OSTHANDEL Ging daneben
Friedrich Wilhelm Christians, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, brachte vergangene Woche neue Erkenntnisse aus Moskau mit. Die Schuldensituation im Ostblock, so Christians nach Gesprächen mit sowjetischen Kollegen, habe sich »erstaunlich normalisiert«.
Wenn die Sowjet-Union und ihre Partnerstaaten wieder mehr Kredite auf den westlichen Finanzmärkten aufnehmen, dann sei dagegen nichts zu sagen. Auch die Deutsche Bank will einen Großkredit über 750 Millionen Mark für die Sowjets arrangieren.
Zu einer ähnlich positiven Einschätzung kamen bundesdeutsche Bankiers bei ihren Pflichtbesuchen auf den Frühjahrsmessen in Leipzig und Hannover. Nachdem Ostblock-Staaten drei Jahre lang kaum Kredite im Westen aufgenommen haben, sollen nun Milliarden-Geschäfte im Osthandel mit zinsgünstigen Eurokrediten über Luxemburg und London ermöglicht werden.
Was die bundesdeutschen Kreditmakler bei ihren Messegesprächen zuerst in Leipzig und dann in Hannover besonders verblüffte, ist die konsequente Art, in der östliche Staatsbankiers sich neuen finanziellen Spielraum verschaffen. Fast alle Länder haben in den vergangenen drei Jahren ihren Schuldensaldo erheblich verkürzt.
Zwar sind die Schulden bei westlichen Banken nur um rund zwölf Milliarden Dollar gesunken, doch auf der anderen Seite häuften die Staatsbankiers beachtliche Devisenvorräte auf. So verringerten die Staaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) ihre Nettoschulden - den Saldo zwischen Schulden und Devisenguthaben - um knapp 20 Milliarden Dollar auf zuletzt 54,9 Milliarden.
Besonders erfolgreich war dabei die DDR: Sie senkte ihre Nettoschulden von zwölf auf fünf Milliarden Dollar.
Die DDR, so betonte der SED-Chef und Staatsratsvorsitzende Erich Honecker schon im Oktober 1983 auf einer Comecon-Tagung, werde einen »aktiven Beitrag« dazu leisten, daß die sozialistischen Staaten »gegenüber jedweden Erpressungsversuchen unangreifbar« würden.
Um ihren Ruf als »absolut pünktlicher Schuldner« (so ein Sprecher der Ost-Berliner Außenhandelsbank Daba) zu festigen, drosselte die DDR drastisch ihre Importe aus dem Westen und verstärkte zugleich ihre Exporte. Nach eigenen Angaben schaffte sie in den Jahren 1983 und 1984 Exportüberschüsse von insgesamt 2,6 Milliarden Dollar.
Die DDR-Strategie scheint sich auszuzahlen. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse überboten sich die westlichen Bankiers wie in den siebziger Jahren mit neuen Großkrediten für die Comecon-Staaten. Besonders gefragt als Kreditnehmer waren die Staatsbanken aus Moskau und Ost-Berlin.
Der Schweizerische Bankverein offerierte den Sowjets einen neuen Großkredit zu außergewöhnlich günstigen Bedingungen. Damit zahlen die Sowjets erheblich weniger als die DDR bei ihrem letzten Großkredit von amerikanischen Großbanken.
Wie hoch die DDR inzwischen als Schuldner eingeschätzt wird, mußte ein Bankenkonsortium unter Führung der Bank of America und der Citibank erleben. Ein neuer Fünf-Jahres-Kredit war mit 150 Millionen Dollar geplant, doch es wurden schließlich 500 Millionen, weil zu viele Banken Interesse zeigten.
Der neugewonnene Handlungsspielraum kommt der DDR insbesondere auch in ihren Beziehungen zur Bundesrepublik zugute. Die Ost-Berliner Wirtschaftsplaner zeigen deutlich, daß sie beispielsweise auf den zinslosen Überziehungskredit (Swing) im innerdeutschen Handel gar nicht mehr so sehr angewiesen sind.
Der Kreditrahmen von 600 Millionen Mark wurde Anfang des Jahres kaum noch ausgeschöpft. Im Januar nahm die DDR nur 170 Millionen, im Februar sogar lediglich 90 Millionen Mark in Anspruch.
Bonn zeigte sich bereits beunruhigt. Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann appellierte gar an die DDR, sie sollte doch mehr von ihrem zinslosen Kredit Gebrauch machen.
Als Antriebskraft für den deutschdeutschen Handel jedenfalls scheint der Überziehungskredit derzeit immer weniger geeignet. Und als Instrument der Politik schon lange nicht mehr.
Der Chef des Bonner Kanzleramtes, Wolfgang Schäuble, hatte es vor einigen Wochen noch einmal versucht. Er ließ streuen, daß die DDR ihren Kreditrahmen auf zwei Milliarden Mark erweitern könnte, wenn sie politische Zugeständnisse mache. Der Versuch ging offenbar daneben. Als Honeckers Wirtschaftschef Günter Mittag und Außenhandelsstaatssekretär Gerhard Beil in der vorvergangenen Woche bei Schäuble waren, begrenzten sie ihren Besuch auf das protokollarische Mindestmaß. Vom Zwei-Milliarden-Kredit war überhaupt nicht die Rede.
Bei seinen Gesprächen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann wurde Mittag ganz deutlich. Die DDR, so Honeckers Chefökonom, werde wirtschaftliches Entgegenkommen künftig nicht mehr mit humanitären Gegenleistungen bezahlen. Es gehöre zur Politik souveräner Staaten, solche Zugeständnisse auch auf wirtschaftlichem Gebiet zu honorieren.
Mittag, Kohl und Bangemann verständigten sich im Grundsatz über eine Erhöhung des Swing-Volumens auf 900 Millionen für die nächsten fünf Jahre. Zuvor hatte die DDR aus dem strukturschwachen Saarland über das bisher kontrahierte Volumen hinaus auf Wunsch der neuen Landesregierung für mehr als
100 Millionen Mark Kohle und Stahl gekauft.
Darüber hinaus möchte die DDR mit den Bundesdeutschen auf Drittmärkten zusammenarbeiten. Wenn möglich, sollen Exportchancen gemeinsam genutzt werden. Kompensationsgeschäfte etwa mit Lateinamerika, meinte Mittag, seien da besonders geeignet: Die Deutschen aus beiden Staaten können Maschinen und Anlagegüter liefern, die Tauschprodukte Kaffee, Zucker oder Getreide ließen sich dann in den Comecon-Staaten verkaufen.
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BESONDERE BEZIEHUNGEN Entwicklung des Handels der Bundesrepublik mit der DDR; Angaben in Milliarden Mark Lieferungen in die DDR Bezüge aus der DDR Vereinbarter Swing in Millionen Mark in Anspruch genommener Swing Swing = der DDR von der Bundesrepublik eingeräumte zinslose Bundesbank-Kredite zugesagt zum 1.1.1986: 900 Mill. Mark 24.4.85: 180 Mill. Mark
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