Glimmstengel im Restaurant: Reden gegen den Rauch - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Glimmstengel im Restaurant Reden gegen den Rauch

Weil gesetzliche Verbote drohen, sollen deutsche Gastwirte ihre Lokale in teilweise rauchfreie Zonen verwandeln. Seit einem halben Jahr versuchen Vertreter des Gaststättenverbandes, die Kneipiers davon zu überzeugen. Vor allem in der Provinz gestaltet sich das problematisch.
Von Benjamin Triebe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - "Wenn ich gewusst hätte, wie gut das Rauchverbot ist, hätte ich es schon viel eher eingeführt", sagt Herbert Beltle, Inhaber des gehobenen Restaurants Aigner am Berliner Gendarmenmarkt. Vor mehr als einem Monat hat er die Tische an der Fensterfront seines Lokals zur Nichtraucherzone erklärt. Die Resonanz sei ausgesprochen gut. Besonders Amerikaner wüssten es zu schätzen, wenn sie ihr Heilbuttfilet mit Blick auf den Französischen Dom ohne unerwünschtes Tabakaroma genießen können. Aber auch deutsche Raucher fühlten sich nicht diskriminiert. Denn wer unbedingt rauchen will, kann das noch an der Bar oder im hinteren Bereich des Restaurants tun, wo vor allem die Stammgäste speisen.

Beltle ist ein Musterfall. Wie er sollen deutsche Restaurantbetreiber freiwillig ihre Speisesäle für Raucher sperren - allerdings nicht sofort und nicht komplett. Darauf haben sich der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) und das Gesundheitsministerium vor einem halben Jahr geeinigt. Bis 2008 wird die Zahl der rauchfreien Plätze in den Lokalen schrittweise ausgeweitet. Dann sollen 90 Prozent der Betriebe mindestens die Hälfte ihre Plätze für Nichtraucher reservieren. Falls der Plan schief geht, droht ein Gesetz, das Rauchen in Gaststätten kategorisch verbietet. Allerdings kann der Dehoga seinen Mitgliedern die Rauchfreiheit nicht einfach verordnen. Er muss sie überzeugen.

"Ich kann jedem Kollegen nur empfehlen, auf diesen Nichtraucher-Zug aufzuspringen", sagt Beltle. Allerdings muss er das auch, denn als Präsidiumsmitglied des Berliner Dehoga-Landesverbandes will er die Vereinsversprechen halten. Zudem musste der Berliner das Aigner nicht extra umbauen - die Lüftung des Lokals ist so gut, dass sie den Nichtraucherbereich von selbst sauber hält. Nicht jeder Gastwirt steckt in so einer komfortablen Situation.

Renitente Provinzler

Weit entfernt von der Bundeshauptstadt, im lippischen Detmold, schlägt sich Jürgen Gedamke mit den Problemen von Gastwirten herum, die nicht 300 Quadratmeter Lokalfläche und 140 Plätze anzubieten haben. Gedamke ist Geschäftsführer des Dehoga-Verbandes Lippe, und mehr als die Hälfte seiner Mitglieder sind Betreiber von kleinen Restaurants oder Landgasthöfen. Die Geschäfte sind zwischen 75 und 100 Quadratmeter groß und fallen damit gerade noch in die Kategorie, für die die Nichtraucher-Vereinbarung gilt. "Und das", sagt Gedamke, "ist ein Problem."

Denn wenn diese Gastwirte eine Nichtraucherzone einrichten wollen, müssen meist Maurer und Zimmerleute kommen. Ohne Umbauten lassen sich die Raucher häufig nicht von den Nichtrauchern trennen. Solche Investitionen sind teuer, und viele der Gastronomen haben ihre Betriebe nur gepachtet - ohne die Genehmigung des Eigentümers dürfen sie nichts verändern. Bei solchen Hindernissen lassen sich Wirte in der Provinz nur schwer überzeugen.

In der Provinz gehört das Rauchen dazu

Für viele Kneipiers war der Nichtraucherschutz dort bisher kein Thema: "Je weiter Sie auf das Land kommen, desto weniger spielt das Rauchen eine Rolle in der Gastronomie", resümiert Gedamke. Wenn eine Vereinsgesellschaft einen geselligen Abend im örtlichen Wirtshaus bucht, dann will sie auch zusammen feiern - und nicht die Raucher im Obergeschoss und die Nichtraucher im Keller. 2007 wird deshalb das kritische Jahr für den Dehoga Lippe. Laut Zielvereinbarung müssen bis März 2007 mehr als 60 Prozent der Speiselokale rauchfreie Plätze haben - bis das erreicht wird, müssen noch viele Landgasthöfe gewonnen werden.

Doch allmählich wird den Wirten klar, dass sie etwas tun müssen. Lothar Wuttke merkt dass, wenn er in seine Auftragsbücher schaut. Der Geschäftsführer der GRT Wuttke GmbH im westfälischen Lünen verkauft sogenannte Rauch-Verzehrer - besondere Lüftungssysteme, die wie eine Abzugshaube den blauen Dunst aus der Luft ziehen.

Nach der Unterzeichnung der Nichtraucher-Vereinbarung blieb ein Run auf seine Geräte zwar zunächst aus. "Aber so langsam kommt Schwung in das Segment", sagt Wuttke. "Die Gastronomen werden wohl sensibilisiert." Auch Jürgen Gedamke setzt darauf, seine Gastronomen mit den sogenannten "Smoking-Points" - kleine Bereiche im Restaurant mit starker Abzugsanlage - zur Mitarbeit zu bewegen. Denn wenn die Vereinbarung mit dem Gesundheitsministerium nicht gehalten wird, gibt es bekanntlich das gesetzliche Verbot.

Deutschland, Raucherbastion in Europa

Sollte es so weit kommen, wäre mit Deutschland eine der letzten raucherfreundlichen Bastionen in Europa gefallen. Erst zu Jahresbeginn führte Italien ein striktes Rauchverbot auf allen öffentlichen Plätzen, Restaurants und Kneipen ein. Wer dagegen verstößt, muss mit bis zu 250 Euro Strafe rechnen. Auch in Frankreich, Irland, Norwegen und Schweden darf nicht jeder paffen, wo er gerade möchte. In Großbritannien wird geplant, ein Rauchverbot für öffentliche Räume einzuführen. Die Österreicher betreiben hingegen ein ähnliches Modell wie die Deutschen: Bis Januar 2007 müssen dort 40 Prozent der Lokale Nichtraucherzonen eingerichtet haben.

Der Dehoga ist davon überzeugt, dass ein freiwilliges Rauchverbot den Lokalen sogar nutzen kann. Nächste Woche wird er eine Studie vorstellen, welche die positiven Reaktionen der Berliner Wirte dokumentiert. Im März nächsten Jahres wird dann erstmals überprüft, ob die Bemühungen erfolgreich waren. Dann sollen mindestens 30 Prozent der Speiselokale mindestens 30 Prozent Nichtraucherplätze anbieten. Diese ersten Kriterien sind jedoch so niedrig gesetzt, dass selbst Jürgen Gedamke aus der Problem-Region Lippe sagt: "Das haben wir hier höchstwahrscheinlich schon erfüllt."

Und selbst wenn nicht: Wie aus dem Büro der Drogenbeauftragten des Bundes, Marion Caspers-Merk, verlautete, gibt es keinen Gesetzes-Automatismus zum Rauchverbot. Der Prozess sei auf die vollen drei Jahre angelegt, erst dann werde über ein Gesetz nachgedacht. Außerdem sei die momentane Überzeugungsarbeit der Dehoga "ziemlich rührig".