Global City Hamburg Der König von St. Georg
Der Aufzug ist eng und langsam, er braucht fast eine halbe Minute für die fünf Stockwerke, aber wenn er den Besucher schließlich ausspuckt in das Penthouse von Karl-Heinz Ramke, ist für einen Moment vieles von dem vergessen, um das es in dieser Geschichte gehen wird: Die Prostituierten, die Junkies, die Schwulen, die Moscheen, die Spekulanten, der Krieg um diesen Stadtteil - hier oben scheint dies alles plötzlich sehr unwirklich.
Karl-Heinz Ramke, 67, den die meisten nur Kalle nennen - braune Lederschuhe, grauer Anzug, grauer Hut -, steht in seinem Dachgarten auf dem Rasen zwischen Weinranken, Tomaten, Lotusblüten und französischem Lavendel. Er hat das linke Bein leicht eingeknickt vor das rechte gestellt, die Arme ausgebreitet: Rechter Hand im Westen flattern die weißen Segel auf der Alster, vor ihm im Süden ragt der St.-Georg-Kirchturm empor, daneben der mächtige Hauptbahnhof. Im Osten die neuen Bürotürme von Philips und IBM und im Norden, gleich nebenan, das Penthouse von Götz George: Dies ist Karl-Heinz Ramkes St. Georg.
Er selbst würde das so nie sagen, weil er weiß, was sich gehört, aber denken tut er es - mit einigem Recht - schon. Er sagt also stattdessen: "Wenn ich meine Freunde aus dem Golfclub einlade oder wir mal im Cox um die Ecke essen wollen, fragen die mich, ob sie denn ihr Auto hier parken können! Das würde doch bestimmt aufgebrochen. Verrückt."
Slawa Drozdow, Ramkes ungefähr 30 Jahre jüngerer, sehr gut aussehender Lebensgefährte, der nun aus dem Obergeschoss des Penthouse auch auf die Terrasse getreten ist, nickt. Ramke sagt, bei seinem Porsche sei eigentlich noch nie etwas passiert. Slawa streckt seinen Kopf über die Brüstung, blickt fünf Stockwerke nach unten.
Da unten auf den Straßen, auf der Langen Reihe oder der Schmilinskystraße, nennen manche den Mann, der hier oben in einem 200-Quadratmeter-Penthouse mit Slawa lebt, den König von St. Georg.
Sein erstes Haus hier hat 170.000 Mark gekostet und lag in der Schmilinskystraße, jener Straße, in der er auch heute wohnt. Das war vor genau 30 Jahren, 1977. Damals standen um die Ecke auf dem Bürgersteig der Langen Reihe noch Hausfrauen, die sich für Geld anboten, und in einem Fenster im ersten Stock eines Eckhauses Lange Reihe und Schmilinskystraße saß ein Pudel neben einer roten Lampe. Das hieß, man konnte hineingehen und gegen Bezahlung mit Erika schlafen. St. Georg war ein Gossenviertel, die Stadt hatte es abgeschrieben, es sollte ja längst abgerissen sein, Ende der siebziger Jahre.
Ramke lebte damals noch in Winterhude, bei seiner Frau und den zwei Kindern, einem Sohn und einer Tochter. Er war gerade zu einem der beiden Inhaber von Haueisen Immobilien aufgestiegen und verdiente bald gutes Geld. Er ließ also das für 170.000 Mark erworbene Jugendstilhaus sanieren und wandelte die Mietswohnungen um in Eigentumswohnungen.
Inzwischen hat Ramke mehr als 30 Häuser gekauft, ungefähr 400 Wohnungen und Geschäftsräume sanieren lassen und wieder verkauft, 200 Wohnungen und Läden besitzt er noch selbst, vermietet an Geschäfte und Lokale auf der Langen Reihe, darunter der Laden von Petra Teufel, wo es Anzüge von Dior zu kaufen gibt, oder das Café Gnosa, das wohl berühmteste Schwulencafé Deutschlands.
Karl-Heinz Ramke hat diesen Stadtteil verändert, das bestätigen alle in St. Georg. Doch der Stadtteil hat auch das Leben von Karl-Heinz Ramke verändert. Ungefähr zehn Jahre nachdem er sein erstes Haus in St. Georg gekauft hat, mit 48, verlässt er seine Familie, verlässt Winterhude, zieht selbst nach St. Georg, zieht dorthin, wo Mitte der achtziger Jahre immer mehr Schwulenbars eröffnen, und gesteht seiner Frau und seinen Kindern und vor allem sich selbst seine Homosexualität.
Nun lebt Ramke also in einem der schwulsten Stadtteile Deutschlands. Mit dem Café Gnosa fing vor 20 Jahren alles an, heute gibt es auf der Langen Reihe und ihren Stichstraßen gen Osten einen schwulen Buchladen, eine schwule Videothek, einen schwulen Wäscheladen, diverse Cafés, Nachtbars und auf der Danziger und der Rostocker Straße auch ein paar düstere Läden, an deren Eingängen Warnschilder Minderjährigen den Eintritt verbieten. Karl-Heinz Ramke hat in seinem zweiten Leben hier seinen Frieden gemacht. Und niemals, sagt er, habe er in all dieser Zeit einen Mieter aus einer Wohnung herausgeworfen. Darauf sei er stolz.
Wie ist also das Verdienst von Karl-Heinz Ramke zu beurteilen? Fragt man Michael Joho, erntet man einen skeptischen Blick. Joho, 49, ist der Vorsitzende des Einwohnervereins St. Georg und betreibt die "Geschichtswerkstatt" am Hansaplatz. Weil es gerade einmal nicht regnet, hat er sich einen Stuhl vor das Büro auf den Hansaplatz gestellt und raucht eine Gauloise.
Hier, lächerliche 200 Meter von Ramkes hübscher Langen Reihe entfernt, ist noch das andere, das alte St. Georg zu besichtigen: jener Stadtteil, in dem im Jahr 2004 auf 1000 Einwohner 1588 Straftaten kamen, statistisch gesehen also jeder einzelne Bürger mehr als einmal Opfer eines Verbrechens geworden sein müsste; jener Stadtteil, der in den neunziger Jahren die höchste Polizistendichte Europas aufwies und in dem bis heute circa ein Dutzend muslimische Gebetshäuser stehen, darunter die al-Kuds-Moschee, in der Mohammed Atta vor dem 11. September Allah um Vergebung bat.
Toleranz gegenüber den Randständigen hat das Leben in St. Georg bestimmt
Vor dem Brunnen auf dem Hansaplatz stehen ein paar Säufer mit Bierbüchsen in der Hand, ein paar Meter in eine Seitenstraße hinein sitzen drei junge Männer auf Treppenstufen und kochen Heroin auf. Das sehe man hier eigentlich nur noch selten, sagt Joho. Die neuen Videokameras, die die Polizei an allen vier Ecken des Hansaplatzes montiert hat, erfassen die drei Männer nicht.
Michael Joho sagt, er sei ziemlich wütend. Diese Wut bleibe seit Jahren stabil. Ja, Ramke, das findet auch Joho, sei ein kluger, höflicher, langfristig denkender Mensch. Und doch liegt es an Leuten wie ihm, dass Joho sich das Leben in St. Georg bald nicht mehr wird leisten können. "Seit gut zwanzig Jahren setzen sich Bewohner wie ich für die Verbesserung der Lebensbedingungen in diesem Viertel ein. Jetzt werden wir wegen der von uns geschaffenen verbesserten Lebensbedingungen selbst verdrängt. Ist das nicht absurd?"
Auch das Haus, in dem Joho wohnt, hat einst Ramke gehört. Ramke hat, wie immer, die Umwandlungen der Mietwohnungen in Eigentum vorbereitet - doch dann das Haus überraschend verkauft. Es lief auf Konfrontationen mit den Mietern zu, aber "Ramke wollte ja immer der Gute sein", sagt Joho, und hat sich deshalb zurückgezogen.
Der neue Eigentümer vollzog die Umwandlung, Joho bekam einen neuen Vermieter. Der hat das Recht, nach zehn Jahren Sperrfrist, Joho herauszuwerfen oder die Miete mit allem, was der Markt hergibt, zu erhöhen.
Joho hat hier - bei allen Problemen - gut leben können mit den Junkies, die heute fast verschwunden sind; er hatte nichts gegen die spindeldürren, bleichen Prostituierten, deren Not er erkannte. Joho sagt, Offenheit und Toleranz gegenüber den Randständigen der Gesellschaft habe traditionell das Leben in St. Georg bestimmt. Aber jetzt?
Dass die Straße verstopft sei von "Porscheähnlichen Zweisitzern"; dass allein in einem Jahr drei oder vier Weinläden eröffnet hätten, es aber keinen einzigen Schlachter gibt - all das sind für Joho die Symptome der "Aufschickung", ein Wort, das er häufig benutzt. Wenn man Joho so reden hört, könnte man ihn schnell für einen dieser Bürgerinitiativen-Aktivisten halten, für einen, der schon immer gegen alles war, ICE-Trassen, Flughafenerweiterungen, Umgehungsstraßen.
Aber so einfach ist es nicht. In St. Georg leben heute nur noch etwas mehr als 10.000 Menschen, vor zehn Jahren waren es über 12.000. Der Stadtteil entleert sich, die Familien sind weggezogen. St. Georg hat schon erlebt, was Wilhelmsburg jetzt möglicherweise bevorsteht. Die Mieten sind gestiegen, teilweise um 20 Prozent, seit vor knapp zwei Jahren die Straßen zwischen Langer Reihe und Alster im Hamburger Mietenspiegel von normaler in gute Wohnlage hochgestuft wurden.
Die Antwort, die Michael Joho auf solcherlei Klagen zu hören bekommt, lautet immer gleich: Das sind eben die Gesetze des Marktes - und warum soll ein Stadtteil, der mitten in der Stadt und gleich an der Alster liegt, eigentlich billig sein?
Dass der Markt hart ist und dass die, die ihn schröpfen wollen, zu allen Mitteln greifen - um das zu belegen, muss Michael Joho nur das Brandhaus erwähnen. Alle im Viertel nennen es so. Wie ein Wundmal steht es seit über zwei Jahren auf der Langen Reihe, ein ausgebranntes Jugendstilhaus. Es wurde angezündet, von wem, ist bis heute ungeklärt. Doch lange hielt sich in St. Georg das Gerücht, es habe es etwas mit der Vertreibung der alten Mieter zu tun.
Bewiesen wurde das nie, doch seit einigen Wochen ist nun in der Danziger Straße, ein paar hundert Meter von dem Brandhaus entfernt, im Souterrain eines hübschen Altbaus ein Verkaufsbüro eingezogen. Im Schaufenster lassen sich Grundrisspläne von den neuen, noch zu bauenden Wohnungen im Brandhaus anschauen. Man sieht mehrgeschossige Penthouses, Dachterrassen, Balkone, Innenhöfe, alles sehr schön. Und alle oberen Wohnungen sind schon vergeben.
Noch leben in St. Georg fast 35 Prozent Ausländer. Noch werden dem Amtsgericht St. Georg täglich Cracksüchtige vorgeführt. Noch erreichen die Grünen bei den Wahlen hier fast 30 Prozent.
Aber vor dem Brandhaus steht seit neuestem ein Baugerüst. Daran hängt ein riesiges Plakat, darauf ist zu lesen: Mitten in Hamburg. Mitten in St. Georg. Mitten im Leben.