KONJUNKTUR Grob daneben
Helmut Schlesinger, Doktor der Volkswirtschaft, hat Erstaunliches vollbracht: Er hat den Aufschwung entdeckt, den langersehnten, den andere bislang vergeblich suchten.
Das Sozialprodukt, so prophezeit der Vizepräsident der Deutschen Bundesbank, werde bereits in diesem Jahr real um ein Prozent wachsen. Und dann folgt der große Schwung nach oben, die deutsche Wirtschaft soll 1984 um 2,5 Prozent zulegen.
Weil die Unternehmer nun wieder ordentlich verdienen, so erläutert Schlesinger seine jüngste vertrauliche Prognose, hätten sie mehr Geld zum Investieren. Das wiederum schaffe die Möglichkeit »für ein nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum und für die Besserung der Beschäftigungslage«.
Zusätzlich sollen auch die Verbraucher im nächsten Jahr tüchtig Geld ausgeben, die Exporteure hingegen mehr Geld einnehmen. Dann würde die Zahl der Arbeitslosen 1984 nicht weiter steigen, die Teuerung zugleich ziemlich mäßig bleiben (siehe Graphik).
Die optimistische Rechnung hat Gewicht, denn in der Zunft der Vorher-Seher ist der Bundesbank-Vize unbestrittener Trendsetter. Seine mächtigen, fast 300 Kopf starken Abteilungen Volkswirtschaft und Statistik gelten bundesweit als führende Instanz in Sachen Konjunktur.
Fast alle Prognostiker hierzulande übernehmen deshalb, was Schlesinger vorgerechnet hat. Schon in dieser Woche wollen die fünf wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute in ihrem Gemeinschaftsgutachten, nach winzigen Änderungen und trotz etlicher Bedenken, ähnlich schöne Zahlen verkünden. Und im nächsten Monat wird dann der Rat der Sachverständigen die »Wende zum Besseren« (Schlesinger) wohl endgültig bestätigen.
Ob die Professoren durch den Doktor der Volkswirtschaft jedoch gut beraten sind, ist fraglich. Die meisten seiner Vorhersagen - hausintern: Gesamtwirtschaftliche Vorausschätzungen - waren bisher Fehlprognosen.
Für das Jahr 1980 etwa hatte Schlesinger ein reales Wachstum von drei Prozent erwartet. Tatsächlich blieb die Wirtschaft bei einem Plus von 1,9 Prozent stecken. Ein Jahr später sollte das Sozialprodukt um bis zu ein Prozent wachsen. In Wirklichkeit aber schrumpfte die Wirtschaft schon, die Zahl der Arbeitslosen wurde um eine Viertelmillion größer als veranschlagt.
Und noch im Mai 1982, mitten in der Flaute, griff Schlesinger grob daneben. Aus dem prophezeiten Aufschwung (plus ein Prozent) wurde ein Abschwung (minus ein Prozent).
Auch Schlesingers jüngste Aufschwung-Thesen sind gewagt. Schon im ersten Halbjahr 1983, so analysierte der Beamte in seinem letzten Monatsbericht, sei das reale Sozialprodukt »deutlich gestiegen«. Sogar »die Anzeichen für eine allmähliche Besserung« auf dem Arbeitsmarkt hätten sich »verstärkt«.
Derartige Zeichen sind indes noch immer schwer erkennbar. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wuchs die Wirtschaft, nach Abzug der Preissteigerungen und im Vergleich zum Vorjahr, gerade um ein Promille.
Die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit zählte zuletzt im September gut 2,1 Millionen Arbeitslose, über 300 000 mehr als vor einem Jahr; für die Jahreszeit ist das ein Rekord in der Geschichte der Bundesrepublik. Bis zum Wintermonat Februar wird die Zahl der Erwerbslosen wohl auf rund 2,8 Millionen anschwellen.
Besserung sei schon in Sicht, meint Schlesinger auch hier. »Kräftige Nachfrageimpulse« aus dem Ausland will er entdeckt haben. Aber die Exporte schrumpfen - nominal wie real -, und selbst nach der Prognose der Bundesbank werden sie auch 1983 im Minus bleiben.
Vielleicht hilft noch das Inlandsgeschäft, das sich laut Schlesinger weiter belebt. Doch außer der chemischen Industrie stecken alle großen Branchen im Minus. Selbst die Autobauer brachten
keinen Ausgleich. Weil der Export zurückging, kamen auch weniger Autos von den Fließbändern. Insgesamt sackte die Produktion der Industrie in den ersten acht Monaten des Jahres um fast zwei Prozent unter den schon tiefen Stand vom Vorjahr.
Das Baugewerbe kam ebenfalls nicht über das Niveau des Krisenjahres 1982 hinaus. Wohnungen werden zwar - ermuntert durch staatliche Anreize - mehr gebaut, aber die öffentlichen Aufträge für den Bau von Schulen oder Straßen fehlen. Unter dem Strich blieb für den Bau bisher praktisch nichts.
Die Zeichen für den Aufschwung seien »nach wie vor rar«, stellt denn auch das Berliner DIW-Institut fest. Experten des HWWA-Instituts in Hamburg erwarten »auch für das Jahr 1984 nur gedämpfte wirtschaftliche Aussichten«.
In der Tat: Daß der Staat 1984 mehr Geld ausgeben kann, ist ebenso unwahrscheinlich wie die Behauptung, die Exporteure könnten mehr verkaufen. Fast alle wichtigen Handelspartner der Deutschen stecken in der Flaute, viele Entwicklungsländer sind überschuldet und drosseln ihre Einfuhren. Selbst den neureichen Opec-Staaten ist das Geld ausgegangen.
Auch die Verbraucher im Lande werden, weil die Realeinkommen weiter sinken, kaum mehr ausgeben können. In der ersten Jahreshälfte nahm der private Konsum nur um 0,2 Prozent zu - und das nur, weil die Verbraucher ihre Sparkonten plünderten.
Das Konsumklima, folgert die Nürnberger Marktforschungsgesellschaft GfK aus Umfragen, habe sich neuerdings wieder verschlechtert, weil die gesamtwirtschaftlichen Aussichten zunehmend pessimistisch eingestuft werden.
So liegt es wohl allein in den Händen der Unternehmen, Schlesingers schöne Prognose in die Realität umzusetzen: Nach guten Gewinnen müssen sie nun eigentlich auch gut investieren.
Die Firmen haben in der Tat ordentlich verdient. Sie haben auch, weil der Staat mit Investitionszulagen lockte, einen Teil ihres Zugewinns in neue Maschinen und Fabriken gesteckt.
Aber ein kräftiger Schub für Wachstum und Beschäftigung war es nicht. Drei Viertel aller Investitionen, stellt das Ifo-Institut fest, sind derzeit Ersatz- oder Rationalisierungsinvestitionen.
Für nüchtern rechnende Investoren gibt es derzeit bessere Möglichkeiten, als ausgerechnet neue Fabriken zu bauen. »Solange der Zinsertrag von Geldanlagen höher ist als die Rendite von Sachkapitalanlagen«, erläutert das industriefreundliche Kölner iw-Institut, »werden die Kapitalanleger Wertpapierkäufe den Anlageinvestitionen vorziehen.«
Und diese gewinnträchtige Übung werden die Unternehmen, allen freundlichen Vorhersagen zum Trotz, wohl auch noch eine Weile pflegen.
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WUNSCH ODER WENDE? Veränderungen des realen Bruttosozialprodukts jeweils gegenüber dem Vorjahr in Prozent Prognosen der Deutschen Bundesbank Wachstum Veränderung der realen Ausrüstungsinvestitionen gegenüber dem Vorjahr in Prozent Investitionen Zahl der Arbeitslosen in Millionen (Jahresdurchschnitte) Arbeitslose Zunahme der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahr in Prozent Inflation
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