Große Verschwender - DER SPIEGEL
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ENERGIE Große Verschwender

Weil Bund und Länder nur an ihre Etats denken, ist ein Fünf-Jahres-Plan zu verstärkter Nutzung von Abwärme gescheitert.
• aus DER SPIEGEL 1/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Forschungsminister hatte Hans Matthöfer viel vor: Er wollte die Bundesrepublik mit einem Netz von »Fernwärmeschienen« überziehen, um den Ölverbrauch zu drosseln.

Als Finanzminister, geplagt von Haushaltssorgen, ist Matthöfer der technische Fortschritt zu teuer. Nachdem Bonn seinen Beitrag für die Nutzung von Abwärme aus Stromkraftwerken drastisch zusammenstrich, war das Fernwärme-Programm von Bund und Ländern zur Jahreswende bereits gestorben.

Gemeinsam hatten Bund und Länder im Laufe von fünf Jahren 1,2 Milliarden Mark in neue Kohleheizkraftwerke mit Fernwärme-Anschlüssen investieren wollen. Aber Matthöfer kürzte die erste Bonner Rate in Höhe von 120 Millionen Mark, die zum Jahresanfang fällig wurde, auf 20 Millionen. Der für Energiesparen zuständige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff gab achselzuckend auf.

Den Länderregenten war's auch recht. Sie haben an neuen, gemeinsam finanzierten Projekten ohnehin wenig Interesse.

So verzichtet die Bundesrepublik auf Jahre hinaus auf eine gute Chance, vom importierten Öl unabhängiger zu werden. Denn nirgendwo sonst in der Wirtschaft läßt sich auf so einleuchtende Weise massenhaft Energie sparen wie bei der Nutzung von Abwärme.

Bislang gehören Stromkraftwerke zu den großen Verschwendern. Nur etwa 40 Prozent der Primärenergie, der verfeuerten Kohle beispielsweise, werden bei der Erzeugung von Strom genutzt. Die restlichen 60 Prozent gehen -- als Wärme im Kühlwasser -- verloren und belasten die Umwelt. Wird das erwärmte Wasser dagegen für die Heizung genutzt, verströmt nur ein Fünftel der Energie nutzlos.

Für die ganzjährige Heizung und Brauchwassererwärmung von 25 000 Wohnungen müssen 60 000 Tonnen Heizöl aufgebracht werden, wenn jedes Haus einzeln beheizt wird. Bei der Versorgung mit Fernwärme werden nur 11 000 Tonnen verheizt.

Zur Energieeinsparung kommt die Umweltfreundlichkeit. Der eine hohe Schornstein eines Heizkraftwerkes verpestet die Luft weniger als viele Schornsteine von Einzelfeuerstellen.

In einigen Städten -- etwa in Hamburg -- werden mit dem über 100 Grad heißen Wasser, das aus Kohlekraftwerken kommt, bereits zehntausende von Wohnungen geheizt. In Flensburg sind 80 Prozent aller Haushalte und Unternehmen an das Fernwärme-Netz angeschlossen. In Berlin möchte das Stromunternehmen Bewag in einigen Jahren einen ganzen Stadtteil mit warmem Wasser versorgen.

Aber viel tut sich nicht. »Trotz volkswirtschaftlicher Vorteile und vieler Annehmlichkeiten für den Benutzer«, wunderte sich Bundesforschungsminister Matthöfer vor vier Jahren, würden erst sechs bis sieben Prozent des Heizbedarfs durch Fernwärme gedeckt. Und daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Der Fünf-Jahres-Plan, auf den sich Bund und Länder 1980 verständigt hatten, sollte den Durchbruch bringen. Aber die 20 Millionen Mark, die nun noch im Bundeshaushalt 1981 für Fernwärme-Investitionen übrig sind, haben bestenfalls eine Alibi-Funktion: Die Länder sollen nicht behaupten können, der Bund habe das Programm platzen lassen. Die Bonner möchten Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg die Schuld zuschieben.

In der Tat hatte Stoltenberg im Sommer des vergangenen Jahres den Beschluß der Länder-Wirtschaftsminister, sich die Kosten des Fernwärme-Programms mit dem Bund zu teilen, praktisch zu den Akten gelegt. Stoltenberg schrieb an Bundeskanzler Helmut Schmidt, die unionsregierten Länder seien vorerst nicht bereit, neue Mischfinanzierungs-Programme aufzulegen.

Der Bund solle doch, schlug der Kieler Regierungschef vor, den Ländern seinen Anteil von 600 Millionen am Programm zuweisen, wenn ihm so viel am Ausbau der Fernwärme gelegen sei. Matthöfer wollte nicht.

So können Rohre und Anschlüsse für die Fernbeheizung in den kommenden Jahren nur mit den bescheidenen Mitteln finanziert werden, die Bund und Länder in ihrem Programm für Zukunftsinvestitionen vorgesehen haben. Diese Mittel aber sind zu 80 Prozent bereits anderweitig verplant.

Dabei könnten in den nächsten fünf Jahren rund zehn Milliarden Mark in den Ausbau des Fernwärme-Netzes investiert werden. Der Bedarf ist da.

Doch die Versorgungsunternehmen brauchen die staatlichen Zuschüsse, vor allem um Kohleheizkraftwerke bauen zu können. Die hohen Investitionskosten können sie nämlich nicht voll auf die Preise schlagen: Um Kunden für eine Umstellung von Öl oder Gas auf Fernwärme zu gewinnen, müssen sie mit niedrigeren Preisen locken.

Die Versorgungsunternehmen haben bereits bewiesen, daß sie nicht bereit sind, auf eigene Rechnung die Energiebilanz der Bundesrepublik langfristig zu bessern. Nachdem im abgelaufenen Jahr bereits 1,06 Milliarden Mark für Fernwärme-Anlagen investiert wurden, ließ das Interesse jäh nach.

Als die Stromerzeuger nämlich davon Wind bekamen, daß die Bonner künftig mit den Zuschüssen geizen wollen, strichen sie prompt ihre Investitionspläne zusammen: Für Fernwärme-Netze geben sie schon 1981 nur 911 Millionen Mark aus -- und dann wird es von Jahr zu Jahr weniger.

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