Globalisierungs-Verlierer Deutsche Bier-Barone fallen tief
München - Anfang dieses Jahres ging die Globalisierung des deutschen Biermarkts mit der Übernahme der Hamburger Holsten-Gruppe durch die dänische Carlsberg Brauerei (Tuborg) weiter. Den Anfang hatte im Februar 2001 der niederländische Brauriese Heineken gemacht, der sich mit einer 49-prozentigen Beteiligung bei der Münchner Schörghuber-Gruppe (Paulaner, Kulmbacher) einkaufte. Wenige Monate später drängte damals der belgische Konzern Interbrew auf den deutschen Markt und übernahm für damals 3,5 Milliarden Mark die Bremer Becks-Brauerei.
Doch damit war der Durst der Belgier mit der Stammmarke Stella Artois noch lange nicht gestillt: Nach dem Düsseldorfer Altbier-Produzenten Diebels schluckte Interbrew ein Jahr später die Hannover Gilde-Brauerei mit Hasseröder Pils und schließlich kurz vor dem vergangenen Oktoberfest die Münchner Spaten-Franziskaner-Löwenbräu-Gruppe samt Dinkelacker und Sanwald Weizen.
Letzter deutscher Big-Player ist der Oetker-Konzern mit seiner Radeberger Gruppe und Marken wie DAB, Binding und Clausthaler. Mit der Übernahme der Dortmunder Brau und Brunnen AG (Jever, Schultheiß, Tucher) will die Oetker Gruppe derzeit zum größten deutschen Bierbrauer aufsteigen und Interbrew auf den zweiten Rang verbannen.
"Mangelnde Weitsicht, Tellerranddenken"
Den dritten Platz sichert sich noch das Familienunternehmen Bitburger, das sein Markensortiment aus Köstritzer und Wernesgrüner mit den Marken König Pils und Licher verstärkt, die bei der Holsten-Übernahme von Carlsberg übrig blieben.
Allerdings ist selbst die Oetker-Radeberger Gruppe als neuer Branchenführer mit 17,5 Millionen Hektoliter Jahresproduktion ein Zwerg gegen die ausländischen Biergiganten. Die belgische Interbrew will mit einem Zusammenschluss mit dem südamerikanischen Getränkekonzern AmBev größter Bierproduzent der Welt werden und erreicht dann einen Bierabsatz von 190 Millionen Hektolitern. Mit einem Weltmarktanteil von 14 Prozent lägen die Belgier damit vor den amerikanischen Großkonzernen Anheuser-Busch und SAB-Miller.
Warum gelang es ausgerechnet Belgiern, Holländern und Dänen zu Global-Playern aufzusteigen, nicht aber den Deutschen, die sich mit ihrem am 23. April 1516 beschlossenen Reinheitsgebot und langjährigen Weltrekorden im Pro-Kopf-Verbrauch als eigentliche Heimat des Gerstensafts fühlen? "Mangelnde Weitsicht, Tellerranddenken, Unabhängigkeitsfantasien und auch Eitelkeiten deutscher Bierbarone ließen ein Zusammengehen und damit eine globale Expansion deutscher Brauereien nicht zu", lautet die Antwort des Spaten-Franziskaner-Chefs Jobst Kayser-Eichberg.
Die deutsche Branche ist nach wie vor mittelständisch geprägt, auch wenn die zehn größten in- und ausländischen Großbraukonzerne drei Viertel des Marktes kontrollieren. Die Zahl der Brauereien ist in den vergangenen fünf Jahren geringfügig von 1285 auf 1268 Betriebe zurückgegangen.
Leere Kriegskassen, zunehmende Vergreisung
Den Aufbau eines international tätigen Bierkonzerns hemmte jedoch nicht nur die zersplitterte regionale Struktur, sondern die im internationalen Vergleich schwache Ertragskraft der deutschen Großbrauereien. Bei den oft von Erträgen aus historisch gewachsenen Immobilienbesitz verwöhnten Brauern wurden nicht selten über lange Jahre Verluste im eigentlichen Braugeschäft hingenommen. Anheuser Busch oder Heineken legten dagegen stets Wert auf zweistellige Umsatzrenditen und füllten ihre Kriegskassen.
Heute haben die deutschen Großbrauereien mit Überkapazitäten und Preisdruck im Handel zu kämpfen. Sorgen bereitet der Branche der seit Jahren sinkende Bierkonsum. Der Pro-Kopf-Verbrauch fiel seit 1975 von 148 Litern auf nur noch 118 Liter im vergangenen Jahr zurück. Spaten-Chef Kayser-Eichberg rechnet sogar damit, dass die Bierproduktion in Deutschland bis 2015 von heute 108 auf 79 Millionen Hektoliter zurückgeht.
Auch durch die "zunehmende Vergreisung in Deutschland", so betont der Spaten-Manager, "werden die Aussichten für Brauereien unserer Größenordnung immer problematischer". Ohne ein Ausweichen auf den Export mit Hilfe der die ausländischen Märkte kontrollierenden Brauriesen hätte sein Unternehmen kaum noch Chancen auf Wachstum.
Michael Pohl, AP