GM-Europa-Chef Forster: "Alles andere als rückständig" - DER SPIEGEL
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GM-Europa-Chef Forster "Alles andere als rückständig"

Absatzeinbrüche auf dem US-Markt, Insolvenzgerüchte, Kurssturz - General Motors steckt tief in der Krise. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Europa-Chef Forster, wie der strauchelnde Riese wieder auf die Beine kommen will.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Forster, General Motors hat in den USA dramatische Umsatzeinbrüche zu beklagen. Die eben noch begehrten Pick-ups und SUVs stehen in Massen auf der Halde. Jüngst machten sogar Gerüchte von einer möglichen Insolvenz die Runde. Droht die Zahlungsunfähigkeit?

GM-Europe-Chef Forster: Starker Euro bedeutet für Opel ein Problem

GM-Europe-Chef Forster: Starker Euro bedeutet für Opel ein Problem

Foto: AP

Forster: Diese Gerüchte sind aus der Luft gegriffen. Im Übrigen sind die Verkaufseinbrüche eindeutig auf zwei Ursachen zurückzuführen, die außerhalb unseres Machtbereichs liegen: Zum einen auf den exorbitanten Anstieg der Kraftstoffpreise, zum anderen auf die Immobilienkrise, die dazu geführt hat, dass die Amerikaner ihr Geld jetzt sorgfältiger hüten. Auch diejenigen, deren Vermögen gar nicht betroffen ist, fühlen sich jetzt arm. Richtig aber ist auch, dass wir die Restrukturierung des US-Geschäfts in den kommenden eineinhalb Jahren hinbekommen müssen. Dabei helfen uns übrigens die nach wie vor guten Einnahmen aus Lateinamerika, dem Mittleren Osten, Asien, Russland und nicht zuletzt Europa.

SPIEGEL ONLINE: Zeitungsberichten zufolge will sich GM von einigen Konzerntöchtern trennen. Welche Marken sind betroffen?

Forster: Der Verkauf von Hummer wird diskutiert. Die Berichte, dass andere Marken zur Disposition stehen, sind reine Spekulation.

SPIEGEL ONLINE: Sparsame Autos lassen sich nicht über Nacht aus dem Hut zaubern. Wie lange wird es dauern, bis GM wieder eine konkurrenzfähige Modellpalette anzubieten hat?

Forster: Ihre Frage zielt speziell auf den nordamerikanischen Markt. In Europa haben wir eine Vielzahl sparsamer Fahrzeuge im Angebot. Und auch in Nordamerika bieten wir bereits einige sparsame Fahrzeuge an, darunter auch solche mit Hybridantrieb. Weitere werden in den nächsten Monaten folgen. Derzeit treiben wir auch mit Hochdruck die E-Flex-Technologie voran: Hier liegt der Schwerpunkt beim Elektroantrieb, der nur durch einen kleinen Verbrenner unterstützt wird, um die Reichweite zu erhöhen. Das Konzept soll bis 2011 auch von Chevrolet und Opel unter dem Namen Flextreme angeboten werden.

SPIEGEL ONLINE: Neuerdings gibt sich GM betont umweltfreundlich. Jüngst haben Sie eine Solarkraftanlage auf den Dächern Ihres Werkes in Saragossa eingeweiht. Soll das der Kostenersparnis dienen - oder der Imagepolitur?

Forster: Die Ersparnis ist nicht unerheblich. Insgesamt erwarten wir, dass die Solaranlage rund 25 Prozent der benötigten Energie liefert. Das Projekt hat aber auch einen politischen Aspekt. Immerhin bringen wir mit der Einführung der Elektro- und Brennstoffzellenantriebe ein Motorkonzept auf den Markt, für das erst eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden muss. Die Anlage in Saragossa liefert uns hier wertvolle Erkenntnisse.

SPIEGEL ONLINE: Die Hinwendung zum Elektroantrieb klingt nach einem Radikalschwenk. Immerhin galt General Motors aus dem Blickwinkel von der Europäer bisher eher als technisch rückständiger Automobilhersteller, der spritfressende Geländewagen und Pick-ups herstellt.

Forster: Diejenigen, die GM wirklich kennen, urteilen offensichtlich anders. In einer weltweiten Umfrage von "Businessweek" und einem führenden Beratungsunternehmen landete GM unter 300 Firmen auf Platz 17 der technologisch führenden Unternehmen. GM investiert schon seit Jahren in die Entwicklung neuer Antriebskonzepte. Als Stichworte nenne ich nur die Brennstoffzelle und den Wasserstoffantrieb. In den vergangenen Jahren haben wir zusätzlich noch den Hybridantrieb mächtig vorangetrieben. Dazu zählen der Voll-Hybrid mit einem starken Elektromotor, der allein für Vortrieb sorgen kann, oder auch der Mild-Hybrid, der einen kleineren und sparsameren Verbrennungsmotor erlaubt. Das ist alles andere als rückständig.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest an der Börse ist diese Botschaft noch nicht angekommen. Immerhin fiel der Wert der GM-Aktie - getrieben von den Insolvenzgerüchten - im Juli erstmals seit Anfang der fünfziger Jahre unter die Zehn-Dollar-Marke. Die Investment-Bank Merrill Lynch geht sogar davon aus, dass der Kurs bis auf sieben Dollar rutschen könnte.

Forster: Natürlich sind wir auch aufgerufen, die Kosten der Ertragslage anzupassen. Gleichzeitig lassen sich in vielen Bereichen des Konzerns noch weitere Barmittel freischaufeln. Möglicherweise werden wir auch Chancen nutzen, die der Kapitalmarkt bietet, aber darüber ist noch nicht entschieden. Solche Überlegungen könnten vor allem für große Investoren interessant sein.

SPIEGEL ONLINE: Besteht die Gefahr, dass auch die europäischen GM-Töchter von der Krise in Nordamerika in Mitleidenschaft gezogen werden?

Forster: In Europa leiden wir nach wie vor unter einem hohen Kostendruck, allein schon durch den starken Euro und die Preissteigerungen bei Rohstoffen wie Stahl oder Aluminium. Auch die hohen Benzinpreise machen uns zu schaffen. Derzeit kaufen die Kunden vornehmlich Autos mit kleineren Motoren, die eine geringere Rendite bringen. Das betrifft aber nicht nur GM, sondern auch die anderen Autohersteller. Für uns ist also die Frage wichtiger, wie wir unser Europageschäft profitabel betreiben können, weniger die Situation in den USA.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit hat Opel noch das Nachsehen gegenüber den GM-Modellen aus Asien. Die neuen Kleinwagenmodelle, die GM unter der Marke Chevrolet verkauft, kommen aus Korea. Kommt der Marke Opel innerhalb des Konzerns nicht zu wenig Gewicht zu?

Forster: Der starke Euro macht für Opel die Sache auch innerhalb des GM-Konzerns nicht leichter. Aber dass in vielen anderen Märkten der Welt die Marke Chevrolet die größere Rolle spielt, hat oft auch historische Gründe - in anderen Regionen wiederum ist Opel eine ganze Stufe über Chevrolet angesiedelt. In Russland zum Beispiel verzeichnen wir erfreuliche Verkaufszuwächse im oberen Preissegment. Das bestverkaufte GM-Modell in Europa ist der Opel Corsa. Bei der isolierten Betrachtung nach Marken bleibt allerdings außer Acht, dass die Zusammenarbeit der Entwicklungsabteilungen über alle Konzernmarken hinweg sehr eng ist. Insgesamt betrachtet spielt Opel also sehr wohl die Rolle, die der Marke zukommt. Entsprechend werden wir weiter in Opel investieren.

SPIEGEL ONLINE: Müssen sich die Opel-Beschäftigten trotzdem auf weitere Sparmaßnahmen einstellen?

Forster: Was die Produktivität angeht, stehen wir in den europäischen Werken derzeit gut da. Das Sparpotential dürfte ausgeschöpft sein, wenn man die routinemäßige Weiterentwicklung einmal außen vor lässt.

SPIEGEL ONLINE: Entlassungen in den Opel-Werken sind in der nächsten Zeit also nicht zu befürchten?

Forster: Im Sinne einer Restrukturierung jedenfalls nicht. Natürlich werden wir hier und da einmal auf die Neubesetzung einer frei gewordenen Stelle verzichten, aber das ist schließlich der normale Lauf der Dinge. In anderen Bereichen suchen wir sogar händeringend neue Leute - Elektroingenieure zum Beispiel.

Das Gespräch führte Michael Kröger