GEWERKSCHAFTEN Grausames Spiel
Albert Schunk macht mehrmals täglich einen Ausflug ins 19. Jahrhundert - ganz kommod, am Schreibtisch in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale.
Mindestens zweimal am Tag telephoniert der Leiter der Abteilung Internationales bei der IG Metall mit Gewerkschaftern in Südafrika. Die Kollegen stecken gerade in einer Auseinandersetzung mit dem dortigen Daimler-Benz-Ableger - eine Auseinandersetzung, deren Härte Leute wie Schunk an die »Frühzeit des Kapitalismus« erinnert.
Nach fünf Wochen Streik hat das Unternehmen 2800 Schwarzen, fast der gesamten Belegschaft, gekündigt. Die IG Metall, mit 2,6 Millionen Mitgliedern eine der reichsten und mächtigsten Arbeitnehmerorganisationen der westlichen Welt, will nun nicht mehr zusehen, wie die schwarze Brudergewerkschaft NAAWU in Südafrika an die Wand gedrückt wird.
IG-Metall-Chef Franz Steinkühler, pikanterweise Mitglied im Aufsichtsrat von Daimler-Benz, greift jetzt die Konzernspitze in Stuttgart direkt an. Sie sei mitverantwortlich für die »schmutzige Politik«. Es würden Kampfmittel eingesetzt, die nur in einem Unrechtsregime möglich seien.
Die Entlassungsaktion fordert die gewerkschaftliche Solidarität geradezu heraus. Sie verfolgt den Zweck, die Rädelsführer, also die führenden Gewerkschafter, auszusondern: Während nach dem Ende des Streiks die meisten wieder eingestellt werden, müssen die Vorleute der schwarzen Arbeitnehmer vor den Werkstoren bleiben.
Steinkühler ließ erst mal ein Spendenkonto für die entlassenen Mercedes-Arbeiter in Südafrika einrichten. Nach und nach soll nun auch der Druck auf den Daimler-Benz-Vorstand in Stuttgart verstärkt werden. Notfalls wird die IG Metall zu Protestversammlungen und Warnstreiks aufrufen. Mit ihren Aktionen wollen die Metaller Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter zwingen, dem grausamen Spiel in Südafrika ein Ende zu machen. Der Vorstandsvorsitzende soll die Werksleitung im südafrikanischen East London anweisen, den Gewerkschaften entgegenzukommen.
Auf Reuters Reaktion sind die Metaller in Frankfurt gespannt. Sie werten sein Verhalten als Test dafür, wie es der neue Mann an der Spitze des größten bundesdeutschen Konzerns künftig mit der IG Metall halten wird. Reuter war seit Jahren der IG-Metall-Favorit für den Vorstandsvorsitz. Wie Steinkühler ist er Mitglied der SPD.
Ob die politische Bindung allerdings hilft, ist höchst fraglich. Die Daimler-Manager sehen sich bei dem delikaten Konflikt voll im Recht. Immer wieder, sagt der zuständige Personalvorstand Manfred Gentz, habe die Werksleitung in Südafrika versucht, den Arbeitskampf durch Verhandlungen beizulegen. Mehrfach hätte sie die Entlassung der Belegschaft in East London hinausgezögert. Üblich seien in Südafrika Kündigungen schon in der zweiten Streikwoche, bei Mercedes habe man fünf Wochen gewartet.
Fest steht nun allerdings, daß sich mit dem Rauswurf der Konflikt erst mal zugespitzt hat und eine gütliche Einigung noch schwerer, wenn überhaupt, zu erreichen ist.
Dabei waren Mercedes und die NAA-WU-Gewerkschaft zuletzt gar nicht mehr so weit auseinander. Die Gewerkschaft hatte ursprünglich eine Anhebung des Mindestlohns von 3,50 Rand die Stunde auf fünf Rand gefordert (etwa 4,5O Mark). Mercedes hat bereits eine Erhöhung auf 4,04 Rand zugestanden sowie eine Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde auf 43 Wochenstunden, bei vollem Lohnausgleich.
Zum Schluß scheiterte eine Einigung nur noch an einer Einmalzahlung, ähnlich wie sie die Arbeitnehmer bei VW in Südafrika erreicht haben. Nach Berechnungen der IG Metall müßte Mercedes für dieses Zugeständnis umgerechnet etwa eine Million Mark zahlen, eine Lappalie im Vergleich zu den rund 100 Millionen Mark, die der Produktionsausfall kostet.
Aber mittlerweile geht es in East London weniger ums Geld als ums Prinzip. Die Kontrahenten, in Arbeitskämpfen
noch völlig unerfahren, wollen beide das Gesicht wahren. Die Mercedes-Manager müssen überdies Rücksicht auf ihre weiße Kundschaft nehmen. Nachgiebigkeit gegenüber schwarzen Gewerkschaften empfinden die meisten Farmer und Geschäftsleute als Verrat.
Wie man mit den nach Meinung der Weißen immer frecher auftretenden schwarzen Gewerkschaften umspringt, haben erst vorigen Monat die südafrikanischen Bergwerksgesellschaften gezeigt. Sie ließen sich nicht einmal von über einer Viertelmillion streikender Minenarbeiter beeindrucken. Die bis dahin stärkste schwarze Gewerkschaft NUM erlitt eine schwere Niederlage.
Daß die junge und noch schwache Automobilarbeiter-Organisation NAAWU noch lange durchhalten kann, ist unwahrscheinlich. In Südafrika warten drei Millionen Arbeitslose auf einen Job. Kollege Steinkühler muß sich bei seiner Hilfsaktion beeilen.