Deutsche Bank Gläserne Bilanz
Die Stimme klang wie von einem anderen Stern. Als die Tonübertragung im Saal versagte, wurde der Mann auf dem Podium gleich ungehalten. »So geht das nicht«, raunzte der Banker.
Wenn Dinge nicht so laufen, wie Hilmar Kopper, 61, es will, kann der Chef der Deutschen Bank ungemütlich werden. Am Donnerstag vergangener Woche war Kopper sichtlich nervös: Er mußte der in Frankfurt versammelten Finanzpresse erklären, warum die Bank ihre Rechnungslegung radikal ändert.
Als Fürsprecher für die Interessen von Aktionären war der Banker in der Vergangenheit nie aufgefallen. Nun präsentierte er dem Publikum eine Bilanz mit Zahlen, die er vor den Eigentümern jahrelang verborgen hatte.
Auf den Hauptversammlungen hatte Kopper die Anteilseigner, die ihre Wünsche nach höheren Dividenden äußerten, stets abgefertigt.
Ungehalten wurde er, wenn die Eigentümer Auskünfte über den Reichtum der Bank begehrten: etwa über die Differenz zwischen den Buchwerten und den tatsächlichen Werten von Immobilien und Unternehmensbeteiligungen. Einen Aktionär, der nach diesen stillen Reserven fragte, bezichtigte Kopper gar eines »Mißbrauchs der Demokratie«.
In einem noch laufenden Rechtsstreit mit dem Würzburger Aktionärsvertreter Ekkehard Wenger ließ das Geldhaus von seinen Anwälten vortragen, die Offenlegung von stillen Reserven sei »praktisch immer geeignet, der Gesellschaft Nachteile zuzufügen«.
Jetzt ist alles anders. Die Deutsche Bank legte eine gläserne Bilanz vor, die erstmals ein realistisches Bild über die Gewinne und das Vermögen des größten europäischen Geldhauses gibt. Was Kopper früher auf Hauptversammlungen als schädlich bezeichnet hatte, liegt auf einmal »in der Logik unserer globalen Strategie«.
Die Bank richtet sich von nun an nach den International Accounting Standards, einem Regelwerk, das Bilanzexperten aus 85 Ländern aufgestellt haben. Anders als die Vorschriften im deutschen Handelsgesetzbuch zielt diese Rechnungslegung auf Transparenz.
Der Anleger kann jetzt »wesentlich schärfer kontrollieren«, so Koppers Vorstandskollege Jürgen Krumnow, »ob ein Unternehmen in seiner Geschäftstätigkeit eine optimale Verzinsung des Kapitals erreicht«.
Kopper vollzog den Kurswechsel nicht ganz freiwillig. Besonders die großen Geldanlagefonds aus den USA legen zunehmend Wert darauf zu erfahren, was wirklich in einem Unternehmen läuft, an dem sie beteiligt sind. Sie hatten bereits angedroht, nicht mehr in deutsche Unternehmen zu investieren.
Im Eigentümerkreis der Bank war der Ausländeranteil gesunken. »Keiner wird mehr akzeptieren, daß Einbrüche verschönt, Fehler überdeckt, Vermögen versteckt werden«, hat Bilanz-Vorstand Krumnow nun erkannt, »schon gar nicht, wenn dies vor den Eigentümern geschieht.«
Auch die mächtige Deutsche Bank muß sich den Regeln der internationalen Kapitalmärkte unterwerfen, wenn sie tatsächlich ein Global Player im lukrativen Investmentbanking werden will. »Jetzt haben sie endlich kapituliert«, kommentiert Ökonom Wenger.
Die trügerische deutsche Bilanzierung drückte auf den Kurs der Aktie. Die Deutsche Bank dümpelt immer noch unter ihren Höchstnotierungen aus den Jahren 1985 und 1993 - ein Armutszeugnis für die Geldmanager.
Die jetzt veröffentlichten Zahlen sollen das Papier attraktiver machen. Das Geldhaus gab daher preis, daß es selbst Anleihen und Aktien anderer Unternehmen im Wert von 50 Milliarden Mark besitzt - in den Büchern stehen sie aber nur mit 30 Milliarden.
Bereits versteuerte stille Reserven lösten die Banker auf - das Eigenkapital erhöhte sich um 6,8 Milliarden Mark. Auch die Ergebnisse im Handel mit Devisen und Wertpapieren sind mit über 2 Milliarden Mark viel höher als bei traditioneller Bewertung.
Zutage traten bei der ehrlichen Rechnung aber auch unbekannte Belastungen. Viel zuwenig Geld hatte die Bank bisher für die von ihr zu zahlenden Mitarbeiter-Pensionen reserviert, der dafür gebildete Topf mußte um zwei Milliarden aufgestockt werden.
Der Jahresüberschuß fiel magerer aus als bei deutscher Bilanzierung, und auch der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr war bei weitem nicht so imposant, wie er bei der herkömmlichen Rechnerei ausgefallen wäre - für Kopper ein Beleg, daß die Bank ihre Bilanz nicht »aus optischen Gründen« umgestellt habe.
Ohnehin traut der Banker den Aktionären nicht zu, sein Haus richtig einzuschätzen. So lägen allein schon das Eigenkapital und der realisierbare Gewinn aus den Reserven nur knapp unter dem Wert, den die Börsianer der gesamten Bank zumessen.
Das Argument geht nach hinten los. Nach einer Regel des jüngst verstorbenen Ökonomen Wolfram Engels ist ein Vorstand nur dann sein Gehalt wert, wenn der Börsenwert der Firma wesentlich höher ist als die Substanz.
»In den USA«, stichelt Konzernkritiker Wenger, »würde ein Laden wie die Deutsche Bank zerschlagen.« Y