BANKEN Grollender Vulkan
Bankkaufleute sind von Berufs wegen Optimisten. Zukunftsängste behalten sie meistens für sich. Schlechte Stimmung schadet schließlich dem Geschäft. Wer leiht sich schon Geld, wenn die wirtschaftlichen Aussichten trübe erscheinen?
Doch die Selbstdisziplin hat Grenzen. Irgendwann drängen die aufgestauten Befürchtungen nach draußen.
Der Zeitpunkt ist offenbar erreicht: Immer mehr Geldmanager bekunden ihre Sorge um die Stabilität des internationalen Finanzsystems. Die Angst vor einem neuen Krach wie zu Anfang der dreißiger Jahre ist nicht mehr nur auf einige Außenseiter beschränkt. In der jüngsten Ausgabe von »Euromoney«, einer Art Familienmagazin der Geld-Internationalen, geben angesehene Bankiers gleich reihenweise ihre Sorgen zu Protokoll.
Das Leitthema der Zeitschrift, die »Angst vor einem Crash«, traf exakt die Stimmungslage der zur Jahrestagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) vorvergangene Woche in Washington versammelten Finanzelite.
Anführer der ökonomischen Bedenkenträger ist der Star der Wall-Street-Propheten, Henry Kaufman vom New Yorker Bankhaus Salomon Brothers. Kaufman schätzt, daß sich die Gefahr
einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise im vergangenen Jahrzehnt um das Hundertfache erhöht habe.
Kaufmans britischer Kollege, Gordon Pepper vom Londoner Bankhaus Midland, beurteilt die Stabilität des Finanzsystems nicht weniger kritisch. Er habe, so Pepper, ein Gefühl »wie auf einem Vulkan«. Das Grollen eines bevorstehenden Ausbruchs sei schon zu hören, aber niemand wisse, wie heftig dieser werde.
Deutsche Banker formulieren zwar weniger griffig, doch sie machen sich die gleichen Sorgen. Wolfgang Röller, Chef der Dresdner Bank, konstatiert eine »noch nie dagewesene Häufung von Problemen«. Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen weist auf eine »Fülle von Schwierigkeiten« hin die das internationale Banksystem insgesamt »verwundbarer« gemacht hätten.
Die Befürchtungen der Geldmanager sind begründet. Die Schulden der lateinamerikanischen Länder werden nicht kleiner, sondern großer; mit äußerster Mühe nur gelang es vorige Woche, für Mexiko mit seinen inzwischen 100 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten ein neues Umschuldungsabkommen zustande zu bringen.
Unterdes ist ein neuer Schuldner auf die Bühne getreten, der alle anderen Länder weit in den Schatten stellt: die USA. Ende der achtziger Jahre, so neueste Schätzungen, sollen sich die US-Auslandsschulden auf rund 500 Milliarden Dollar belaufen- die Forderungen der USA sind dabei schon abgezogen. Die Gesamtschulden aller US-Bürger betragen bereits heute mehr als sieben Billionen Dollar - fast das Doppelte dessen, was das Land in einem Jahr als Sozialprodukt erwirtschaftet.
Eine derart gigantische Verschuldung stellt höchste Anforderungen an den Bankenapparat. Immer mehr Bankiers fragen sich, ob das internationale Finanzsystem diesen Anforderungen auch dann noch standhalten kann, wenn die Wirtschaft der USA und mit ihr die der gesamten Welt demnächst in eine Schlechtwetterperiode geraten sollte.
Die Frage beunruhigt die Geldmanager um so mehr, als das Weltfinanzsystem sich in den vergangenen Jahren radikal verändert hat, und dies offenbar nicht nur zu seinem Vorteil.
Seit Jahren läuft auf den internationalen Kapitalmärkten ein Trend, der wegführt von dem üblichen Bankkredit und hin zur Verbriefung von Forderungen in Form handelbarer Schuldpapiere mit zum Teil sehr verzwickten Konstruktionen. Unternehmen und Organisationen beschaffen sich ihre Mittel seltener über Bankkredite, sie beschaffen sie sich über die Schuldpapiere direkt am Kapitalmarkt.
Diese-Entwicklung hat das Finanzsystem, so Ernst-Otto Sandvoß, Chef der Deutschen Girozentrale, »weniger durchschaubar« und dadurch »krisenanfälliger« gemacht. Bei einigen neuartigen Finanzierungsinstrumenten läßt sich oftmals kaum noch feststellen, wo das Risiko gelandet ist und ob der Risikoträger seinen Verpflichtungen auch in jedem Falle nachkommen kann.
In vielen Fällen haben sich Banken verpflichtet, die Papiere notfalls einzulösen. Da sie diese Risiken aber nicht in ihren Bilanzen ausweisen müssen, besteht die Gefahr, daß nicht alle Geldinstitute für den Notfall ausreichend Vorsorge getroffen haben.
Durch die zunehmende Verbriefung der Kredite verlieren die Banken ihre besten Kreditkunden. Gerade die großen und gutgehenden Unternehmen bedienen sich nun direkt. »Die Qualität der
Bankenforderungen«, klagt Gerald Corrigan, Chef der Federal Reserve Bank von New York, »ist auf ein beängstigend niedriges Niveau gesunken.«
Neben der Zunahme von Schuldschein-Krediten verstärkt noch eine andere Entwicklung die Anfälligkeit des Finanzsystems: die Computerisierung und die internationale Vernetzung.
Nachrichten, aber auch Gerüchte, verbreiten sich in Sekundenschnelle um die Welt und lösen unkontrollierbare Reaktionen und Überreaktionen aus. Die zum Teil aberwitzigen Schwankungen des Dollar in den letzten Jahren sind zu einem guten Teil mit der 24stündigen Rund-um-die-Welt-Kommunikation zu erklären Kleinste Ursachen lösen dabei riesige Kursveränderungen aus.
Banken operieren heute weltweit, aber sie hängen auch weltweit voneinander ab. Hat eine Bank in den USA Schwierigkeiten, wirkt sich das unmittelbar auch auf die deutschen Banken aus, die mit ihr Geschäfte machen.
Ein durch technischen Fortschritt anfälliger gewordenes Finanzsystem, die steigende Überschuldung Nord- wie Südamerikas und die drohende weltweite Wachstumsschwäche - da müsse, so schreibt der britische Banker Geoffrey Bell in einem Beitrag für »Euromoney«, nicht mehr viel »schieflaufen«, und die Welt stürze in eine Depression ähnlich der zu Anfang der dreißiger Jahre.
Darauf zu achten, daß nichts schiefläuft, ist vor allem Aufgabe der Regierungen. »Die Weisheit und Effizienz der Politik« müsse »mit der Globalisierung« der Finanzmächte »Schritt halten«, verlangte kürzlich Alexandre Lamfalussy, der Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Sie tut es gewiß nicht Washingtoner und Bonner Wirtschaftspolitiker beispielsweise waren auf der jüngsten IWF-Tagung gut damit ausgelastet, sich über die richtige Wachstumsstrategie zu streiten.
»Was die machen«, schimpfte Commerzbank-Chef Walter Seipp vorletzte Woche in der US-Hauptstadt, sei die »reinste Kleinstaaterei«, ein »gefährliches Spiel«, das »wir eines Tages noch mal alle bereuen werden«.