Gold "Im Preiszyklus ganz unten"
SPIEGEL ONLINE:
Die Goldnachfrage kam in den letzten Jahren kaum vom Fleck. Platin gilt als chic, Gold wird teilweise als vulgär und proletarisch abgetan. Lohnt es sich überhaupt noch, Gold im großen Stil abzubauen?
Bobby Godsell: Ja. Allein im vergangenen Jahr kauften 800 Millionen Menschen weltweit Gold in Form von Schmuck und Accessoires. Viel mehr Gold als Platin wird zu Schmuck verarbeitet. Richtig ist, dass in den neunziger Jahren eine Art minimalistischer Modestil herrschte: Nur Schwarz und Weiß. Davon hat Platin profitiert. Allerdings hat die Nachfrage nach Gold im ersten Quartal 2001 angezogen - gerade in den USA.
SPIEGEL ONLINE: Sie hoffen also auf ein Comeback des Goldes?
Godsell: Wir bewegen uns zu einer neuen Mode hin. Es wird wieder mehr Wert auf Wärme gelegt. Und Gold ist wärmer als Platin.
SPIEGEL ONLINE: Beim Goldpreis ist von einer Trendwende aber nicht zu spüren. Seit einem Jahr klebt der Preis pro Unze auf einem niedrigen Niveau um die 260 Dollar. Ist Anglogold überhaupt noch profitabel?
Godsell: Ja. Im letzten Jahr erzielten wir 300 Millionen Dollar Gewinn. Der Kurs unserer Aktie hat in den letzten 8 Monaten um rund die Hälfte an Wert gewonnen.
SPIEGEL ONLINE: Im Mai legte der Goldpreis sogar eine kleine Hausse hin. Warum kann sich der Kurs ihres Produktes nicht länger oben halten?
Godsell: Der Goldpreis muss in einer langfristigen Perspektive gesehen werden. Und: Er ist relativ unabhängig vom Konjunkturzyklus. Mehr als 150 Jahre, bis zum Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der Siebziger Jahre, war der Goldpreis reglementiert. Dann, Anfang der achtziger Jahre schoss er auf 800 Dollar pro Unze hoch. Bis in die neunziger Jahre pendelte der Preis bei rund 600 Dollar pro Unze. Jetzt befinden wir uns im langfristigen Preiszyklus ganz unten.
SPIEGEL ONLINE: Wird Gold als Alternative zu schwachen Währungen wie dem Euro interessant?
Godsell: Ich sehe Gold nicht als Ersatz für Währungen. Aber Gold passt sehr gut in jedes Portfolio, weil es Risiken streut und weil es langfristige Stabilität garantiert. Nicht umsonst haben alle großen Zentralbanken Gold in ihren Tresoren. Als die Bundesbank gegründet wurde, vertraute sie nur zwei Medien als Reserve: US-Bundesanleihen und Gold.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt aber stoßen die wichtigsten Notenbanken Gold im großen Stil ab. Allein die Schweizer Nationalbank trennt sich von 1300 Tonnen...
Godsell: Das sind ganz normale Umstrukturierungen im Portfolio. Aber: Die großen europäischen Zentralbanken haben sich verpflichtet, den Markt nicht zu überschwemmen. Der Preis wird durch die geregelten Verkäufe der Notenbanken kaum gedrückt.
SPIEGEL ONLINE: Anglogold kauft Minen überall in der Welt - in Australien, Afrika, Südamerika. Werden Sie ihrer Heimat Südafrika, wo das Schürfen sehr kostenintensiv ist, den Rücken kehren?
Godsell: Nein. Rund zwei Drittel der Produktion erzielt Anglogold am Kap. Mein Ziel ist es aber, den Anteil des Goldes am Gesamtumsatz von Anglogold zu senken. Es ist ungesund, nur von einem Produkt abhängig zu sein - auch wenn es Gold ist.
SPIEGEL ONLINE: Südafrikas Wirtschaft war lange auf das Goldgeschäft fixiert. Hat sich die Abhängigkeit von dem Edelmetall gelockert?
Godsell: Die gesamte Branche schrumpft. Zu Beginn der siebziger Jahre förderte die südafrikanische Industrie etwa 1000 Tonnen im Jahr. Jetzt haben wir Mühe, 500 Tonnen zu gewinnen. Und die Zentralbanken verkaufen inzwischen mehr Gold als Südafrika fördert. Insgesamt hat der Bergbau in Südafrika seine dominante Position verloren. Andererseits erlebt das Land den längsten Goldrausch in der Geschichte der Menschheit. Wir beuten immer noch die Minen aus, die wir vor 125 Jahren erschlossen haben.
Das Interview führten Jan Dirk Herbermann und Christoph Pauly.