach den Tarifen des Mutterkonzerns bezahlt werden.

Es geht um eine Menge Geld: Das Einstiegs-Jahresgehalt eines Lufthansa-Piloten beträgt nach Konzernangaben rund 56.000 Euro, bei CityLine werden knapp 50.000 Euro bezahlt. Hinzu kommen Unterschiede bei Überstunden und Zusatzleistungen - Mitarbeitern zufolge summiert sich das schon mal auf Einkommensunterschiede von 30 bis 45 Prozent.

Kein Wunder, dass Konzern und VC seit Jahren um eine Lösung in Sachen Embraer ringen - bislang vergeblich. Eine Sprecherin des Konzerns erklärt schon: "Nach derzeitigem Stand sieht es so aus, dass der Einsatz der Embraer bei CityLine nicht möglich ist." Bei der Vereinigung Cockpit hüllt man sich mit Hinweis auf einen möglichen Kompromiss in Schweigen.

In dieser verworrenen Gefechtslage will nun auch Ver.di mitmischen. "Wollt Ihr für den Verlust unserer Arbeitsplätze verantwortlich sein?", steht auf einem der Transparente, die die Demonstranten in Frankfurt ausrollten. Die Gewerkschaft malt ein Horrorszenario: Der CityLine, mit der nach Konzernangaben 2007 etwa 13 Prozent aller Lufthansa-Passagiere reisten, drohe die Bedeutungslosigkeit, sollten die bestellten Embraer-Jets tatsächlich anderswo im Konzern zum Einsatz kommen. "Die Masse der CityLine-Kollegen wird sich in einigen Jahren einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen", prophezeit Ver.di-Tarifsekretär Ingo Kronfoth. Bei der Muttergesellschaft könne das Gros der CityLine-Piloten aber nicht unterkommen, wegen der schärferen Einstellungsbedingungen.

Piloten werden händeringend gesucht

Dabei gibt es auf dem deutschen Arbeitsmarkt beileibe kein Überangebot an Piloten - viele Gesellschaften suchen verzweifelt nach Personal. Zudem versichert die Lufthansa: "Insgesamt wird das Regionalgeschäft nicht schrumpfen." Mit anderen Worten: Auch für die CityLine-Mitarbeiter gibt es in den kommenden Jahren Arbeit genug. Auch bei der Vereinigung Cockpit versichert Sprecher Markus Kirschneck: "Der VC-Vorstand wird dafür sorgen, dass kein einziger Arbeitsplatz bei der CityLine verloren geht", das gelte nicht nur für die Piloten, sondern auch für das Boden- und Kabinenpersonal.

Nutzt Ver.di die gute Gelegenheit, um auf schon verloren geglaubtem Terrain - bei deutschen Piloten - wieder Fuß zu fassen? Es scheint zumindest so, als würde sich die Gewerkschaft für Interessen einer Klientel einsetzen, die sie zum Großteil gar nicht darum gebeten hat. Cockpit zufolge sind 70 Prozent der CityLine-Piloten bei der Vereinigung organisiert.

Auch vor der Nationalbibliothek in Frankfurt sind in erster Linie Boden- und Kabinenmitarbeiter versammelt. Nur wenige Piloten sind dabei, wie Kronfoth eingesteht. Die meisten der 736 CityLine-Piloten seien eben auch an diesem Tag in der Luft, sie könnten nicht so leicht Urlaub nehmen.

Kronfoth reagiert ungeduldig auf den Vorwurf, die Massengewerkschaft instrumentalisiere die CityLine-Piloten. Auch einer der wenigen Piloten, die an diesem Tag nach Frankfurt gekommen sind, beteuert: "Wir haben uns schon vor zeit Jahren an Ver.di gewandt, weil wir mit der Arbeit der Vereinigung Cockpit unzufrieden waren."

Vergangenen Sommer organisierte Ver.di schon eigene Warnstreiks von Piloten, um für bessere Tarife zu kämpfen. Zwei Tage später konterte die VC mit einem eigenen Ausstand. Ist das bald Alltag in deutschen Großunternehmen? Immer mehr Berufsgruppen gründen ihre eigene Gewerkschaft - zuletzt sorgte die Lokführervereinigung GDL für Furore.

Bei der Lufthansa buhlen schon ein halbes Dutzend Organisationen um die Gunst der Mitarbeiter. Ver.di vertritt das Boden- und Kabinenpersonal, die VC die Piloten, Ufo verhandelt für die Flugbegleiter. Hinzu kommen Abspaltungen wie "Kabine Klar", "Mitarbeiter für Mitarbeiter" oder "Vereinigung Boden". Auf einen Dauerstreit will man es nicht ankommen lassen, beteuern sowohl Ver.di als auch die VC. Aber wenn sich eine Organisation vor allem bei einem Unternehmen aktiv sei - wie die VC bei der Lufthansa - bestehe nun mal die Gefahr, "dass das die Politik der gesamten Organisation bestimmt." So habe Cockpit in Sachen Embraer etwa vom Konzernvorstand verlangt, dass rund 50 Prozent der Piloten aus dem Mutterkonzern rekrutiert werden müssten.

Bei Cockpit will man diesen Vorwurf gar nicht kommentieren. Ver.di sei gut beraten, sich um die Mitglieder zu kümmern, für die die Gewerkschaft die Tarifverträge verhandeln darf, heißt es schlicht. "Um die Piloten kümmern wir uns gut."