»Große Chancen«
SPIEGEL: Herr von Pierer, die deutsche Wirtschaft hat den Boom in Asien verschlafen. Was nun?
Pierer: Unsere Unternehmen und vor allem Siemens sind seit langem vor Ort aktiv. Allerdings konnte vor zehn Jahren niemand die dynamische Entwicklung der ostasiatischen Region voraussehen. Doch noch ist der Markt für alle offen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie ihn erobern?
Pierer: Wenn wir mit unseren chinesischen Verhandlungspartnern reden, hören wir immer zwei Dinge: Eure Preise sind zu hoch, und im selben Atemzug kommt die Forderung nach staatlichen Billigkrediten.
SPIEGEL: Ihre Schlußfolgerung?
Pierer: Der Wettbewerb der Firmen hat sich zu einem Wettbewerb der Nationen gewandelt. Das gilt vor allem bei den großen Infrastrukturinvestitionen, beim Kraftwerksbau, dem Ausbau der Telefonnetze und den Verkehrsprojekten. Wir brauchen deshalb auch in Deutschland eine neue Form der Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft.
SPIEGEL: Um in Asien mithalten zu können, propagieren Sie das Ende der Marktwirtschaft?
Pierer: Auf keinen Fall, ich wünsche mir eine Gleichbehandlung. In Hongkong haben wir erst kürzlich einen Großauftrag verloren, obwohl wir in Preis und Technik gleichwertig waren. Unser Nachteil: Wir konnten nicht die gleiche günstige Finanzierung anbieten wie unsere internationalen Mitbewerber.
SPIEGEL: Sie fordern zusätzliche Exportsubventionen?
Pierer: Sie werden von mir nie hören, daß ich mehr Subventionen will. Ich möchte allerdings die Wettbewerbsbedingungen, zumindest in Europa, harmonisiert sehen. Unsere jetzigen Nachteile, und das vor allem gegenüber den Franzosen, sind sehr gravierend.
SPIEGEL: Wer hindert Sie am Geschäftemachen in Asien?
Pierer: Erstens haben wir aggressive Konkurrenten, und zweitens lasten auf uns Kosten, die andere in diesem Umfang nicht kennen. Allein die Gebühren für die halbstaatliche Hermes-Versicherung machen unsere Exporte spürbar teurer. Diese Gebühren müssen zügig gesenkt werden, so wie vom Wirtschaftsminister jetzt angekündigt.
SPIEGEL: Sehen Sie weitere Wettbewerbsnachteile?
Pierer: Die Franzosen bieten für ein Großprojekt von Anfang an garantierte Zinsen, wir können das nicht. Die deutschen Firmen können nur die Zinssätze des jeweiligen Zahlungsjahres garantieren, so daß unser Kunde heute nicht weiß, welchen Zins er 1995 oder 1996 zahlt.
SPIEGEL: Und was soll da die Regierung für Sie tun?
Pierer: Ich wünsche mir auch hier eine Gleichbehandlung in Europa. In Frankreich wird bei Großprojekten die Zinsdifferenz vom Staat aufgefangen. Die Bundesregierung sollte sich auch bei der Europäischen Gemeinschaft für die schnelle Abschaffung dieser Zinssubventionen einsetzen. Bleibt alles wie es ist, haben wir bei wichtigen Ausschreibungen von Anfang an schlechte Karten.
SPIEGEL: Beim Ausbau des Stahlwerks im chinesischen Baoshan boten die Japaner um 25 Prozent billiger an als die deutsche Konkurrenz. Wie wollen Sie diesen Preiskrieg bestehen?
Pierer: Für die Japaner war das ein Prestigeprojekt. Ich kann die Chinesen nur zu diesem Geschäft beglückwünschen. Wir haben für solche Verlustgeschäfte keinen Spielraum, erst recht nicht in der Rezession.
SPIEGEL: Die Deutschen warten auf bessere Zeiten?
Pierer: Natürlich müssen wir die Märkte auch strategisch angehen - aber anders. Wir investieren zum Beispiel in die Ausbildung der Bevölkerung vor Ort. Das ist unsere Stärke, und das wird sich am Ende auch auszahlen. Hinzu kommt: Wir müssen künftig noch mehr Wertschöpfung in die Länder Asiens verlagern, beispielsweise indem wir Jointventures gründen. Sonst bleiben unsere Exporterfolge ein Strohfeuer.
SPIEGEL: Die deutsche Wirtschaft hat kürzlich einen Asien-Pazifik-Ausschuß gegründet, dem Sie vorstehen. Was soll dieses neue Gremium bewirken?
Pierer: Wir wollen bei den deutschen Unternehmen das Bewußtsein für die großen Chancen dieser Region schärfen. Osteuropa wird auf absehbare Zeit kein bedeutender Markt sein. In Asien dagegen überzeugen die Wachstumsraten und die geringen Lohnkosten. Es gibt zum Engagement in Asien keine Alternative. Wenn wir uns nicht am Riemen reißen, gehen wir im Wettbewerb unter. Y