Gläserne Millionäre - DER SPIEGEL
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REICHTUM Gläserne Millionäre

Noch kann jeder die Geldflüsse der Superreichen in der Schweizer Steueroase Zug einsehen. Die ansässigen Bosse der Metro drängen auf besseren Schutz.
Von Jan Dirk Herbermann
• aus DER SPIEGEL 36/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für Zuwanderer mit gehobenen Ansprüchen bietet das schweizerische Zug zwei entscheidende Vorteile: Horrende Immobilienpreise schrecken wirksam das gemeine Volk ab. Und in keinem anderen Kanton wird das Vermögen der Steuerflüchtlinge vom Fiskus so wenig geschmälert.

Kaum verwunderlich, dass Zug Wohlhabende aus aller Welt anlockt. Inzwischen leben hier dreimal mehr Millionäre als Arbeitslose. Otto Beisheim, der Metro-Patriarch, und sein Ziehsohn Erwin Conradi haben sich hier ebenso niedergelassen wie Erfolgsautor Johannes Mario Simmel oder Dornier-Erbe Christian.

Ein Ärgernis allerdings trübt das unbeschwerte Leben im Paradies: Jeder »in der Schweiz domizilierte Interessierte« kann die Millioneneinkünfte und Milliardenvermögen der Betuchten schwarz auf weiß nachlesen. Die Zahlen gibt's am Schalter der Kantonalen Steuerverwaltung, Bahnhofstrasse 26 in Zug.

Beisheim etwa hatte 1997 ein Einkommen von 2,4 Millionen Franken. Laut amtlichem Auszug ist der kinderlose Krösus 2,5 Milliarden Franken schwer. Johannes Mario Simmel dagegen deklarierte eher bescheidene 340 000 Franken als Einkommen, der Bestsellerautor erschrieb sich ein Vermögen von 2,5 Millionen Franken.

Ab nächstem Januar soll es den gläsernen Millionär jedoch nicht mehr geben. So hat es das bürgerlich beherrschte Parlament entschieden - zu viel Transparenz und Sozialneid schadet schließlich dem Standort.

Die Linke hält dagegen. »Wir wollen auch in Zukunft über die Verhältnisse dieser Steuerflüchtlinge genau Bescheid wissen«, fordert der alternative Parlamentsabgeordnete Josef Lang. Seine Partei erzwang zusammen mit den Sozialdemokraten ein Referendum, um das umstrittene Gesetz per Volksentscheid zu kippen.

Immerhin geht es um die Abschaffung einer Regelung, die den Vätern der Zuger Verfassung von 1848 ein besonderes Anliegen war. Dort heißt es: »Die Öffentlichkeit des gesamten Staatshaushaltes ist gewährleistet.« Keinem Bürger könne die Einsicht verweigert werden. Die Steuerzahler mussten ihre Finanzen offen legen.

Den totalen Durchblick bekamen die Zuger in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im »Steuerbüchlein« wurden sämtliche Bürger mit ihrem Einkommen und Vermögen aufgelistet. Nun soll die Öffentlichkeit des Steuerregisters »auf massiven Druck dieser superreichen Heimlichtuer«, so Lang, abgeschafft werden. »Der Conradi von der Metro ist der Steuerverwaltung und der Finanzdirektion aufs Dach gestiegen, und die haben gekuscht«, behauptet der Abgeordnete.

»Dazu kann ich nichts sagen«, wiegelt Ruth Schwerzmann, die Finanzdirektorin des Kantons, ab. Warum aber soll zukünftig alles geheim sein? »Datenschutz ist wichtiger als Transparenz.« Sie warnt davor, die goldenen Kälber zu schlachten.

Conradi selbst, unlängst geschasster Generaldirektor der Metro Holding AG und wegen seiner kernigen Manieren gefürchtet, weist den Vorwurf einer Intervention zurück. Sein Argument für den Schutz der Millionäre: Veröffentlichter Reichtum ziehe Entführer magnetisch an. »Es ist schließlich bekannt«, sagt Conradi, »dass Kriminelle in dieses Land einreisen, Straftaten begehen und schon wieder ausgereist sind, wenn die Straftat entdeckt wird.«

Der Wunsch der Reichen nach mehr Diskretion stößt bei den Verantwortlichen auf volles Verständnis. Schon jetzt können sich Steuerflüchtlinge auf die Unterstützung der Zuger Finanzbeamten verlassen.

Otto Beisheim etwa hat in Retus Venzin, dem Vorsteher der Kantonalen Steuerverwaltung, einen wahren Freund gefunden. Der zeigte sich sehr hilfreich, als nach dem Tod von Beisheims Frau im September 1999 das Vermögen des Witwers aus der Gemeinde Baar neu veranlagt werden musste - und dabei eine Rückzahlung von 5 093 831,65 Schweizer Franken anfiel.

»Ihrer Weisung entsprechend wird der Betrag in den nächsten Tagen zu Gunsten von Herrn Otto Beisheim an die UBS, 8097 Zürich, Konto 0230-519601,01K der Overpart GmbH, 6340 Baar, überwiesen«, schrieb Venzin in einem vertraulichen Brief an Hans-Dieter Cleven, den Vizepräsidenten der Generaldirektion der Metro Holding AG. Die definitive Veranlagung werde jedoch »auf Ihren Wunsch« erst nach dem 1. Januar 2001 vorgenommen. »Der Grund liegt in der beantragten Abschaffung der Öffentlichkeit des Steuerregisters mit der Steuergesetzrevision 2001.«

So viel Fürsorge für das örtliche Establishment ist selbst in der Schweiz selten. JAN DIRK HERBERMANN

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