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HOTELS Ging auf

Ein japanischer Milliardär erwarb die Hotelkette Inter-Continental zu einem horrenden Preis. *
• aus DER SPIEGEL 41/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Luxushotels wie dem Pariser Grand Hotel, dem Londoner Mayfair und dem Carlton in Cannes stellte sich in den vergangenen Wochen ein ungewöhnlicher Besucher ein. Der Mann interessierte sich weder für die Bequemlichkeit der Betten noch für die Qualität der Küchen - er schaute sich vor allem die Gemälde und das Mobiliar in den Suiten, Salons und Sälen an.

Der seltsame Hotel-Inspektor war ein Sachverständiger des Londoner Kunstauktionshauses Sotheby's. Mit Kennerblick registrierte er, wo ein wertvolles Bild an der Wand hing, ein kostbares Möbelstück in der Ecke stand oder ein alter Orientteppich auf dem Boden lag. Eifrig machte er sich Notizen.

Der Besuch hatte Folgen. Die prachtvollen alten Gemälde, Kommoden, Tische und Teppiche in den Traditionshotels wurden bald darauf abgeholt und durch schlichtere Einrichtungsgegenstände ersetzt.

Der Mann von Sotheby's hatte die Hotels, allesamt Spitzenhäuser der weltumspannenden Hotelkette Inter-Continental, im Auftrag des Eigentümers inspiziert. Der britische Getränke-, Nahrungsmittel- und Hotelkonzern Grand Metropolitan (Grandmet), der die Inter-Continental-Gruppe 1981 von der US-Fluggesellschaft Pan Am übernommen hatte, wollte kurz vor dem geplanten Weiterverkauf der Betten-Kette noch unauffällig ein paar Pretiosen zur Seite schaffen.

Neben den wertvollen Ausstattungsstücken in etlichen Interconti-Appartements zogen die Grandmet-Manager auch rechtzeitig teure Dienstwagen ihrer Direktoren ab. So wurden der hoteleigene Rolls-Royce des Mayfair-Managers in London und der Mercedes-Benz des Interconti-Chefs in New York kürzlich von der Muttergesellschaft Grandmet direkt übernommen.

Das Kalkül der Briten: Der Käufer einer so großen Hotelkette wie der Inter-Continental-Gruppe mit ihren 100 Häusern in 47 Ländern kann nicht bis hin zum Tafelsilber oder Wandschmuck überprüfen, wieviel die einzelnen Sachen wert sind, die sich in den Hotels befinden. Der Austausch von ein paar Möbeln oder der Verkauf hoteleigener Luxuswagen reduziert mithin nicht den Preis, der für das gesamte Unternehmen zu zahlen ist.

Die Rechnung der Grandmet-Manager ging auf: Der japanische Mischkonzern Seibu Saison kaufte den Briten die Inter-Continental Corp. zum stolzen Preis von 2,27 Milliarden Dollar ab.

Der Kaufpreis ist mehr als das 30fache des vorjährigen Interconti-Gewinns (70 Millionen Dollar) - eine für den Käufer ungewöhnlich ungünstige Relation von Preis und Ertrag. Gelingt es Seibu-Saison-Chef Seiji Tsutsumi nicht, den Ertrag stark zu steigern, wird er nur eine sehr magere Verzinsung seines eingesetzten Kapitals erhalten.

Da nützt es den Japanern auch wenig, daß die Interconti-Hotels wie die in London, Paris und New York auf firmeneigenen Grundstücken in bester Lage stehen. Die niedrige Hotelrendite bremst die Wertsteigerung des mit Betten-Silos bebauten City-Bodens.

Wesentlich weniger als Seibu Saison hatte Grandmet bezahlen müssen, als

der Konzern vor sieben Jahren die Kette von Fünf-Sterne-Hotels übernahm. Der hochverschuldete Voreigentümer Pan Am war damals von seinen Gläubigerbanken gezwungen worden, Interconti rasch abzustoßen. Die Briten, die sich zu jener Zeit als erste Kaufinteressenten meldeten, erhielten sogleich für eine halbe Milliarde Dollar den Zuschlag.

Weitere 400 bis 500 Millionen Dollar gab Grandmet in den vergangenen Jahren aus, um die Hotelkette aufzupolieren. Doch der Bilanz-Überschuß von Interconti blieb, wie bei den meisten anderen großen Hotelkonzernen auch, stets recht bescheiden.

Zum Ertrag des Grandmet-Konzerns von rund 460 Millionen Pfund im Geschäftsjahr 1987 steuerte die Hotelsparte nur einen Anteil von 6,9 Prozent bei. Fast 60 Prozent seiner Gewinne erzielte das Unternehmen, das seit 1986 von dem früheren Auto- und Brauereimanager Allen Sheppard gesteuert wird, im Geschäft mit Schnäpsen (Wodka »Smirnoff«; Whisky »J&B"), Bier ("Watney«; England-Vertrieb des Hamburger Holsten-Biers) und Wein. Den Rest verdiente Grandmet mit Milchprodukten, Hundefutter und anderen Konsumgütern.

Nach seinem Amtsantritt hatte der ruppige Sheppard zunächst versucht, den von seinen Vorgängern aufgebauten Hotelsektor noch zu erweitern. Er meinte, der Interconti-Apparat sei groß genug, um nicht nur 100, sondern 200 Hotels führen zu können.

Doch schon baldmerkte der Neuling, daß der Erwerb von Hotelketten weit schwerer war, als er sich vorgestellt hatte. Bei den zum Verkauf stehenden US-Gruppen Westin und Omni, die Sheppard gern erworben hätte, wurden von anderen Interessenten so hohe Preise geboten, daß der Brite nicht mithalten mochte.

Obgleich Grandmet ursprünglich im Betten-Busineß groß geworden war, beschloß der Konzernchef im Sommer dieses Jahres, sich aus dem wenig rentablen Hotelgeschäft völlig zurückzuziehen und in andere Bereiche zu investieren. So wollen die Briten etwa die Whisky-Gruppe Irish Distillers erwerben.

Auch den Erlös aus dem Verkauf der Interconti-Kette hat Sheppard bereits verplant: Er soll zum Kauf des US-Konzerns Pillsbury mitverwendet werden. Die Briten wollen diese amerikanische Lebensmittelgruppe für 5,23 Milliarden Dollar kaufen.

Die japanische Seibu-Saison-Gruppe, die nun die Interconti-Hotels übernimmt, war bislang im internationalen Hotelgeschäft kaum engagiert. Seibu Saison betreibt lediglich 13 Hotels in Japan, darunter das besonders teure Tokioter Haus Seiyo Ginza, und ist seit 1987 an Schottlands traditionsreichstem Golf-Hotel, dem Old Course Golf and Country Club Hotel in St. Andrews, beteiligt.

Den größten Teil seiner Milliarden-Umsätze erzielt Seibu Saison, ein Konglomerat von fast 100 Firmen, im Einzelhandel. Den Kern des Seibu-Reichs bilden Supermärkte aller Art, Warenhäuser und Boutiquen. Darüber hinaus kontrolliert Seibu-Saison-Chef und Haupteigentümer Seiji Tsutsumi, 61, Nahrungsmittelfabriken und Versicherungsgesellschaften, eine Bank und eine Fluggesellschaft, ein Verlagshaus und Filmproduktionsfirmen. Mit einem Vermögen, das auf 1,8 Milliarden Dollar geschätzt wird, gilt der Konzernchef, der in seiner Freizeit Gedichte und Erzählungen schreibt, als einer der reichsten Männer seines Landes.

Seijis jüngerer Halbbruder Yoshiaki Tsutsumi, 54, soll sogar der reichste Geschäftsmann der Welt sein. Das US-Magazin »Forbes«, das jährlich eine Rangliste der Super-Reichen aufstellt, setzte den Immobilien-Magnaten in diesem Jahr mit einem geschätzten Vermögen von 18,9 Milliarden Dollar auf Platz eins der Geld-Parade.

Yoshiakis Vorsprung vor Seiji entspringt allerdings kaum größerer Tüchtigkeit. Der jüngere der beiden Söhne Yasujiro Tsutsumis, eines japanischen Eisenbahn- und Immobilien-Moguls, war der Liebling des Alten gewesen, während der Erstgeborene zu oft aufgemuckt hatte.

Der 1964 verstorbene Patriarch hatte daher den weitaus größten Teil seines riesigen Landbesitzes an den braven Yoshiaki vererbt. Der widerborstige Seiji erhielt nur relativ wenige väterliche Immobilien.

Im Grundstücksboom der vergangenen beiden Jahrzehnte konnte Yoshiaki sein Vermögen ziemlich mühelos mehren. Er baute beispielsweise seine Kette von Prince-Hotels zur führenden Gruppe japanischer First-class-Häuser aus.

Mit dem Erwerb der Interconti-Kette zog der weniger kapitalkräftige Seiji nun allerdings im Hotelgeschäft an seinem Bruder vorbei. Und dieser Triumph war dem Seibu-Saison-Chef allemal die von Interconti-Verkäufer Sheppard geforderten 2,27 Milliarden Dollar wert.

Sheppards Firma Grandmet hätte am Hotelhandel sogar noch ein paar Dollar mehr verdient, hätten alle Aktionen geklappt, mit denen noch kurz vor Unterzeichnung des Kaufvertrages wertvolle Einrichtungsgegenstände aus Interconti-Häusern herausgeschafft werden sollten. Doch nicht überall kam die von Grandmet beauftragte Abräumkolonne zum Zuge.

So sollten in Paris einige wertvolle Schreibtische aus den Interconti-Suiten abtransportiert und zwei mit Figuren reich verzierte Bronzefackeln vor dem Hoteleingang demontiert werden. Der um den Ruf seines Hauses besorgte Direktor verhinderte die Aktion.

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