Goldenes Grab - DER SPIEGEL
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SPEKULATION Goldenes Grab

Gerüchte über angebliche Funde von Gold und anderen raren Stoffen treiben immer wieder die Kurse von Minenaktien explosionsartig in die Höhe - meist zum Nutzen von Ganoven.
• aus DER SPIEGEL 16/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gut gelaunt rief Michael de Guzman, 40, seine Frau an. Zum Hochzeitstag möge sie doch schon mal einen Tisch im Restaurant reservieren. Dann stieg der Geologe in einen Hubschrauber, 17 Minuten später war er tot.

Am nächsten Tag konnte Ehefrau Lilis in den Zeitungen lesen, ihr schwerkranker Mann sei auf dem Flug von Balikpapan zur Goldmine der Bre-X Minerals in Ost-Borneo aus dem Helikopter gesprungen. Das habe die Polizei herausgefunden. Frau Guzman mag es nicht glauben.

Der Tod in den Tropen gedieh zu einem Wirtschaftskrimi. Es ist eine Geschichte vom plötzlichen Reichtum einst bettelarmer Schürfer aus Kanada, von Goldrausch und Geldgier.

Firmengründer David Walsh ging 1993 pleite, die Aktien seiner Bre-X waren nur wenige Cent wert. Doch plötzlich fanden seine Chefgeologen Guzman und John Felderhof in der grünen Hölle Borneos angeblich eine der größten Goldadern der Welt.

Wenigstens 30 Millionen Unzen seien zu finden, flunkerten die Firmenbosse, vielleicht auch 95 oder gar 200 Millionen. Spekulanten und Börsengurus handelten die Aktie als Geheimtip. Und sogar die Familie des indonesischen Präsidenten Suharto orderte Bre-X-Papiere. Die Aussicht auf gigantische Gewinne trieb den Kurs bis auf fast 20 Dollar.

Vielleicht sind die Papiere gar nichts wert. Denn Gold wurde bisher überhaupt nicht gefördert, es gibt lediglich einige Gesteinsproben. Darin seien, so heißt es nun, lediglich »unbedeutende Goldmengen«. Prompt stürzte der Kurs unter zwei Dollar. Das ASIAN WALL STREET JOURNAL wittert »den größten Schwindel des Jahrhunderts«.

Gaunereien wie bei Bre-X Minerals sind keineswegs selten, und sie sind auch nicht neu. Schon immer haben windige Abenteurer von sagenhaften Funden in fernen Ländern fabuliert, stets haben sie leichtgläubige Geldgeber gefunden.

Die verborgenen Schätze der Natur galten, seit es Börsen gibt, als sprudelnde Quellen des Reichtums für Zocker: Durch Beteiligungen an Perlenfischereien in Kolumbien wie an Kupferminen im früheren Rhodesien, vor allem aber an Ölquellen und Goldgruben.

Bald nachdem die ersten Arbeiter in Transvaal einige Nuggets aus dem Sand gesiebt hatten, träumten europäische Aktionäre von einem Märchen aus 1001 Nacht, als hätten sie die Schatzhöhle des Ali Baba entdeckt. In Wirklichkeit sind die meisten unter die Räuber gefallen, nur wenige haben tatsächlich profitiert.

Der Schotte John Law hat eindrucksvoll demonstriert, wie das Spiel funktioniert. Bereits am Anfang des 18. Jahrhunderts narrte er betuchte Pariser mit seiner Mississippi Gesellschaft. Indianer würden dicke Goldfunde abliefern, wenn man ihnen zum Tausch einige Glasperlen anbiete, behauptete er und präsentierte als Beweis handkolorierte Stiche.

Die Franzosen glaubten Laws Fabel, die Aktien wurden ihm aus den Händen gerissen. Die Kompanie konnte kaum schnell genug frische Papiere nachdrucken. Und der Kurs schnellte auf das 36fache des Nennwertes hoch.

Im Jahr 1720 platzte der Ballon. Der Aktienkurs brach zusammen, die Notenbank ebenfalls. Law hatte den ersten Börsenkrach und die erste Inflation zugleich ausgelöst. Völlig verarmt starb der verstoßene Schotte im Exil in Venedig.

Spekulationswellen um Rohstoffwerte durchziehen seither die Börsensäle in Paris wie in London, von Kanada bis Australien.

Die Gaunerei funktioniert noch heute, doch die Methoden sind raffinierter geworden, die Manipulanten gerissener. Zunächst präsentieren die Drahtzieher einen glaubwürdigen Geschäftszweck. Sie würden ganz in der Nähe einer ergiebigen Mine bohren, so eine beliebte Legende, oder in einem stillgelegten Schacht nachgraben.

Dann wird der Firmenmantel einer kanadischen Gesellschaft gekauft, die bereits an der Börse gelistet ist. Kanada ist nicht nur das Land der Geologen, sondern auch Heimat für Zockerbörsen wie Calgary, Vancouver oder das Canadian Dealer Network (CDN). Dort ist die Aufsicht allemal lascher als in den USA. Die Company erhält einen neuen wohlklingenden Namen. Große Mengen Pennystocks werden gedruckt. Das sind Pfennig-Aktien im Nennwert von einem Cent oder weniger.

Plötzlich kursieren Gerüchte von prächtigen Funden der noch unbekannten Gesellschaft. Ein angeblich renommierter Geologe könne das mit Gutachten untermauern. Nun werden die Pfennig-Aktien zu steigenden Kursen dem Publikum angeboten.

Die Kurse steigen schnell weiter, denn manche Broker erstellen schöne Studien, einige Geldhäuser und Börsendienste helfen mit besten Empfehlungen.

Die Anleger können kaum prüfen, ob der angeheuerte Geologe tatsächlich korrupt ist oder ob ihm nur eine Schaufel voll Sand mit angereicherten Goldklumpen untergeschoben worden ist. Noch weniger können sie wissen, daß sich die Geschäftsführer und ihre Hintermänner nicht nur an den wertvoll gewordenen Aktien bereichert haben. Denn zumeist ordern die zugleich auch Optionen, sogenannte Warrants.

Die Gauner machen rechtzeitig Kasse, bevor der Kurs endgültig abstürzt. Während die Anleger noch fest an ihre Hoffnungswerte glauben, sind die Macher längst untergetaucht.

Sie haben inzwischen die nächste Firma gegründet. Neues Spiel, neues Glück. Und wieder gibt es vermeintlich todsichere Tips, spektakuläre Funde und Aktienkurse, die in unermeßliche Höhen steigen.

Die Delgratia Mining Corporation etwa schürft in Nevada wie Bre-X Minerals in Indonesien nach Gold. Die Spekulation blühte kurz, aber heftig. Der Kurs stieg von 2 auf 33 Dollar, vor einem Monat stürzte er schier senkrecht bis auf 10 Dollar.

Ein ähnliches Debakel erlebten Aktionäre jüngst mit Papieren der Even Resources, die nach Kupfer und Gold in Saudi-Arabien forscht, aber gar keine Lizenz hat. Die Arakis Energy prahlte schon mit fabelhaften Funden von Öl und Gas im Sudan. Der Kurs stieg von 5 auf 25 Dollar, dann fiel er auf 5 Dollar zurück.

Die Consolidated Ramrod will Nordkanada und Südamerika nach Bodenschätzen abklopfen, vor allem nach Öl und Gold. Die Aktie wurde von Banken zum Kurs von 25 Dollar empfohlen. Leider hat die Firma nichts gefunden, sie wurde in Quest International Resources umbenannt. Das Brokerhaus Dominick & Dominick und die PR-Agentur GlobeMedia hatten vorher zum Kauf geraten. Der Rest von Quest ist nun für rund einen Dollar pro Aktie zu haben.

Pech hatten auch Investoren, die mit Dünger reich werden wollten. Die Asia Pacific Resources hatte riesige Mengen von Pottasche in Thailand geortet. Der Kurs kletterte auf fast acht Dollar, in den vergangenen vier Wochen brach er bis auf drei Dollar ein.

Auch deutsche Anleger haben schon reichlich Geld in abgebaute Minen und ausgetrocknete Bohrlöcher gesteckt, etwa bei den Firmen Liac, Doil Oil, TRV Minerals Iona Industries oder Highland Queen Mines.

Hinter diesen angeblichen Werten steckten zumeist altbekannte »Vermögensvernichter« (GERLACH-REPORT) vom sogenannten grauen Kapitalmarkt wie Manfred Ommer, Wolfgang Rauball und sein Bruder, Rechtsanwalt Reinhard Rauball, lange Zeit Präsident beim Fußballklub Borussia Dortmund. Die zwielichtigen Geschäftemacher, die von angeblichen Rohstoffvorkommen profitieren, werden, ganz anders als der Schotte Law, heutzutage selten entlarvt und niemals bestraft. Ihre Gewinne haben sie allemal sicher untergebracht.

Bre-X-Chefgeologe John Felderhof hat sein Erspartes mit Aktien und Optionen um 40 Millionen Mark gemehrt. Firmengründer David Walsh hat einen Notgroschen rechtzeitig auf den Bahamas zurückgelegt: umgerechnet mehr als 60 Millionen Mark.

Der aus dem Hubschrauber gestürzte Geologe Guzman nahm seine glänzenden Träume mit ins Grab. Am vorvergangenen Wochenende wurde er in seiner Heimat Manila bestattet: in einem goldfarbenen Sarg.

[Grafiktext]

Aktienkurs der kanadischen Erschließungsfirma Bre-X-Minerals

Goldfunde seit 1980

Goldminen

[GrafiktextEnde]

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Aktienkurs der kanadischen Erschließungsfirma Bre-X-Minerals

Goldfunde seit 1980

Goldminen

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