Greenspan Gefährliche Ansichten
Er ist eine der Galionsfiguren unseres liberalen Wirtschafts- und Finanzsystems. Wie kein anderer hat er gezeigt, wie sich ein Marktsystem auch ohne administrative Eingriffe, rein durch marginale Veränderungen des Steuerparameters "Zins", austarieren lässt.
Kein Wunder also, dass Alan Greenspan ein grundsätzlicher Befürworter des freien Unternehmertums und einer Kultur des Liberalismus und des Individualismus ist. Er ist, wie so viele Amerikaner, ein Fan der amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand, die in ihrem Roman "Atlas Shrugged" ein Loblied auf diese Eigenschaften singt. "Als ich Ayn Rand kennenlernte", sagte Greenspan in einem Interview, "war ich überzeugter Anhänger der freien Marktwirtschaft. Durch sie habe ich gelernt, dass Kapitalismus nicht nur praktisch und effizient, sondern auch moralisch ist."
Doch Ayn Rand ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Philosophin - und vertritt hier eine Position, die in Europa heutzutage schlichtweg untragbar wäre. Denn Rand ist Objektivistin. Der Objektivismus geht davon aus, dass es grundsätzlich objektive Wahrheiten gibt.
Konkret: Für Rand ist die Überlegenheit des Individualismus über jegliches kollektive Element nicht nur eine gut funktionierende Hypothese, sondern schlichtweg eine unbestreitbare Wahrheit. Und wer hier anderer Ansicht ist? Tja, ein Vertreter des Objektivismus lässt ebenso wenig mit sich diskutieren, wie es ein Josef Stalin oder andere Inhaber vermeintlich objektiver Wahrheiten getan haben. Hier gibt es keinen Platz zum Anderssein, hier folgt man entweder bedingungslos oder man stellt sich außerhalb.
Gerade für mich als Berliner stehen die USA für die Garantie der Freiheit und des pluralistischen Denkens, als die weitgehendste reale Verkörperung einer "offenen Gesellschaft", wie Karl Popper ein System grundsätzlicher Denkfreiheit so treffend bezeichnet hat. Doch eine "offene Gesellschaft" ist inkompatibel mit einer Denkweise, wie Rand sie postuliert.
Hier liegt meine Sorge. Ein derart populäres Werk in den USA, bei dessen Lesen dem kritischen Zeitgenossen ständig ein ganz unangenehmes Gefühl hochkommt, wie passt das zusammen? Ist Ayn Rand vielleicht der dunkle Teil der Vereinigten Staaten, vor dem dann die Sterne nur umso leuchtender erstrahlen? Oder ist vielmehr den US-Amerikanern die Frage, wie etwas begründet wird, schlichtweg egal? Und welche Meinung hat Alan Greenspan dazu?