Banken Große Malaise
Professor Joachim Krahnen, Mitinhaber des feinen Frankfurter Bankhauses Gebrüder Bethmann, erlaubte sich einen Scherz: »Die Banken lernen jetzt erst, richtig zu kalkulieren.« Kompagnon Johann Philipp Freiherr von Bethmann gab sich schüchtern: »Wir sind zu ängstlich, kostengerechte Gebühren zu verlangen, und verschenken Dutzende von Dienstleistungen.«
Franz Heinrich Ulrich, Chef der mächtigen Deutschen Bank, war mutiger als der Privatbankier: »Wir denken konkret über die Gebührenfrage nach.« Zu Ende gedacht hat bislang nur die kleinste der drei Großbanken. Zum letzten Ultimo fanden 600 000 Commerzbank-Kunden bei den Monatsauszügen ihrer Lohn- und Gehaltskonten eine Mitteilung. Rückwirkend ab 1. August, so erklärte die Bank ihren Financiers, werde sie nur noch 24 Buchungen pro Quartal kostenfrei durchgehen lassen. Jede weitere Transaktion kostet künftig 50 Pfennig. Nur Daueraufträge und Scheckhefte bleiben gebührenfrei.
»Wir halten unsere Lösung für einen vernünftigen Kompromiß. Betroffen werden nur solche Kunden, die den Bank-Service überdurchschnittlich beanspruchen«, beruhigt Vorstandsmitglied Paul Lichtenberg die überrumpelten Bankkunden. »Die Mehrzahl der Lohn- und Gehaltsempfänger wird kaum tangiert.«
Tatsächlich haben die Geldinstitute mit dem bargeldlosen Lohnverkehr allmählich die Rolle eines Buchhalters für zahlreiche Privathaushalte übernommen. Die mit dem kostenlosen Buchungs-Service an die Schalter gelockten Arbeitnehmer nutzten zunehmend die Gratis-Bankdienste. Die Konten-Hausse zwang die Institute. teure Computer anzuschaffen und mehr Personal einzustellen.
»Die Kontoführungskosten liegen bei 70 bis 75 Mark im Jahr«, meint Helmuth Cammann, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken. Bei den Kreditinstituten sind »immerhin 70 Prozent der Betriebskosten Lohn- und Gehaltskosten«, klagt Dresdner-Bank-Vorstand Professor Karl Friedrich Hagenmüller.
Im harten Wettbewerb um das billige Geld der kleinen Leute hatten es die Banken und Sparkassen über ein Jahrzehnt lang kaum gewagt, Gebühren für Gehaltskonten zu berechnen. Der meist auf dem Konto verbleibende Bodensatz nicht verbrauchter Monatseinkommen war für sie Anreiz genug, kostenlosen Buchungsservice anzudienen. Denn die stattliche Summe zinslosen Kleingelds ließ sich gewinnbringend in zinstragendes Kapital verwandeln.
Doch die einst bankscheuen Arbeits- und Konsumbürger lernten zunehmend mit dem Zinspfennig zu rechnen. In den beiden letzten Jahren wurden die für Banken und Sparkassen lukrativen Bodensätze rascher als je zuvor dem Zugriff der Geldhandelsprofis entzogen und von den Kunden auf einträgliche Sparkonten oder gar zinsgünstige Festgeldkonten umgebucht.
Eine »große Malaise« (von Bethmann) könnte nun eintreten, wenn die selbst- und zinsbewußten Bankkunden bei steigenden Gebühren herauszufinden suchten, welches Institut seine Dienste zu den günstigsten Sätzen anbietet. Diese Recherche würde sich freilich kaum lohnen; denn schon heute sind die Gebührenordnungen der einzelnen Geldinstitute so verschlüsselt, daß schlichte Kontoinhaber sie kaum miteinander vergleichen können.
Ein Ausweichen auf die Sparkassen verheißt dem Gebührensparer kaum Nutzen. So rechnet der Hauptgeschäftsführer des Sparkassen- und Giroverbandes Helmut Geiger schon bald mit »gewissen Gebühren für Buchungsposten« bei den bislang von Gebühren weitgehend verschonten 15 Millionen Lohn- und Gehaltskonten-Inhabern. »Alles, was ihm das Leben leichter macht« (Geiger), soll der Sparkassen-Kunde künftig auch bezahlen.
Ebenso wie die Kontenkunden müssen auch insbesondere die Kleinaktionäre und Wertpapiersparer mit höheren Service- Preisen rechnen. Besonders von den lästigen Kundenaufträgen mit Limitierung. bei denen Aktien und Renten zu bestimmten Kursen gekauft oder abgestoßen werden sollen, suchen sich die Wertpapierhändler mit hohen Gebühren zu befreien. Pro limitierten Auftrag verlangen beispielsweise die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft ebenso wie die Dresdner Bank vom Kunden monatlich fünf Mark. »Wir wollen uns von unrealistischen Limit-Aufträgen befreien«, gibt die Bank für Gemeinwirtschaft zu. Andere Institute erhöhten die Mindestprovisionen für Aktien und Rentenkäufe beträchtlich, in Einzelfällen bis zu 16 Mark pro Auftrag, um die unbequemen Klein-Kapitalisten und Volksaktionäre aus der Schalterhalle zu drängen.
Gegen diese Gebührenkampagne fand Bonns auf Preisstabilität festgelegte sozialliberale Koalition bislang kein Rezept. Als der CDU-Mittelständler Heinrich Gewandt unlängst durch mündliche Anfragen im Bundestag sich nach den Plänen der Regierung erkundigte, konnte ihm Karl Schillers Parlamentarischer Staatssekretär Philip Rosenthal nur eine karge Auskunft erteilen: »Die Bundesregierung ist bereit, bei den Verbänden des Kreditgewerbes darauf hinzuwirken, daß die Kreditinstitute durch Aushang der im Massengeschäft von ihren Kunden geforderten Gebühren und Provisionen zur besseren Markttransparenz beitragen.«
Notfalls gedenkt Rosenthal sanfte Gewalt anzuwenden: »Im Rahmen der Preisauszeichnungsverordnung« könnten die Banker zum Gebührenanschlag im Schalterraum gezwungen werden.