Ghosn-san: Superman der Japaner - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Ghosn-san Superman der Japaner

Nur ganz Wenige haben die Ehre, in die japanische Version der "Hall of Fame" aufgenommen zu werden. Nissan-Chef Carlos Ghosn hat es geschafft. Nach seiner geglückten Sanierung des Traditions-Autoherstellers wird er jetzt als Comic-Held verewigt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Carlos Ghosn ist der Mann, der in Japan Märchen zu Wirklichkeit werden lässt. Der Franzose hat Nissan gerettet. Die Japaner verehren ihn deshalb so sehr, dass sie ihm schon zu seinen Aktivzeiten ein ganz besonders Denkmal gesetzt haben: Sie machten Ghosn, den Nissan-Chef, zum Star eines Comics. Im Land der aufgehenden Sonne gilt das als ganz besondere Ehrung, denn was im ernsthaften Deutschland das Bundesverdienstkreuz ist, oder im kinoverrückten Amerika der Oskar und im distinguierten Schweden der Nobelpreis, das ist in Japan die Verewigung als gezeichneter Held.

Nun hat Ghosn tatsächlich einen ganze Menge von einem typischen Comic-Helden. Er kommt von einem fernen Ort - geboren in Brasilien, aufgewachsen im Libanon, Karriere in Frankreich -, hat ungewöhnliche Talente und ist dazu bestimmt, unlösbare Aufgaben zu meistern. Trotzdem sticht er aus der Reihe der Comic-Stars heraus: Er trinkt keinen Zaubertrank, und zieht auch nicht schneller als sein Schatten. Und statt eines Capes trägt er einen schlichten grauen Zweireiher.

Doch seine scheinbare Normalität ficht die Zeichner des japanischen Comic-Buchs "Big Comic Superior" nicht an. Sie zeichneten in dem zweimal pro Woche erscheinenden Heft einfach seine Biografie nach. In der vergangenen Woche erschien der erste Strip von "The True Life Of Carlos Ghosn".

Dort sitzt Ghosn als kleiner Junge auf dem Schulhof und lauscht mit geschlossenen Augen den vorbeifahrenden Autos. Einzig am Geräusch des Motors identifiziert er einen Cadillac Eldorado. Sein Schulfreund bewundert ihn dafür.

Ein zweiter Cartoon spielt im Jahre 1999: In der Nissan-Chefetage präsentiert Ghosn seine Pläne zur Sanierung des Autoherstellers, der nach Jahren der Verluste vor dem Bankrott steht. Er schwört seinen Kollegen, Nissan bis zum März 2001 wieder in die Gewinnzone zu führen, oder zurückzutreten. Im nächsten Bild ist ein schweißüberströmter Manager zu sehen, der stammelt: "Diese Mann glaubt tatsächlich, er könnte bei Nissan etwas ändern".

Er konnte. Der 47-Jährige schloss überalterte Fabriken, setzte Tausende Arbeiter vor die Tür und kündigte Geschäftspartnern, die Nissan nur Geld kosteten - die Japaner, die solch drastisches Vorgehen bislang nicht gewohnt waren, hielten den Atem an, aber sie folgten dem Franzosen auf seinem Crash-Kurs. Viel anderes blieb ihnen allerdings auch nicht übrig. Zuvor waren etliche seiner Vorgänger mit ihren Versuchen gescheitert und Ghosn hatte die uneingeschränkte Rückendeckung der neuen Nissan Muttergesellschaft Renault, die vor zwei Jahren 36,8 Prozent des japanischen Autobauers übernommen hatte. Der Ausgang der Geschichte ist klar, Ghosn schaffte den Turnaround, Nissan schreibt Gewinne.

Mit der Verewigung als Comic-Figur will der Shokgakukan-Verlag aber noch mehr bewirken, als nur Ghosn ein Denkmal zu setzen. Denn in Japan hat neben dem Comic noch etwas anders einen vortrefflichen Stellenwert: der geschäftliche Erfolg. Und hier soll Gohsn-san, wie er in Japan liebevoll genannt wird, nach den Vorstellungen seines Redakteurs Akihiro Yoshino als gutes Beispiel dienen und damit helfen, die sanierungsbedürftige japanische Wirtschaft zu sanieren. "Ghosn hat mit der Sanierung von Nissan etwas geschafft, das bisher unter den traditionellen Rahmenbedingungen nicht möglich schien", sagt Yoshino. "Wir wollen diese Nachricht verbreiten, um den Leuten Hoffnung zu machen."

Die Chancen dafür, dass sich die Richtigen daran ein Beispiel nehmen, stehen nicht schlecht. Denn "Big Comic Superior" richtet sich genau an die Zielgruppe, auf die es in Japans Wirtschaft in der nächsten Zeit ankommen wird. "90 Prozent unserer Leser sind männlich und zwischen 25 und 40 Jahren alt", erklärt Yoshino.

Ein wenig denkt der Comic-Redakteur dabei allerdings auch an das wirtschaftliche Wohlergehen des eigenen Verlages. Denn die Nissan-Sanierung hat landesweit ein riesiges Echo ausgelöst. Entsprechend, so schätzt er, werden viele die Geschichte über den heldenhaften Urheber lesen wollen. Für die sechs Ausgaben mit der Geschichte von Ghosn-san, ist schon eine Extra-Auflage geplant.