35-STUNDEN-WOCHE Gibt Schub
Roland Maierle, Betriebsrat im Esslinger Metallunternehmen Eberspächer, wußte schon vor der Urabstimmung, was seine Kollegen von einem Streik für die 35-Stunden-Woche halten.
»Wenn die Leute so stimmen, wie sie schimpfen«, ahnte der altgediente IG-Metall-Funktionär, »dann gibt es keine Mehrheit für einen Arbeitskampf.«
Viele stimmten offenbar doch anders, als sie schimpften.
Am Freitagabend vergangener Woche waren die über 200 000 abgegebenen Stimmzettel im Stuttgarter Gewerkschaftshaus ausgezählt. Die IG Metall hatte eine der wichtigsten Urabstimmungen ihrer Geschichte bestanden.
80,05 Prozent der rund 251 000 Abstimmungsberechtigten im Tarifgebiet Nordwürttemberg/Nordbaden beantworteten die Frage, ob sie für die Forderungen ihrer Gewerkschaft zum Streik bereit seien, mit Ja. Die etwa 10 000 Metallarbeiter, die erst Anfang dieser Woche zur Urabstimmung gehen, können diese Quote nur noch unwesentlich verändern.
Für die IG Metall bedeutet dieses Ergebnis mehr als das Einverständnis der Mitglieder mit einem von der Führung geplanten Streik. Das Kreuz auf dem Stimmzettel, so IG-Metall-Sprecher Jörg Barczynski, entschied auch darüber, »ob es die IG Metall noch gibt«.
Eine Horrorvorstellung war es für die Gewerkschaftsoberen, daß die IG Metall ausgerechnet in ihrem Elite-Bezirk Baden-Württemberg durchfallen würde. Wohl kaum ein Arbeitgeberverband hätte ihre Forderungen dann noch ernst genommen.
Die Zeit der Alpträume ist für die Gewerkschaftsbosse nun erst einmal vorbei: Nach der gewonnenen Urabstimmung marschiert die IG Metall jetzt geradewegs in den Arbeitskampf - einen Kampf, der sich angesichts der bisherigen Unvereinbarkeit der Positionen zu einem der erbittertsten seit Bestehen der Republik ausweiten kann.
Am Donnerstag dieser Woche will der IG-Metall-Vorstand über den Beginn und das Ausmaß der geplanten Streiks entscheiden. Am Abend vorher wird auch das Ergebnis der zweiten Urabstimmung im Tarifgebiet Hessen feststehen.
Es ist zwar nicht auszuschließen, daß die Hessen anders als die Schwaben stimmen. Aber die Funktionäre sind zuversichtlich, daß sie nach dem Erfolg in Stuttgart auch in Hessen die Streikvollmacht bekommen. »Das gibt uns Schub«, freute sich ein hessischer IG-Metaller über das Stuttgarter Ergebnis.
Den Schub können die Metall-Gewerkschafter gut gebrauchen. Denn wohl noch nie in den drei Nachkriegsjahrzehnten mußte die IG Metall gegen so viele Hindernisse ankämpfen wie mit ihrer Forderung nach der 35-Stunden-Woche.
Entschlossen wie selten stemmen sich die Arbeitgeber gegen die Absicht, die 40-Stunden-Woche abzuschaffen. Bevor die Verhandlungen überhaupt begonnen hatten, lockten sie die Arbeitnehmer mit einem attraktiven Gegenangebot. Sie offerierten 3,3 Prozent mehr Lohn, eine Vorruhestandsregelung für ältere Metallarbeiter sowie mehr Freizeit für Schichtgänger.
Mit einem Propagandarummel ohnegleichen, mit Anzeigen und Anstecknadeln, mit Flugblättern und Demonstrationen versuchten die Arbeitgeber für sich Stimmung zu machen. Noch wenige Tage vor der Urabstimmung schickten die Metall-Unternehmer in Baden-Württemberg ihren Mitarbeitern Briefe nach Hause, in denen sie vor den Folgen der 35-Stunden-Woche warnten. Die Vorlage für die Schreiben lieferte der Arbeitgeberverband Gesamtmetall.
Doch nicht nur die Gegner der 35-Stunden-Woche machten es der Gewerkschaft schwer, ihre Mitglieder in Fahrt zu bringen. Auch die Arbeiterorganisation selber trug mit vielerlei Ungeschicklichkeiten dazu bei, daß die Mehrheit der Bundesbürger sich nur schwer für die Zeit-Forderung begeistern konnte.
Viel zu lange erweckten die Arbeiterführer den Eindruck, sie wollten die 35-Stunden-Woche mit einem Schlag durchsetzen. Erst vor wenigen Wochen ließen sie erkennen, daß sie auch mit einer stufenweisen Einführung über mehrere Jahre einverstanden wären.
Im gleichen Maße wie die radikal erscheinende Zeit-Forderung verwirrte auch der Zusatz »mit vollem Lohnausgleich« die Bundesbürger. Die Gewerkschafter verstehen unter dieser Formel, daß trotz geringerer Arbeitszeit der Nominallohn nicht sinken dürfe. Für die Mehrzahl der Bürger jedoch klingen die magischen drei Wörter so, als sei die Gewerkschaft nicht bereit, zugunsten von mehr Freizeit auf Lohnerhöhungen zu verzichten.
Bis zuletzt sah es daher so aus, als würde die IG Metall die für einen Streik erforderliche Mehrheit von 75 Prozent der Abstimmungsberechtigten nicht erreichen. Beinahe sämtliche Meinungsumfragen signalisierten, daß nur etwa ein Drittel der Gewerkschaftsmitglieder die 35-Stunden-Woche wolle.
In Unternehmerzirkeln wurde bereits besorgt die Frage debattiert, ob sich die IG Metall nach ihrer Urabstimmungsniederlage nicht radikalisieren werde. »Wir wollen keine andere IG Metall«, sorgte sich Gesamtmetall-Geschäftsführer Dieter Kirchner.
Daß die IG Metall es dennoch schaffte, ist gleichwohl kein Zufall. Mit Bedacht hatte die IG-Metall-Führung den Test im Schwabenland angesetzt. Die Stuttgarter Region gilt als der kampfstärkste IG-Metall-Bezirk.
Vor der Abstimmung war es zugegangen wie bei einem Bundestagswahlkampf. Mit massenweise verteilten Flugblättern und Show-Veranstaltungen, mit dramatischen Appellen auf Mai-Kundgebungen und mit persönlicher Zusprache mühten sich die Funktionäre um Ja-Sager.
Auch wenn gewiß bei vielen die Zweifel am Sinn kürzerer Wochenarbeitszeit blieben - ihre Gewerkschaft wollten sie denn auch nicht im Stich lassen. Die gleiche Kampfmoral erhoffen sich die Gewerkschaftsführer auch für den anstehenden Streik. »Wir werden Macht entwickeln«, kündigte der Frankfurter IG-Metall-Funktionär Hans Rosenthal an.
Wenn die IG Metall auch die Urabstimmung in Hessen besteht, will sie den Streik in beiden Tarifgebieten führen. Entweder die Schwaben fangen an, und die Hessen ziehen nach, oder beide Tarifgebiete beginnen zeitgleich mit Schwerpunktstreiks und weiten diese dann in einer zweiten Phase aus.
In Hessen wollen die Funktionäre zudem auch jene bewegliche Streiktaktik anwenden, die von der Druckgewerkschaft erprobt wurde. Neben Vollstreiks in Großbetrieben sollen in einer Reihe anderer Unternehmen Teilstreiks von befristeter Dauer stattfinden.
Vor der wirksamsten Waffe der Unternehmen, der Aussperrung, haben die IG-Metaller nicht viel Angst. »Das wäre«, so ein IG-Metall-Führer, »das Beste, um unsere Leute wütend zu machen.«