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ATOMSTROM Gewicht stemmen

Der Hamburger Senat hat einen Plan für den Ausstieg der Stadt aus der Atomenergie vorgelegt. Ein Alleingang wird sehr mühsam. *
• aus DER SPIEGEL 39/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Landkarten der näheren Umgehung waren in Hamburger Familien während der ersten Wochen nach Tschernobyl sehr gefragt.

Suchend strichen des Abends, wenn wieder über die Gefahren der Atomkraft geredet wurde, die Finger am diesen Blau entlang, das den Elbstrom auf den Straßenkarten markiert. Brokdorf und Brunsbüttel, Krümmel und Stade: Wo liegen die Ortschaften mit den unheimlichen Atomfabriken? Wieviel Kilometer sind es von dort bis zu dem Stadtteil, in dem das eigene Häuschen steht? Woher weht gewöhnlich der Wind?

Auch jenen Hanseaten, die bis zur Katastrophe in der Ukraine noch nie etwas von den Atomfabriken im eigenen Umland gehört hatten, wurde auf einmal die besondere Lage ihrer Kommune bewußt: Die Stadt ist von Kernkraftwerken regelrecht umstellt.

Die Nähe zur Atomkraft ist den Hamburgern nicht aufgezwungen worden, sie war Hamburger Politik. Spätestens seit dem Dienstag vergangener Woche jedoch gilt diese Politik nicht mehr.

Mit jener staatstragenden Seriosität, die nur wenige so wie er darbieten können, verkündete Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi im altertümlichen Rathaus, daß sich die Freie und Hansestadt aus der atomaren Stromproduktion abkoppeln wird.

Die Sozialdemokraten wollen dafür sorgen, daß die vier Atomkraftwerke im Hamburger Umland in den nächsten zehn Jahren stillgelegt werden. Statt mit Uran wollen sie ihre Elektrizität zukünftig wieder mit Kohle fahrizieren. Die politische Führung der Millionenstadt will überdies sicherstellen, daß der Stromverbrauch bis zum Jahr 2000 nicht mehr wächst, sondern um zehn Prozent zurückgeht. »Der Ausstieg«, so Dohnanyi feierlich, »ist machbar.«

Daß ihn ausgerechnet Hamburg als erstes Bundesland zur amtlichen Politik erklärt, hat gewiß mit den am 9. November anstehenden Wahlen für das Parlament des Stadtstaats zu tun. Die Entscheidung zeugt aber auch davon, daß die SPD es vielleicht doch nicht nur bei zukunftsweisenden Parteitagsbeschlüssen zur Energiepolitik belassen will.

Nirgendwo sonst schließlich dürfte die Wende weg von der Atomkraft so mühselig zu vollziehen sein wie in der Hansestadt. »Das ist schon ein Gewicht, das wir hier stemmen wollen«, sagt Dohnanyis Energiesenator Jörg Kuhbier.

Rund 74 Prozent des Hamburger Stroms werden gegenwärtig aus Atomfabriken angeliefert. Wenn, wie zu erwarten, nach der Bundestagswahl das Kraftwerk Brokdorf angeschaltet wird, steigt der Hamburger Atomstrom-Anteil auf 82 bis 85 Prozent. Das geht weit über die französischen Verhältnisse hinaus.

Der Fall Hamburg demonstriert mit besonderer Eindringlichkeit, wie leicht es für die Politiker eines Landes oder einer Kommune ist, die Abkehr vom Atom zu verkünden - und wie schwer, den Willen zur Tat werden zu lassen.

Durch die zusätzlichen Emissionen, die aus den Schloten der hinzukommenden Kohlekraftwerke ausgestoßen werden, sehen sich die Hamburger Energiepolitiker noch am wenigsten behindert. Moderne Filteranlagen, meinen sie wohl nicht zu Unrecht, halten die Luftbelastung im Vergleich zu den Risiken der Kernkraft »für verantwortbar« (Dohnanyi).

Überaus kompliziert hingegen wird es für sie bei der Frage, in welcher Form die Hamburgische Electricitäts-Werke Aktiengesellschaft (HEW), an der die Stadt mit 71 Prozent beteiligt ist, die Scheidung vom Atom vollziehen soll.

Keiner der HEW-Atommeiler, die alle außerhalb der Hamburger Landesgrenzen stehen, gehört den Hansestädtern allein: sie teilen alle Werke mit der zum Veba-Konzern gehörenden PreußenElektra.

Es hilft daher den Hamburger Politikern zunächst wenig, wenn sie die Satzung ihrer HEW ändern und das Unternehmens-Management auf Strom aus fossilen Brennstoffen verpflichten. Ein umfängliches Vertragswerk bindet die HEW an ihre Atomkraftwerke, an ihren Mitgesellschafter und auch an andere Stromversorger. Hamburg ist von allen SPD-regierten Ländern am engsten in das bundesweite Stromkartell verwoben. Die Entflechtung wird, selbst wenn das HEW-Management gutwillig mitzieht, entsprechend mühselig.

Über viele Jahrzehnte hinweg, das illustriert der Fall Hamburg, haben die Männer vom Strom gänzlich unabhängig ihr Strategien verfolgen und auf eigene Faust Energie-Politik machen können. Sie nun politisch anzubinden, dürfte, wenn nicht Verträge gebrochen werden, viel Zeit kosten.

Symptomatisch ist, wie die Aufsichtsräte jener GmbHs besetzt sind von denen die vier Kernkraftwerke rund um Hamburg betrieben werden: Keinem dieser Gremien gehört ein Vertreter des Hamburger Senats an, überall bleiben die Abgesandten der Stromfirmen unter sich. Die Hamburger wollen dies nun, reichlich spät, ändern.

So schwer es für Klaus von Dohnanyi wird, seine HEW aus dem bundesdeutschen Atomstrom-Verbund herauszulösen, so mühsam wird es für ihn auch, den Stromverbrauch bis zur Jahrtausendwende, wie geplant, um zehn Prozent zu drücken. Dabei ist dieses Ziel nicht einmal besonders ehrgeizig. Grüne Energie-Experten glauben, daß ohne Einbußen beim Lebensstandard weit mehr Strom gespart werden kann.

Schwierig wird das Zehn-Prozent-Ziel, weil die Hamburger es im Alleingang ansteuern. Sie streben beispielsweise »eine Linearisierung der Stromtarife« an. Soll heißen: Die Stromrechnung soll im gleichen Maß steigen wie der Verbrauch.

Bislang wird Mehrverbrauch belohnt. Die Stromfirmen berechnen einen Grundbetrag, der unabhängig vom Verbrauch zu entrichten ist, und einen Arbeitspreis für die abgenommenen Kilowatt. Die Kombination bringt es mit sich, daß die durchschnittliche Kilowattstunde um so billiger wird, je mehr einer verbraucht. Ändern läßt sich die Kombination von Grund- und Arbeitspreis nur begrenzt. Die »Bundestarifordnung« macht diese Berechnungsmethode, die den Elektrizitätsunternehmen durchaus genehm ist, obligatorisch. Nur Bonn kann daran drehen; doch da regiert nicht Dohnanyis SPD.

Widrigkeiten dieser Art konnten die Hamburger Sozialdemokraten in ihrem Tatendrang nicht bremsen. Sie setzen darauf, daß in absehbarer Zeit auch anderswo die Energie-Wende vollzogen wird. Dohnanyi: »Die Debatte der letzten Monate hat gezeigt, daß sich die Mentalitäten verändert haben.«

Das könnte sich natürlich auch bei der Wahl auszahlen. Dohnanyi und seine Parteifreunde spekulieren darauf, mit ihrem Ausstiegsszenarium Mitte-Wähler, die Tschernobyl noch nicht verdrängt haben, von der liberal-konservativen Atom-Fraktion abziehen zu können.

Vielleicht holen sie auch einige Grünen-Wähller rüber. Da allerdings sind die Erwartungen gedämpft. Energie-Senator Kuhbier: »Ob denen das, was wir machen, ausreicht?«

[Grafiktext]

KERNKRAFTREAKTOREN IM HAMBURGER UMFELD 30 Kilometer Heide Nord-Ostsee-Kanal Itzehoe Neumünster Plön Eutin Lübeck DDR Elbe-Lübeck-Kanal Geesthacht Lauenburg HAMBURG Buxtehude Stade Pinneberg Elmshorn Elbe Cuxhaven Bremerhafen Neuwerk NORDSEE Brunsbüttel Brokdorf kommerzieller Betrieb von 1987 an

[GrafiktextEnde]

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Mit dem PreußenElektra-Manager Udo Janßen (l.) vor dem Kernkraftwerk Stade.

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