Glühende Landschaften - DER SPIEGEL
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BÖRSE Glühende Landschaften

Das boomende Geschäft mit Solarenergie treibt seltsame Blüten: Fragwürdige Anlageprodukte, schillernde Investoren und bisweilen skurrile Börsengänge erinnern an die wilden Zeiten des Neuen Marktes. Aktionärsschützer warnen vor den Risiken.
Von Beat Balzli
• aus DER SPIEGEL 16/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann kennt sich aus mit den Sonnenseiten des Lebens. Seit Jahren residiert der hochgewachsene Multimillionär Florian Homm, 45, in einem noblen Vorort von Palma de Mallorca und genießt die Vorzüge des milden Inselklimas.

Eingerahmt von Tennisplatz, Orangenhain, Schwimmbad und seinen drei Lieblingsschafen, spielt der braungebrannte Villenbesitzer mit Vorliebe ein undurchsichtiges Börsenmonopoly mit deutschen Aktien. Selbst die Pleitekicker von Borussia Dortmund sind vor ihm nicht sicher. Vor wenigen Monaten wurde er wegen Kursmanipulationen beim Autovermieter Sixt zu einer Buße verurteilt.

Homm nimmt solche Rückschläge gelassen und tummelt sich weiter auf dem deutschen Börsenparkett, gern auch in den Grauzonen. Neuerdings hat er allerdings eine strahlende Branche entdeckt: die Sonnenenergie. Homms in der Karibik installierter Hochrisikofonds kaufte Anfang März eine 13-prozentige Beteiligung an der Reinecke + Pohl Sun Energy. Kursgewinn der Hamburger seit Dezember: über 900 Prozent.

Wie zuletzt im Fieberwahn des Neuen Marktes stürzen sich Groß- und Kleinanleger wieder in ein vermeintliches Milliardengeschäft, diesmal in das mit der Sonnenenergie. Die im Januar 2004 vom Gesetzgeber drastisch erhöhten Traumpreise für die Einspeisung von Solarstrom sorgen im Finanzcasino für hohe Einsätze und strahlende Renditen. Steigende Ölpreise lassen die alternative Kraft beinahe täglich noch attraktiver erscheinen.

Wie im Rausch treiben die Investoren die Kurse von Anlageherstellern und -händlern nach oben. Deutsche Unternehmen wie Solarworld, Solon oder Sunways glänzten seit der neuen Förderoffensive mit Kurssteigerungen bis zu 1112 Prozent. Das gute Öko-Gewissen gibt''s kostenlos obendrauf.

Der Profit ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschenk des Himmels. Schmutzige Begleiterscheinungen wie radioaktive Endlager oder rußende Schornsteine, die den vermögenden Gutmenschen verschrecken könnten? Fehlanzeige. Mit Solarmodulen zugepflasterte Parkhausdächer stören im Gegensatz zu Windkraftanlagen niemanden - und schaffen auch noch Arbeitsplätze. In diesem Jahr rechnen Experten mit 20 000 neuen Jobs.

Egal, ob Aktien, Fonds oder Anleihen - nicht nur die Marketingfraktion der Finanzbranche wähnt sich im Paradies. In den Chefetagen der Ökostromer herrscht Euphorie wie einst bei den Stars der New Economy.

»Die Anleger sehen nur die hohen Renditen und den guten Zweck einer ökologischen Investition«, warnt Volker Pietsch,

Leiter des Deutschen Instituts für Anlegerschutz, »eine Kombination, die blind macht«. Zwar seien die Dimensionen kleiner als bei der Börsenhysterie Anfang des Jahrtausends, aber »Erinnerungen an die Auswüchse des zusammengebrochenen Neuen Marktes werden wach«, so Pietsch.

Im Stile von Thomas Haffa & Co. heizen die Solarbarone mit Jubelmeldungen und rosigen Prognosen die Kurse zusätzlich an. Der Wert kleiner Klitschen klettert schon wieder in astronomische Höhen.

Und auch die Analysten schüren die Begeisterung. Die Commerzbank prognostiziert für dieses Jahr Umsatzsteigerungen im hohen zweistelligen Prozentbereich. Beim Börsenneuling Conergy soll sich das Ergebnis verdoppeln. Im nächsten Jahr schafft die Truppe von Hans-Martin Rüter angeblich noch mal 30 Prozent - fast eine halbe Milliarde mehr als heute.

Doch könnte nicht der Mangel am produktionsentscheidenden Werkstoff Silizium den Höhenflug bremsen? Bauen die Hersteller jetzt blind teure Kapazitäten auf, die nach einer absehbaren Sättigung des Inlandsmarktes die Hoffnungsbranche schnell wieder abkühlen lassen? Könnte das mögliche Ende der rot-grünen Bundesregierung gar das Ende fürstlicher Einspeisevergütungen bedeuten? Und liegt die Zukunft der Solarenergie nicht sowieso in Spanien anstatt im Schlechtwetterstaat Deutschland?

Klare Antworten hat niemand. Darum wollen alle den Trend vergolden, bevor die Party vorbei ist. Aus der raschen Entzauberung der vermeintlichen Geldmaschine Windkraft haben viele Finanzmanager gelernt, dass Geschwindigkeit alles ist. Beinahe über Nacht mutieren nun immer neue Firmen zu solaren Hoffnungsträgern.

Die Aktionäre von Windwelt zum Beispiel erhielten vergangene Woche die Einladung für die diesjährige Hauptversammlung. »Der Name der Gesellschaft wird geändert in Solarparc Aktiengesellschaft«, heißt es unter Punkt 5 a der Tagesordnung. Mehrheitsaktionär von Windwelt ist der umtriebige Franz Asbeck, gleichzeitig Chef und Großaktionär von Solarworld. Dort hat Asbeck vor 14 Tagen schon mal kräftig Kasse gemacht und Aktien im Wert von über 14 Millionen Euro verkauft.

Clevere Geschäftsleute, schillernde Investoren und Glücksritter nutzen die Gunst der Stunde. Für einen soliden Unternehmensaufbau und eine bankenbegleitete Aktienemission im Stil der Ende März gestarteten Conergy bleibt da keine Zeit.

In der Disziplin Schnellschuss halten die Partner von Finanzakrobat Homm bundesweit den Temporekord: von null auf Börse in 80 Tagen. Anfang Oktober 2004 stellte die Windkraftfirma Reinecke + Pohl Neue Energien AG die ersten beiden Projektingenieure für Solaranlagen ein. Kurz vor Weihnachten gaben die Firmeninhaber den Kauf des leeren Börsenmantels der insolventen BK Grundbesitz & Beteiligungen AG bekannt. Anschließend packten sie eine Projektgesellschaft namens Meridian sowie ihre solare Minisparte mit inzwischen zwölf Angestellten und 1,4 Millionen Euro Umsatz hinein - fertig war die börsennotierte Solarrakete namens Reinecke + Pohl Sun Energy AG (RPSE).

Noch ein wenig unbeholfen sitzt das neue Topmanagement im ersten Stock eines Glaspalastes im Herzen Hamburgs. Für den Druck von Visitenkarten oder gar Geschäftsberichten reichte die Zeit offenbar nicht. »Wir wollten rasch im Solarmarkt Fuß fassen«, gibt Vorstandssprecher Martin Schulz-Colmant zu. Der Kauf eines Firmenmantels sei schneller und günstiger als ein herkömmlicher Börsengang.

Von Vergleichen mit den Potemkinschen Dörfern des Neuen Marktes wollen die Beteiligten nichts wissen. Aus der Entstehungsgeschichte der RPSE könne man zwar einen »dampfenden Cocktail« zusammendichten, doch mit der Wahrheit habe das nichts zu tun, meint Philip Moffat, der die Börsenhülle besorgt hat.

Der Aktienkurs der Firma liegt bei knapp zehn Euro, acht Euro mehr als noch vor Weihnachten. Über 90 Prozent der Aktien kontrollieren Homm und die Firmengründer von Reinecke + Pohl. »Wir gehen die Wette ein«, kommentiert Homm die wundersame Geldvermehrung, »es können allerdings nicht alle gewinnen.«

RPSE hat jetzt schon einen Wert von beinahe 25 Millionen Euro - ohne auch nur eine Großanlage abgesetzt zu haben. Diese Woche werde man »den Verkauf unseres ersten Mega-Watt-Projektes an einen

Fonds bekannt geben«, sagt Schulz-Colmant, der für 2005 mit einem Umsatz von 30 Millionen Euro und üppigem Gewinn rechnet. Nicht zuletzt im Osten der Republik sieht er auf den Dächern von Industriebetrieben und Schweinemästereien glühende Solarlandschaften entstehen.

Doch der schnelle Weg zum Geld führt nicht nur über die Börse. Seit die Banken wegen der ins Straucheln geratenen Windkraftbauern die Kredite im Bereich erneuerbarer Energien zurückgeschraubt haben, versucht ein Teil der Branche, die Kleinanleger direkt anzupumpen. Mit hochverzinsten Unternehmensanleihen werden enorme Summen eingespielt.

Vergangenen Donnerstag etwa jubelten die Macher der Erlanger Solar Millennium AG, dass eine 20-Millionen-Euro-Anleihe zu 6,75 Prozent »voll platziert« sei. Berauscht vom Erfolg, schoben die Bayern gleich eine zweite hinterher.

Die eifrigsten Sammler der Branche gehen jedoch im Norden auf Investorenjagd. Die 80-köpfige Vertriebskolonne der European Energy Consulting Holding (EECH), einer Tochter des windkraftgebeutelten Börsenleichtgewichts P&T Technology, drückt derzeit eine 30 Millionen Euro schwere »Euro Anleihe Solar« mit 8,25 Prozent Zinsen in den Markt. Zuvor haben die Hamburger bereits eine halbe Milliarde Euro für Windkraftfonds besorgt.

Im Newsletter »Zinsen.Info« vom März dieses Jahres verlieren die Macher der EECH kein Wort über die Risiken einer solchen Anleihe, mit der Großprojekte in Spanien und Dresden realisiert werden sollen. Stattdessen appellieren sie an das »ökologische Verantwortungsbewusstsein« und schwärmen bereits von »Solarstrom für 1 Mrd. Menschen«. Wer die »zinsmächtige Anleihe« seinen Freunden weiterempfiehlt, darf bei Karstadt & Co. einen 50-Euro-Gutschein einlösen.

Aktionärsschützer sind schockiert: »Sicherheitsorientierte Anleger sollten einen weiten Bogen um diese Angebote machen«, rät Experte Pietsch. Es bestehe kein Einlagensicherungssystem zum Schutz des eingesetzten Kapitals vor einem Totalverlust. Wer die 88 Seiten des Verkaufsprospektes durchackert, erfährt nicht nur die wahren Risiken, sondern auch die Bedenken der Wirtschaftsprüfer der EECH. Für das Geschäftsjahr 2003 konnte laut Bilanzexperten der Nachweis über ein Guthaben in der Türkei in Höhe von rund 280 000 Euro »nicht geführt werden«.

Auch die Aufwendungen für Start und Erweiterung des Geschäftsbetriebes in Höhe von 1,95 Millionen Euro erschienen den Prüfern fragwürdig. »Wir können die Wertansätze dieses Postens nicht hinreichend sicher beurteilen«, schrieben sie.

Der Kopf der EECH und ihrer Konzernmutter P&T heißt Tarik Ersin Yoleri. Er und sein Team residieren in einer prunkvollen Villa am Pöseldorferweg 36, eine der feinsten Adressen Hamburgs. Der Hobby-Karateka Yoleri gibt sich kämpferisch: »Wir sind keine Trickbetrüger, ich gehe jeden Sonntag zu meiner Mutter essen«, kontert er die Kritik der Anlegerschützer. Die Bedenken der Wirtschaftsprüfer seien erklärbar, das Geld liege beim türkischen Schatzamt. Nur das Marketing sei »vielleicht ein bisschen zu aggressiv«, gibt er zu.

Jahrelang brachte das Verkaufstalent als Subunternehmer der Appel Grundvermögen AG im Osten und in Berlin Steuersparimmobilien an den Mann. Hunderte Wohnungen vertickte Yoleris Mannschaft jedes Jahr. Rustikales Marketing war schon damals angesagt. Die Vertriebsleute für seinen Rentafonds wurden auf Messen mit Viagra-Pillen aus Traubenzucker gelockt. »Hält die Kunden bei der Stange«, hieß der Spruch zum Erfolgsdoping.

Anfang 2001 rutschte Appel mit einem riesigen Schuldenberg in die Pleite. Seither ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft gegen Yoleri und weitere Manager wegen des »Verdachts auf Insolvenzverschleppung und Untreue«, bestätigt ein Sprecher.

Yoleri glaubt an die Einstellung des Verfahrens: »Ich war nur acht Wochen in der Geschäftsleitung und habe nichts Illegales getan.« Jetzt herrscht der Kunstsammler über ein schwer durchschaubares Firmennetz mit Ablegern in ganz Europa. Seinen feudalen Bürositz hat er mit Skulpturen und Gemälden voll gepackt. »Die P&T-Gruppe wird in naher Zukunft sehr dynamisch wachsen. Vielleicht schaffen wir es auch mal in den Dax«, träumt Yoleri laut.

Wettkönig Homm verfolgt derweil bescheidenere Ziele. Im nächsten Jahr möchte er sich auf dem Dach seiner Villa eine Solaranlage installieren lassen. »Bei den hohen Ölpreisen lohnt sich das sogar ohne Subventionen.« BEAT BALZLI

* Am 17. März beim Börsengang in Frankfurt am Main.

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