Greenspans Abschied Nuscheln, das die Welt bewegte
Hamburg - Es war einer der seltenen Augenblicke, in denen Alan Greenspan eine selbstironische Ader erahnen ließ. "Seitdem ich Notenbanker wurde, nuschele ich ausschließlich völlig verwirrende Gedanken. Wenn meine Aussagen Ihnen ungewöhnlich klar und verständlich erscheinen, dann haben Sie mich völlig missverstanden", erklärte er 1987, nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt, vor dem Bankenausschuss des Senats. Es sollte eine Art Regierungserklärung werden.
Ein Wort von Alan Greenspan konnte in den folgenden Jahren Aktienkurse zum Einstürzen und Märkte zum Beben bringen. Scharen von Volkswirten waren stets damit beschäftigt, seine zahlreichen, orakelhaften Kommentare zu wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen richtig zu deuten. Als sein Abschied dieses Jahr näher rückte, wurde der traditionellen Sommerkonferenz der US-Notenbank kurzerhand der Titel "Die Greenspan-Ära: Lektionen für die Zukunft" verpasst. Greenspan sei der "größte Notenbanker aller Zeiten", jubelte ein Redner. Ein Ton, in dem häufig von dem Fed-Star gesprochen wird.
Niemand hat das Amt des Zentralbankers solange ausgeübt wie der "Maestro des Geldes". Seine verschlungeneren Satzkonstruktionen sind höchstens im Privatleben hinderlich. Eine Wall-Street-Legende besagt, das Greenspans zweite Frau, die er nach über 40-jährigem Junggesellendasein 1997 heiratete, seinen ersten Heiratsantrag schlicht nicht verstanden habe. In der Öffentlichkeit erlangte sein "Greenspeak" Kultstatus. Der hagere Notenbanker mit den riesigen Brillengläsern wurde zum Pop-Idol des amerikanischen Wirtschaftswunders.
Polit-Insider Greenspan: Zahlenguru im Kreise der Mächtigen
Seinen Fans gilt Greenspan als Baumeister des fast zehn Jahre dauernden Wirtschaftsbooms der neunziger Jahre. Sicher nicht ganz zu Unrecht: Greenspan, der die neuesten Wirtschaftsstatistiken mit Vorliebe in der heißen Badewanne studiert, steuerte die weltgrößte Volkswirtschaft erfolgreich durch den Börsencrash von 1987 und durch die Asienkrise. 1998 verhinderte er, dass der Zusammenbruch des Hedge-Fonds LTCM die Stabilität des Weltfinanzsystems ins Wanken brachte.
Dabei wollte Greenspan, der nach der Scheidung seiner Eltern bei der Mutter im jüdischen Viertel von Manhattan aufwuchs, eigentlich Musiker werden. Er studierte an der Juillard-Musikhochschule in New York. Ein Jahr tingelte er sogar als Klarinettist und Saxophonist mit der Henry Jerome Band herum.
Doch nach dem Wechsel ins Fach Wirtschaftswissenschaften und einem Summa-Cum-Laude-Abschluss kletterte Greenspan eilig die Karriereleiter hoch. Er arbeitete als Händler an einer Warenbörse im Mittleren Westen und ließ sich dann Anfang der fünfziger Jahre als Finanzberater in Manhattan nieder. Zum erlesenen Kundenstamm seiner Beratungsfirma zählten schon bald einige der größten Finanz- und Industrieunternehmen des Landes.
1967 engagierte sich Greenspan im Präsidentschaftswahlkampf für Richard Nixon, anschließend beriet er den Republikaner in verschiedenen Gremien und wurde im September 1974 zum Vorsitzenden des "Council of Economic Advisors" im Weißen Haus. Auch unter den nachfolgenden republikanischen Präsidenten übernahm Greenspan immer wieder beraterische Aufgaben. 1987 wurde er schließlich zum Chairman des Federal Reserve Board ernannt.
Lektion Nummer Eins: Flexibilität
Die Lektion, die seine Nachfolger aus seiner über 18-jährigen Amtszeit mitnehmen sollten, beschrieb Greenspan selbst auf dem ihm gewidmeten Sommertreffen wie üblich reichlich kompliziert. Eine der großen Stärken der amerikanischen Volkswirtschaft - ihre Flexibilität - müsse unter allen Umständen erhalten bleiben, lautete die Schlussfolgerung.
Dass die Federal Reserve Bank seiner Ansicht nach zu dieser Beweglichkeit einen gehörigen Anteil beitragen muss, daran ließ Greenspan nie einen Zweifel. Seine aktivistische und risikoreiche Vorgehensweise stand oft im radikalen Gegensatz zur stocknüchternen Geldpolitik europäischer Währungshüter.
Ob der Zusammenbruch des Dotcom-Markts oder die Krise des 11. September - Greenspan reagierte stets prompt: Er warf die Notenpresse an, senkte die Leitzinsen und schürte so den Konsum. Nach dem Zusammenbruch der New Economy schraubte Greenspan den Zinssatz bis auf einen Prozent hinunter, so tief wie nie zuvor. Die Fed werde, sollte es notwendig sein, den Banken sogar direkt Staatsanleihen abkaufen, um die Liquidät zu erhöhen, erklärte er einmal als die Not besonders dringlich schien. Eine Maßnahme wider jede Regel traditioneller Geldpolitik.
Gestützt von einer kräftig investierenden öffentlichen Hand ging Greenspans Rechnung auf: Die Verbraucher liehen sich fleißig Geld und gingen einkaufen. Die US-Wirtschaft erholte sich. Ohne Schrammen ging Greenspan aus dem Wirbelsturm am Nasdaq dennoch nicht hervor. Zwar hatte das Notenbankoberhaupt schon 1996 vor dem "irrationalen Überschwang" der Anleger gewarnt - danach habe sich der oberste Währungshüter jedoch in seinem Chefsessel zurückgelehnt, und der völlig irrsinnigen Spekulationsblase seelenruhig beim Wachsen zugeschaut, monierten Beobachter.
Angstschweiß wegen der Geldschwemmen
Verstummt ist die Kritik bis heute nicht, im Gegenteil. Angesichts der in den letzten Jahren in schwindelerregende Höhen gestiegenen Preise am Immobilienmarkt hat Greenspans Image weiter gelitten. Die niedrigen Zinsen hätten die US-Amerikaner zu Zockern auf dem Wohnungsmarkt gemacht, heißt es. Greenspans ungewöhnlich deutliche Warnung vor den "unhaltbaren Preisen" und seine Beschwerden über die "exotischen Kredite" seien zu spät gekommen. Auch dass die Notenbank inzwischen eine radikale Kehrtwende vollzogen und den Zinssatz konsequent auf mittlerweile 3,75 Prozent angehoben hat, könne den Schaden allenfalls noch begrenzen.
"Der Maestro hat die Kontrolle verloren", schrieb der britische "Economist", und die "Financial Times" bescheinigte Greenspan vor nicht allzu langer Zeit den Eintritt in die "surrealistische Periode". Das US-Wirtschaftswachstum sei dank Greenspan auf Sand gebaut, halten Ökonomen dem scheidenden Notenbankchef vor. Die niedrigen Zinsen hätten Ausgabenorgien provoziert und zu einem unverantwortlichen Importüberschuss geführt, weil die heimische Industrie die von Greenspan entfachte Nachfrage nicht bewältigen konnte.
Tatsächlich treibt das US-Leistungsbilanzdefizit inzwischen sogar Beobachtern aus internationalen Finanzinstitutionen den Angstschweiß auf die Stirn. Doch noch hält das US-Wirtschaftswachstum an. Und die Preise auf dem Immobilienmarkt geben zwar seit einigen Wochen nach, von einem Crash kann jedoch nicht die Rede sein.
Es hängt also in gewisser Weise von Nachfolger Ben Bernanke ab, ob Greenspan als begnadeter Zinsjongleur oder als irrsinniger Zocker in die Annalen der Notenbank eingeht. Sollte es Bernanke gelingen, den drohenden Krisen entgegenzuwirken, würde er auch den postumen Ruhm Greenspans sichern. Für alle Fälle hat Greenspan in seiner Rede auf der Fed-Sommerkonferenz schon einmal wortreich umrissen, wie er sich die künftige Politik der Notenbank vorstellt. Im Vertrauen darauf, dass Bernanke ihn schon richtig interpretieren wird.